School to go : Woran man gute digitale Lernangebote erkennt

Derzeit gibt es eine Flut von digitalen Lernangeboten für den Fernunterricht. Doch woran erkennen Lehrkräfte und Eltern, ob die Qualität der Angebote stimmt? Die neue Lernplattform „School to go“ – eine gemeinsame Initiative des Forschungsinstituts Bildung Digital (FoBiD) an der Universität des Saarlandes, der DFKI-Forschungsgruppe Smart Enterprise Engineering an der Universität Osnabrück und der Didactic Innovations GmbH – bündelt qualitätsgesicherte digitale Lernangebote. Julia Knopf, Bildungsforscherin und Mitinitiatorin der Plattform, erklärt im Interview mit dem Schulportal, worauf Lehrkräfte bei der Auswahl achten sollten.

Florentine Anders / 13. Mai 2020
Die Lernplattform "School to go" bietet eine Auswahl an qualitätsgesicherten digitalen Lernangeboten für alle Jahrgangsstufen.
© Carmen Jaspersen/dpa

Schulportal: Lehrkräfte werden seit Beginn der Corona-Krise mit Angeboten für das digitale Lernen überschwemmt. Viele sind überfordert, eine Auswahl zu treffen. Auf Ihrer Plattform „School to go“ bieten Sie einen Überblick über digitale Formate, die pädagogischen Qualitätskriterien entsprechen. Nach welchen Kriterien gehen Sie dabei vor?
Julia Knopf:
Auf der Plattform „School to go“ sind sowohl von uns selbst kreierte Angebote als auch eine kuratierte Auswahl von anderen Anbietern zu finden. Ein ganz wichtiges Qualitätskriterium ist dabei, dass die Angebote lehrplankonform sind, das heißt, sie müssen zu den festgelegten Bildungsstandards der Länder in den verschiedenen Fächern und Jahrgangsstufen passen. Lehrkräfte erkennen sehr schnell, zu welchen Kompetenzen im Lehrplan die jeweiligen Formate gehören. Wir wollen aber auch Eltern und Schülerinnen und Schüler mit der Lernplattform ansprechen.

Prof. Julia Knopf
©Lehrstuhl Fachdidaktik Deutsch Primarstufe Universität Saarland

Was macht aus didaktischer Sicht ein gutes Angebot aus? Worauf sollten Lehrkräfte achten, wenn sie sich für ein digitales Format entscheiden?
Ganz wichtig ist natürlich, dass das Angebot fachlich richtig ist. Das ist keineswegs selbstverständlich. Wir haben zum Beispiel digitale Tools für Mathematik in der Oberstufe überprüft und darin echte Fehler gefunden. Häufig sind auch Rechtschreibfehler in den Lernangeboten enthalten. Nicht jeder Anbieter, der zum Beispiel eine App schön gestalten kann, hat auch die fachliche Expertise. Auf den ersten Blick sehen die Tools dann sehr gut aus, halten aber einer Überprüfung nicht stand. Oft hilft es schon, sich den Absender des Angebots genauer anzusehen. Darüber hinaus schauen wir bei der Auswahl, ob die Angebote motivierend sind, ob sie ein nachhaltiges, kontinuierliches Lernen ermöglichen und ob sie gut kombinierbar sind mit dem Unterricht.

Nicht jeder Anbieter, der zum Beispiel eine App schön gestalten kann, hat auch die fachliche Expertise.

Was zeichnet ein motivierendes und kombinierbares Angebot aus? Können Sie das an einem konkreten Beispiel erklären?
Wir haben zum Beispiel ein digitales Lernangebot im Fach Deutsch für die siebten und achten Klassen, das sich „Durchatmen und durchstarten“ nennt. Es geht darum, ein sicheres Auftreten bei Referaten zu trainieren. Viele Schülerinnen und Schüler haben regelrecht Angst davor, vor der Klasse ein Referat zu halten. Das Angebot enthält motivierende Übungen, die schnell umsetzbar sind und Hemmschwellen abbauen. Das Angebot ersetzt nicht den Unterricht oder das Referat in der Klasse, sondern funktioniert eben in der Kombination. Ein anderes Angebot im Fach Deutsch hilft zum Beispiel beim Leseverständnis, wenn es um Diagramme geht. Viele Kinder haben Schwierigkeiten, Informationen aus Diagrammen herauszulesen. Die Kinder werden durch einen Chatbot mit Fragen und Antworten interaktiv durch das Programm geführt. Das motiviert, weil die Kinder das Gefühl haben, tatsächlich mit dem Chatbot zu reden.

