Grundschule : Zweitklässler in der Onlinekonferenz

Drei Kinder statt 18, ein Anruf am Tag: Eine Schule in Hamburg zeigt, wie man sozial benachteiligten Schülern jetzt helfen kann.

Dieser Artikel erschien am 04.05.2020 auf ZEIT Online
Parvin Sadigh
Schularbeit online: Das könnte auch in deutschen Grundschulen bald normal sein.
©Getty Images

Mittwochnachmittag, 15.30 Uhr, Mathe bei Frau Riegamer. Nach 30 Minuten Unterricht rutscht Görkems* rundes Gesicht unten aus dem Bildschirm heraus. Kurz darauf erscheint es wieder ganz nah, man sieht jetzt nur noch schwarzes Haar, Stirn, eine Wange des Jungen. Mathe über die Onlinekonferenzplattform Jitsi Meet ist für die drei Zweitklässler sehr intensiv.

Die Lehrerin Heike Riegamer, die in normalen Zeiten die Eulenklasse in der Schule Sterntaler Straße in Hamburg Billstedt unterrichtet, sagt: „Für heute reicht es.” Spielen wollen Görkem, Lea und Medina aber schon noch: Mister X, bei dem zwei eine Zahl erfragen müssen, die sich das dritte Kind ausgedacht hat. Aber die Konzentration ist weg. Zuvor haben die drei mit der Lehrerin ihre Hausaufgaben im Matheheft besprochen, sie hatten sogar mehr gemacht als verlangt. Sie haben ungerade Zahlen im „Tipp-Spiel” geübt und sich mit einem Lernvideo ans Multiplizieren herangetastet.

Sieht so das Lernen der Zukunft aus? Klar ist, für die Eulen wird es bis zu den Sommerferien höchstens stundenweise Unterricht im Klassenzimmer geben, möglicherweise wird es sogar bis ins nächste Jahr nicht mehr normal in den Schulen zugehen, wie Bildungsministerin Anja Karliczek angedeutet hat. Das ist für alle Kinder und alle Eltern brisant. Die größte Sorge gilt aber Kindern aus sozial benachteiligten Familien, wie denen aus Billstedt. Sie könnten zu den größten Verlierern der Corona-Krise gehören. Ihre Eltern können ihnen bei den Aufgaben oft nicht so gut helfen wie die bildungsbürgerlichen – weil sie zum Beispiel nicht gut Deutsch sprechen oder weil sie gar keine Zeit haben.

Die Kinder haben manchmal keinen Ort, an dem sie sich konzentrieren können. Es gibt oft keinen Drucker und keinen Computer, den sie jederzeit benutzen können. Wenn bei ihnen also Lernvideos und Arbeitsblätter per Mail eintrudeln, ohne dass Lehrerinnen und Lehrer helfen und Feedback geben, sind sie deutlich im Nachteil. Eine Umfrage unter Eltern, Lehrern und Schülern deutet darauf hin, dass 30 Prozent der Kinder möglicherweise deutlich zurückfallen könnten, während andere, privilegierte trotz der Schulschließungen Lernfortschritte machen werden. Der Bildungsforscher Klaus Klemm sagt: „Mit jedem Tag Abstand zur Schule droht die Bildungsungerechtigkeit weiter zu wachsen.” Er fordert, diese Kinder besonders zu unterstützen.

Klassischer Grundschulunterricht mit Bonus

Die Schule Sterntaler Straße macht das bereits. Der Online-Unterricht läuft einerseits wie klassischer Grundschulunterricht im Klassenzimmer auch. Die Schüler werden ständig ermutigt, selbst herauszufinden, was richtig ist und einander zu helfen. Sie arbeiten in ihren Heften. Andererseits kommt das Lernvideo als Bereicherung hinzu – und die Klassengröße.

