Praxiskonzepte : „Ziffernnoten passten nicht mehr zum Unterricht“

Schulnoten halten sich im Bildungssystem hartnäckig als bewährte Form der schnellen und vergleichbaren Rückmeldung. Doch es gibt längst auch Schulen, die auf Noten verzichten. Das Schulportal hat sich zwei Konzepte aus der Praxis näher angesehen und wichtige Erfolgsfaktoren identifiziert.

Florentine Anders / 09. Dezember 2019
An der Integrierten Gesamtschule List Hannover bestimmen die Schülerinnen und Schüler ihre Ziele im Lerndialog.
©Traube47 (Robert Bosch Stiftung)

Schulnoten sind noch immer die gängige Form der Leistungsbeurteilung. Doch wie sinnvoll sind sie? In dem neuen Buch „Lernen ohne Noten“ erklären Bildungsforscherin Silvia-Iris Beutel und Bildungsforscher Hans Anand Pant, warum es immer noch Noten gibt, gleichzeitig zeigen sie alternative Wege der Leistungsbeurteilung auf. In der Praxis von Schulen hat sich gezeigt, dass diese Alternativen durchaus erfolgreich sein können. Allerdings gehört dazu mehr, als Noten nur durch verbale Leistungsbeurteilungen zu ersetzen. Das Schulportal hat sich gemeinsam mit Silvia-Iris Beutel zwei Konzepte näher angesehen, um das jeweilige Erfolgsgeheimnis zu entschlüsseln.

Lernförderliches Feedback an der IGS List in Hannover

An der Integrierten Gesamtschule (IGS) List in Hannover gibt es Noten erst ab der neunten Klasse. Anstelle von Noten hat die Schule das Konzept des „lernförderlichen Feedbacks“ entwickelt. „Die größte Schwierigkeit bestand darin, das Feedback so zu gestalten, dass es wirklich lernwirksam wird“, sagt Schulleiterin Petra Hoppe. Die gängigen Lernentwicklungsberichte, die an vielen Schulen an die Stelle der Zeugnisse treten, seien dafür jedenfalls nicht geeignet, so Hoppe. Die Berichte seien sehr zeitaufwendig, und der Effekt sei gering gewesen.

Ein entscheidender Faktor sei der richtige Zeitpunkt des Feedbacks. Es nütze wenig, wenn das Feedback am Ende einer Unterrichtseinheit komme und die Schülerin oder der Schüler nichts mehr aufholen oder korrigieren könne. Die IGS List hat verschiedene Feedback-Instrumente ausprobiert. Mittlerweile gibt es ein Zusammenspiel von mehreren bewährten Instrumenten. Dazu gehören der „Schüler-Eltern-Lehrer-Dialog“, der „Lernentwicklungsordner“ oder auch die halbjährlichen „Lernentwicklungsberichte“.

Bildungsforscherin Silvia-Iris Beutel sieht bei der IGS List wichtige Erfolgsfaktoren vor allem in der Vielfalt der Instrumente und dem demokratischen Umgang damit: „Wenn Lernen herausfordernd, konstruktiv und kooperativ sein soll, gehören Selbst- und Fremdeinschätzung mit vielfältigen Instrumenten und Verfahren in den Kern der Unterrichtsentwicklung. Sie werden zum gemeinsamen Anlass für den Austausch von Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern. Auf beiden Seiten beständig an Verständigung und Verantwortungsübernahme zu arbeiten stärkt die demokratische Kultur einer Schule und gelingt, wenn die Konzepte formativer Leistungsbeurteilung von einer kollegialen Haltung und Professionalität in der Anwendung getragen werden.“

Das Schulkonzept

Mehr über das „lernförderliche Feedback“ an der IGS List erfahren Sie in dem Video und in der Konzeptbeschreibung mit Materialien zum Download.

Lernwegheft an der Waldschule Flensburg

Jedes Kind an der Waldschule in Flensburg erhält ein „Lernwegheft“, das es während der gesamten Grundschulzeit begleitet. In dem Heft werden für jedes Halbjahr die zu erreichenden Kompetenzen für die Fächer Deutsch und Mathematik kleinschrittig und in kindgerechten Formulierungen aufgeführt. Die Kinder können ihre Lernfortschritte außerdem durch verschiedene Farben in dem Heft markieren.

Mit ihrem alternativen Konzept „Mein Lernweg“ kann die Waldschule komplett auf Schulnoten verzichten. „Wir haben unseren gesamten Unterricht individualisiert und auf die heterogenen Lerngruppen ausgerichtet – dazu passten die Ziffernnoten einfach nicht mehr“, sagt Schulleiter Volker Masuhr. Die Akzeptanz der alternativen Leistungsbeurteilung sei im Kollegium deshalb von Anfang an groß gewesen. Die Eltern habe die Schule durch Fortbildungsveranstaltungen mitnehmen können. Auch die Mütter und Väter würden schließlich von den Lernwegheften profitieren. Die differenzierte Auflistung der Kompetenzen zeigt ihnen schnell, woran ihr Kind gerade arbeitet, und macht die zu erreichenden Standards transparent. Wichtig sei, betont der Schulleiter, dass das Lernwegheft immer wieder von den Lehrkräften nach Bedarf angepasst wird, es solle kein feststehendes Konstrukt sein.

Beim Konzept der Waldschule hebt Bildungsforscherin Silvia-Iris Beutel vor allem das Zutrauen in die Kinder als wichtige Voraussetzung für das Gelingen hervor: „Lernen ohne Noten verlangt, dass Lehrerinnen und Lehrer ihre Aufgaben und Rollen klären und miteinander abstimmen. Dazu gehört, Zutrauen in die Selbstorganisation der Kinder zu haben, ohne deren Planungen durch vorschnelle Einwände zu stören oder gar zu verhindern. Es gehört ebenso dazu, Eltern über alternative Formen der Leistungsbeurteilung nicht nur zu informieren, sondern sie erfahren zu lassen, dass dies eine pädagogische Investition in die Lernerfolge ihrer Kinder ist.“

Das Schulkonzept

Wie das Konzept der Waldschule Flensburg genau funktioniert, können Sie hier nachlesen. Die Schule stellt auf dem Schulportal auch Material zum Download bereit.