Welche Rolle spielt beim Einsatz des digitalen Tools die Begleitung durch die Lehrkraft?
Wie wichtig dabei die Lehrkräfte sind, wird ja gerade jetzt in der Corona-Krise deutlich. Nach dieser Erfahrung wird wohl nie wieder jemand fragen, ob Lehrkräfte in Zukunft durch Roboter oder YouTuber ersetzt werden. Diese Frage wurde mir noch vor Kurzem tatsächlich häufig gestellt. Wenn man die Schülerinnen und Schüler derzeit befragt, was ihnen im Homeschooling am meisten fehlt, dann ist es der direkte Austausch. Sie vermissen die Möglichkeit, eine Frage stellen zu können und dann auch direkt Hilfe zu bekommen. Eine wichtige Rolle fällt der Lehrkraft auch bei der Auswahl der innovativen Formate zu. Sie muss entscheiden, welches Angebot für die Klasse und für jedes Kind gerade besonders passend ist. Dafür muss die Lehrkraft die Lernentwicklung jedes Einzelnen genau im Blick haben. Und dann müssen die Angebote so arrangiert werden, dass sie mit den anderen Unterrichtsformaten sinnvoll kombiniert werden.

Gibt es aus Ihrer Sicht für den Fernunterricht andere Kriterien bei der Auswahl der digitalen Angebote als für den regulären Präsenzunterricht?
Die Qualitätskriterien für die Angebote sind für den Fernunterricht prinzipiell die gleichen wie für den regulären Unterricht. Der Unterschied ist, dass die Lehrkraft die Schülerinnen und Schüler im Fernunterricht nicht im Blick hat. Sie kann also auch nicht direkt erkennen, ob ein Kind Schwierigkeiten mit dem Tool hat, und dann weiterhelfen. Das kann höchstens zeitversetzt passieren. Das heißt, die Lehrerinnen und Lehrer müssen vorausdenken, welche Probleme die Schülerinnen und Schüler haben könnten. Wichtig sind in diesem Fall Einführungstexte oder Sprachnachrichten, die die möglichen Stolpersteine aufgreifen.

Nur wenn die Entwicklung durch Fortbildungen begleitet wird, kann sie auch nachhaltig sein. Das müsste jetzt dringend nachgeholt werden.

Viele Lehrkräfte experimentieren nun erstmals mit digitalen Unterrichtsformaten. Expertinnen und Experten erhoffen sich dadurch einen großen Schub für die Digitalisierung der Schule. Was ist nötig, damit die geeigneten digitalen Formate auch nachhaltig im Unterricht eingesetzt werden?
Richtig ist, dass es derzeit bei vielen Lehrerinnen und Lehrern einen Bewusstseinswandel gibt. Sie sind offen und probieren Neues aus. Ihnen bleibt auch nichts anderes übrig, sie sind praktisch ins kalte Wasser geworfen worden. Das heißt noch lange nicht, dass sich der Unterricht dadurch nachhaltig verändert. Viele Lehrkräfte sehnen sich vor allem danach, endlich wieder zu ihren gewohnten Unterrichtsformen zurückzukehren. Auch weil ihnen das fundierte Wissen zu den innovativen Formaten fehlt. Eine breite Fortbildungsoffensive für Lehrkräfte in Sachen Digitalisierung hat es noch nicht gegeben. Nur wenn die Entwicklung durch Fortbildungen begleitet wird, kann sie auch nachhaltig sein. Das müsste jetzt dringend nachgeholt werden. Aus meiner Sicht müssten alle Lehrkräfte verpflichtet werden, an Fortbildungen zu dieser Thematik teilzunehmen. Natürlich bei entsprechender Freistellung vom Unterricht für diese Zeit.

Zur Person

  • Julia Knopf ist Inhaberin des Lehrstuhls Fachdidaktik Deutsch mit dem Schwerpunkt Digitalisierung an der Universität des Saarlandes.
  • Dort leitet die Professorin auch das Forschungsinstitut Bildung Digital, das sich auf die Gestaltung digitaler Lernangebote für alle Fächer und Jahrgangsstufen spezialisiert hat.
  • Julia Knopf ist ferner Gründungspartnerin der Didactic Innovations GmbH. Dort entwickelt sie mit ihrem Team innovative digitale Lösungen für die berufliche Aus- und Weiterbildung.

Mehr zum Thema

  • „School to go“ ist eine gemeinsame Initiative des Forschungsinstituts Bildung Digital (FoBiD) an der Universität des Saarlandes, der Didactic Innovations GmbH und der DFKI-Forschungsgruppe Smart Enterprise Engineering an der Universität Osnabrück.
  • Ein 20-köpfiges Team aus Didaktikern und Technologen hat auf der Plattform innovative digitale Lernangebote für Kinder und Jugendliche gebündelt.
  • Alle Inhalte sind lehrplankonform und qualitätsgesichert und stehen den Nutzern kostenlos zur Verfügung.
  • Die Angebote können nach Jahrgangsstufen und Fächern (zum Beispiel Deutsch, Fremdsprachen, MINT und Lern-Mix) gefiltert werden.