Riegamer unterrichtet die Kinder jeden zweiten Tag in Mathe, immer zwei bis drei Zweitklässler auf einmal. Die anderen Tage übernimmt ihre Kollegin Susanne Kühn und übt Lesen und Schreiben. Auf diese Weise haben die Schüler zwar nur eine Schulstunde pro Tag und nur zwei reguläre Fächer, aber der Unterricht sei sehr effektiv, sagt Riegamer. Ein wenig davon würde sie gerne in die Zeit nach Corona herüberretten. Die Kinder lernen nicht nur viel. Die Lehrerinnen kommen den einzelnen Schülerinnen und Schülern in den kleinen Gruppen näher als sonst, verstehen, wie sie denken, was sie brauchen. Viel besser als im herkömmlichen Unterricht mit 18 Kindern in der Klasse.

Täglich ein Anruf bei jedem Kind

In der Schule Sterntaler Straße haben die meisten Kinder Deutsch erst als Zweitsprache gelernt. Viele Eltern leben von Hartz IV oder verdienen wenig. Was nicht heißt, dass sie sich nicht kümmern. Manche Eltern hätten Angst, dass sie ihren Kindern nicht gut genug helfen und dass sie den Anschluss verpassen durch die Corona-Krise, erzählen die Lehrerinnen. Und sie sorgen dafür, dass sie pünktlich in der Yitsi-Meet-Konferenz sitzen, sei es im Wohnzimmersessel oder auf dem Ikea-Kinderschreibtischstuhl.

Die Verbindung zu den Eltern sei enger geworden, das sei auch ein Vorteil, sagt Deutschlehrerin Kühn. Die Lehrerinnen ermutigen sie einerseits, sich selbst nicht zu überfordern und die Kinder selbstständig arbeiten zu lassen. Andererseits können sie ihnen Anregungen geben, was sie gemeinsam machen können – eine Tanzchoreografie weiterentwickeln und als Video hochladen, Sport, Basteln, Backen. Alle Mathe- und Deutschaufgaben werden korrigiert, zur Not mit Hilfe von Honorarkräften, die aus den Töpfen des Bildungs- und Teilhabepakets bezahlt werden.

In den ersten Wochen nach der Schulschließung haben Kühn und Riegamer jeden Tag jedes Kind der Eulenklasse angerufen – neun Kinder pro Lehrerin. Sie haben eine halbe Stunde Lesen geübt oder gemeinsam Matheaufgaben gelöst. „Die Telefonzeit war auch spannend”, sagt Kühn, „wann redet man so intensiv mit jedem einzelnen Kind?” Dafür haben sie in Kauf genommen, manchen Schüler erst nachmittags zu erreichen, etwa weil die Mutter ihr Kind aus Mangel an Betreuungsmöglichen tagsüber mit zur Arbeit nimmt. Die Lehrerinnen laufen auch heute noch durch das Viertel, verteilen Arbeitsblätter, Lexika und Spielanregungen in die Briefkästen oder erklären den Eltern und Kindern, wie sie die richtige App auf dem Smartphone installieren können, immer im Sicherheitsabstand.

Drei Wochen könne man so gut überbrücken, Gelerntes üben und festigen, sagt Riegamer. „Jetzt müssen wir aber auch mal wieder neuen Stoff durchnehmen.” Das klappt am Telefon schlecht, in den Onlinekonferenzen können sie viel besser sehen, was die Kinder wirklich tun. Außerdem können wenigstens zwei oder drei Kinder wieder miteinander und voneinander lernen.

Das Wörterbuch bringt die Lehrerin vorbei

Donnerstagmorgen, 10 Uhr, Deutsch bei Frau Kühn. Auch hier gibt es neuen Stoff, die Kinder sollen lernen mit dem Wörterbuch umzugehen. Valentina ist schon da, sie zappelt auf ihrem rosa Drehstuhl herum. Melissa ist auch zu sehen, aber nicht zu hören. Sie wählt sich immer wieder neu ein – nach ein paar Minuten hat sie es geschafft. Valentina hat noch kein Wörterbuch. „Macht nichts”, sagt Susanne Kühn, „ich bringe es dir nachher vorbei.” So schreibt also Valentina jeweils drei Wörter pro Buchstabe und Melissa sucht im Wörterbuch, auf welcher Seite das A beginnt und wieder endet. Sie hilft Valentina Wörter mit C am Anfang zu finden. Zuvor bewundern sie den Trickfilm, den Kühn selbst gebaut hat. Die Kinder haben dazu die Dialoge der Hasen und Schafe geschrieben und eingesprochen.

