Integration : Zahlen und Fakten über herkunftssprachlichen Unterricht

„As-salam alaykum!“, „Merhaba!“, „Cześć!“, „Priwjet!“ – Im herkunftssprachlichen Unterricht können Kinder und Jugendliche mit Migrations­hinter­grund die Kenntnisse und Kompetenzen in ihrer Mutter­sprache stärken. Zwar steht im deutschen Schul­system das Lernen und Beherrschen der deutschen Sprache an oberster Stelle, doch das Vertiefen der Herkunfts­sprache schließt dieses Ziel nicht aus. Im Gegen­teil! Studien belegen, dass die Pflege der Herkunfts­sprache nicht nur die Sprach­kompetenz festigt, sondern auch den Erwerb der deutschen Sprache positiv beeinflusst – Hinter­grund ist die Erkenntnis, dass Sprachen­lernen desto leichter fällt, je mehr Sprachen jemand spricht. Das Deutsche Schul­portal sammelt die wichtigsten Zahlen und Fakten zum Thema.

Antje Tiefenthal / 24. April 2018
Was ist besser: Intensiv Deutsch lernen oder die eigene Herkunftssprache stärken? Beides! Denn die Pflege der Herkunftssprache festigt die Sprachkompetenz und fördert auch den Erwerb der deutschen Sprache.
©photocase (rosabrille)

Unterricht in der Herkunftssprache: Zehn Bundesländer machen mit

Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und ab dem Schul­jahr 2018/2019 auch das Saar­land: Diese zehn Bundes­länder und Stadt­staaten bieten an aus­gewählten Schulen Arabisch-Unter­richt an. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage des Spiegel-Magazins unter den Kultus­ministerien der Länder. Nur in sechs Bundes­ländern gibt es demnach keinen staatlich finanzierten und organisierten herkunfts­sprachlichen Unter­richt. Dazu zählen unter anderem Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Thüringen. In Bayern gehört der „mutter­sprachliche Ergänzungs­unterricht“ bereits seit knapp zehn Jahren der Vergangen­heit an. Schon 2004 beschloss die bayerische Regierung, das Angebot nicht länger zu finanzieren und inner­halb von fünf Jahren völlig ab­zu­schaffen.

Von A wie Arabisch und Albanisch bis T wie Türkisch und V wie Vietnamesisch

Für seine Ankündigung, den Arabisch-Unter­richt ein­zu­führen, ist der saar­ländische Minister für Bildung und Kultur, Ulrich Commerçon (SPD), von vielen Seiten kritisiert oder gar an­gefeindet worden. Dabei zeigt die „Spiegel“-Umfrage, dass die Mehr­heit der Länder längst Arabisch auf dem Stunden­plan einge­plant hat. Außer­dem ist Arabisch nur eine von vielen Sprachen, die für Schüler­innen und Schüler mit Migrations­hinter­grund als herkunfts­sprachlicher Unter­richt in­frage kommen. Laut vorläufigen Zahlen des Statischen Bundes­amts für das Schul­jahr 2017/2018 hat etwa ein Drittel der rund 11 Millionen Lernenden, die aktuell in Deutsch­land unter­richtet werden, einen Migrations­hinter­grund, und 10,7 Prozent der Kinder besitzen nicht die deutsche Staats­angehörig­keit. Das erklärt das große Spektrum an Herkunfts­sprachen, die hier­zulande an Schulen, in Konsulaten, Gemeinden oder Vereinen unter­richtet werden. An Hamburger Schulen sind es neben Arabisch auch Albanisch, Bosnisch, Dari, Farsi, Polnisch, Russisch und Türkisch. Die Schulen in Hessen boten im Schul­jahr 2016/2017 Unter­richt in insgesamt elf Sprachen für Kinder aus Zu­wanderer­familien an – darunter zum Beispiel Italienisch, Griechisch, Portugiesisch und Serbisch. In Sachsen wiederum, das an Polen und an die Tschechische Republik grenzt, können Kinder auch in ihrer polnischen oder tschechischen Mutter­sprache unter­richtet werden. In Branden­burg können Kinder vietnamesischer Herkunft zusätzlich Unter­richt in ihrer Herkunfts­sprache in Anspruch nehmen.

Kinder mit Migrationshintergrund sollen Deutsch und Muttersprache lernen

Rund neun von zehn Eltern mit Migrations­hinter­grund ist es wichtig, dass ihre Kinder in ihrer Mutter­sprache unter­richtet werden. Das ist das Ergebnis einer im Dezember 2016 veröffentlichten Studie unter Hamburger Zuwanderer­familien. Die Befragung der Universität Hamburg mit Unter­stützung der Stiftung Mercator ist bis­lang die erste größere, repräsentative zu diesem Thema. Der Groß­teil der rund 3.000 Eltern gab an, dass sie sich von dem herkunfts­sprachlichen Unter­richt eine bessere Integration ihrer Kinder und mehr Erfolg in der Schule erhoffen. Die Studie kommt aber auch zu dem Ergebnis, dass vor allem an Gymnasien schul­eigene Angebote bisher ein Mangel sind. Darum würden viele Eltern auf externe Angebote ausweichen – zum Beispiel auf herkunfts­sprachlichen Unter­richt, der nicht von den Schulen selbst, sondern von Vereinen oder den Konsulaten organisiert wird.

Arabisch, Griechisch & Co – Hessens Schulen bieten Unterricht in insgesamt elf Sprachen an.

In Baden-Württemberg nimmt Bedarf an herkunftssprachlichem Unterricht ab

Während in Hamburg die Nach­frage höher ist als das schulische Angebot, geht in Baden-Württem­berg der Bedarf an mutter­sprachlichem Unter­richt zurück. Baden-Württem­berg gehört zu den sechs Bundes­ländern, an denen die Schulen selbst keinen herkunfts­sprachlichen Unter­richt anbieten. Kindern mit aus­ländischen Wurzeln müssen dafür Angebote von den Konsulaten ihrer Herkunfts­länder wahr­nehmen. Nach aktuellen Angaben des Stuttgarter Kultus­ministeriums nehmen im laufenden Schuljahr 2017/2018 exakt 38.509 Kinder Schüler­innen und Schüler daran teil – zwei Schul­jahre zuvor waren es noch rund 3.700 mehr. Nach Angaben einer Sprecherin von Kultus­ministerin Susanne Eisenmann (CDU) gehen der Bedarf und die Akzeptanz in erster Linie in den großen Gruppen zurück. Große Gruppen – dazu gehören vor allem Kinder und Jugendliche türkischer Herkunft.

Auf einen Blick:

  • Bislang bieten 9 von 16 Bundesländern herkunftssprachlichen Unterricht an. Das Saarland will ab dem Schuljahr 2018/2019 nachziehen.
  • Das Spektrum der Herkunftssprachen ist groß: Arabisch, Bosnisch, Dari, Farsi, Französisch, Italienisch, Polnisch, Portugiesisch, Serbisch, Türkisch, Vietnamesisch …
  • Rund neun von zehn Hamburger Eltern mit Migrationshintergrund legen Wert darauf, dass ihr Kind an herkunftssprachlichem Unterricht teilnimmt.
  • In Baden-Württemberg sind die Konsulate für den Muttersprachenunterricht von Kindern aus Zuwandererfamilien zuständig. Der Bedarf dafür geht allmählich zurück.
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