Dieser Artikel erschien am 15.11.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Swantje Unterberg

Lehrer-Umfrage : Zu wenig Demokratie in der Schule

Schüler sollen demokratische Werte lernen, so steht's in den Schul­gesetzen. Doch das Fach Demokratie findet sich nicht auf dem Stunden­plan. Eine neue Studie zeigt, wie vernachlässigt das Thema im Schul­alltag ist.

Schulunterricht in Bremen
Schulunterricht in Bremen
©dpa

Respekt vor unterschiedlichen Lebensweisen, die Wertschätzung anderer Meinungen und der Schutz von Minder­heiten: Das sind demo­kratische Werte, die Schüler neben Lesen, Schreiben und Rechnen in der Schule lernen sollen. Doch anders als Mathe und Deutsch steht Demokratie nicht auf dem Stunden­plan. Eine Studie hat erstmals unter­sucht, wie es um die Demokratie­bildung an deutschen Schulen steht. Das Ergebnis: nicht allzu gut.

Klar ist bereits seit einer früheren Untersuchung: Schon der fachbezogene Politik­unter­richt kommt in Deutschland zu kurz. Forscher des Berliner Instituts für Gesellschafts­forschung haben jetzt untersucht, ob und wie Demokratie­bildung auf anderem Weg Eingang in den Unterricht findet. Die Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung wird am Donnerstag veröffentlicht.

Die Forscher haben bundes­weit Lehrerinnen und Lehrer befragt, weil die bei der Demokratie­vermittlung eine Schlüssel­rolle spielen. Das Interesse galt dabei besonders der Unterrichts­kultur. So wollten die Studien­autoren von den Lehrern zum Beispiel wissen, ob sie diskriminierende Äußerungen und Begriffe dulden oder ob sie im Unterricht unter­schiedliche Sicht­weisen auf umstrittene Themen vorstellen.

Außerdem wurden die Pädagogen gefragt, welche Aspekte der Demokratie­bildung in ihren Unterricht einfließen.

Darüber hinaus untersuchten die Forscher, wie wichtig Demokratie­bildung im Arbeits­all­tag der Lehrer ist und welche Faktoren Einfluss darauf haben, wie stark sich die Pädagogen in der Demokratie­bildung engagieren.

Das sind die wichtigsten Ergebnisse:

  • Der Stellenwert der Demokratie­bildung in ihrem Schulalltag ist nur bei knapp vier Prozent der Befragten hoch. Für die meisten Lehrer (95 Prozent) ist schulische Demokratie­bildung nur von mittlerer Bedeutung.
  • Die Mehrheit der Lehrer bewertet ihre eigene Unterrichts­kultur als demokratie­bildungs­fördernd: Fast drei Viertel der Befragten gaben an, selbst einen demokratischen Umgang mit ihren Schülern zu pflegen und ihnen Orientierung an Werten wie Respekt, Fairness und Gleich­behandlung zu vermitteln.
  • Themen der Demokratiebildung nehmen bei knapp drei Viertel der Befragten einen mittleren Stellen­wert ein. Nur bei jeder vierten Lehr­kraft sind diese Themen im Unterricht stark präsent. Dieser Anteil steigt auf 29,2 Prozent, wenn nur Lehrer berücksichtigt werden, die gesellschafts­wissen­schaftliche Fächer unterrichten.
  • In der Praxis sind die Beteiligungs­möglichkeiten für Schüler aller­dings gering: Dazu zählen etwa Schüler­parlamente oder Projekt­wochen mit Fragen zur Demokratie­entwicklung. Weniger als zehn Prozent der Lehr­kräfte geben an, dass ihre Schüler mit solchen Formaten der Demokratie­bildung in den letzten zwölf Monaten Erfahrungen machen konnten. Und nur jeder zweite Lehrer hat sich von seinen Schülern in diesem Zeitraum ein systematisches Feedback geben lassen, bei dem auch Kritik am Unterricht geübt werden konnte.

Diese Faktoren wirken sich auf das Engagement aus:

Das Engagement unterscheidet sich je nach Herkunft, Alter und Schulform der Pädagogen. Das Geschlecht der Lehrer hat dagegen keinen Einfluss:

  • Bei Befragten, die älter als 43 Jahre alt sind, ist die Intensität schulischer Demokratie­bildung höher als bei jüngeren Lehrern.
  • Befragte aus ostdeutschen Bundes­ländern sind deutlich engagierter in der schulischen Demokratie­bildung als die west­deutschen Kollegen.
  • Gymnasiallehrer haben signifikant höhere Werte als jene, die an Förder­schulen arbeiten.

Das empfehlen die Forscher:

In der Studie wurde auch untersucht, welche Faktoren Lehrer bestärken, die Demokratie­bildung auszubauen. Dabei kamen die Autoren zu dem Schluss, dass der Stellen­wert der Demokratie­bildung insbesondere in der Aus- und Fort­bildung erhöht werden sollte. Bisher kommt das Thema in der Lehrer­bildung eher selten vor: Nur 16 Prozent der Befragten haben sich demnach im Studium intensiv damit aus­einander­gesetzt. Im Referendariat sinkt der Wert auf 13 Prozent, in der Weiter­bildung ist das Thema für 18 Prozent von hoher Relevanz.

Positiv für die Bereitschaft der Lehrer zur Demokratie­bildung sei zudem, wenn die Lehrer sich als selbst­wirksam empfinden und der Über­zeugung sind, auch schwierige Situationen meistern zu können. Auch dies ist nach Meinung der Forscher ein Thema, das in der Aus- und Fort­bildung stärker berücksichtigt werden sollte.