Der typische Grundschulunterricht ist auch hier im besten Sinne individualisiert. Die Lehrerin hat sehr viel Zeit für jedes Kind, kann die Aufgaben an seine Stärken und Schwächen anpassen. Es geschieht also genau das, was Kinder brauchen, die mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule kommen. Alles prima also?

Leider nicht alles. Manches geht nun nur noch oberflächlich. Kunst, Musik und Sport etwa. Dafür werden zwar Anregungen hochgeladen und die Kinder können ihre Ergebnisse als Fotos oder Videos in sogenannten Padlets zeigen, aber all das bleibt freiwillig. „Wir wollen auf keinen Fall die Eltern überfordern”, sagt Kühn. Andere Fragen sind jedoch noch problematischer – etwa die nach den Geräten und der Technik. Laut Schulleiterin Svenja Otto haben von den 227 Kindern an der Schule immerhin 200 Internetzugang zu Hause, aber nur 141 der Familien haben auch einen Computer, Tablet oder Laptop. Zurzeit reicht also oft Mama ihr Smartphone an den Sohn weiter – der Bildschirm ist klein und die Konzentration leidet.

Schule ist trotzdem besser

Zur Gruppe von Melissa und Valentina gehört eigentlich noch ein Junge, der aber gerade bei seinem Vater ist. Mit einer Internetverbindung hat es dort nicht geklappt, nächste Woche kann er hoffentlich einsteigen, wenn er wieder in Hamburg bei seiner Mutter ist. Ein Kind war bisher nicht dabei, weil die Eltern nicht verstanden haben, wie sie die Jitsi-Meet-App einrichten sollen. Auch ein Besuch von Kühn hat zunächst nicht geholfen, weil Lehrerin und Eltern sich einfach in keiner Sprache verständigen konnten. Aber auch das Problem haben sie inzwischen gelöst.

Die Schule kann bislang noch keine Tablets verleihen. Zwar wären iPads für alle Kinder die nächste Anschaffung über den Digitalpakt gewesen, so der Plan – aber sie sind nun mal noch nicht da. Immerhin hat die Direktorin in der Krise Geld von einer Stiftung bekommen und einige iPads bestellt, die sie in etwa vier Wochen weiterreichen kann.

Über die technischen Probleme hinaus gibt es allerdings auch Kinder, mit denen die Lehrerinnen zu Hause einfach keinen guten Kontakt herstellen können. Ein Junge hat am Telefon Wutanfälle bekommen, seine Fähigkeiten im Lesen haben laut Kühn schon in der kurzen Zeit abgenommen. Zwei Inklusionskinder waren am Telefon ebenfalls nicht zu motivieren, es war sehr laut im Hintergrund. Die Eltern hatten so viel Angst vor dem Virus, dass sie ihre Kinder gar nicht mehr rausgelassen haben. Sie mussten sich dringend wieder bewegen. Nun haben die Lehrerinnen erreicht, dass die beiden Inklusionskinder trotz Coronavirus wieder Hilfe von ihren Schulbegleitern bekommen und in der Schule intensiv betreut werden. Es ginge ihnen jetzt deutlich besser, sagen sie.

Sobald der Unterricht für die Viertklässler wieder losgeht und die Notbetreuung ausgebaut wird, könnten Riegamer und Kühn nicht mehr so viel Zeit finden für ihren Online-Unterricht, für die selbst gedrehten Lernvideos, Trickfilme und die Besuche zu Hause. „Aber auch dann finden wir eine Lösung”, sagt Riegamer.

Jedenfalls wünschen sie sich für die Eulen, dass sie wenigstens stundenweise wieder in die Schule dürfen. Denn eines fehlt wirklich und lässt sich nicht durch den Kauf von iPads und die besten Lernvideos ersetzen. Kinder lernen voneinander und miteinander. Sie brauchen die anderen Kinder. Was sagen sie selbst? Görkem, Lea und Medina sind sich einig: Es geht ihnen gut so, „aber Schule ist besser”.

* Die Namen der Kinder sind geändert.