Sexuelle Bildung für LehrerInnen : Wissen hilft schützen

Die Unis Leipzig und Merseburg haben ein Curriculum entwickelt, um Lehr­amts­studierenden bei der Sexual­kunde zu helfen. Der Bedarf ist riesig.

Dieser Artikel erschien am 16.11.2020 in der taz
Nina Apin
Lehrerfortbildung
Besonders im Bereich sexuelle Vielfalt und Inklusion gebe es enorm Wissensbedarf, sagt die Dozentin
©Getty Images

Sexualaufklärung ist für Kinder wichtig, darin sind sich Fach­leute einig: Bescheid zu wissen über den eigenen Körper und über Formen gelebter Sexualität, das ist der beste Schutz vor ungewollten Schwanger­schaften, sexuellen Übergriffen und Ausbeutung. In allen Bundes­ländern ist sexuelle Bildung daher verpflichtend in den Lehrplänen verankert – bereits in den Grund­schulen. Doch wie gut sind Lehrkräfte für diese anspruchs­volle Aufgabe gerüstet?

Das haben WissenschaftlerInnen der Universität Leipzig und die Hochschule Merseburg in einem gemeinsamen Pilot­projekt namens „SeBiLe – Sexuelle Bildung für das Lehramt“ erforscht und konkrete Vorschläge für ein Lehramts­curriculum erarbeitet. Am Montag stellten die Projekt­verantwortlichen beider Hochschulen in einer gemeinsamen digitalen Presse­konferenz ihr Curriculum und erste Erfahrungen aus dessen praktischer Anwendung vor.

Zuerst wurden bundesweit 2.771 LehrerInnen sowie Lehramts­studierende zu ihren Erfahrungen und ihrem Kenntnis­stand beim Thema sexueller Bildung befragt. Das Ergebnis ist ernüchternd, wie Heinz-Jürgen Voß von der Hochschule Merseburg zeigte: Die wenigsten TeilnehmerInnen waren im Studium mit dem Thema Sexuelle Bildung in Berührung gekommen – und nur 8 Prozent der Befragten gaben an, dasss der Schutz gegen sexuelle Gewalt in ihrer Ausbildung oder beruflichen Fortbildung eine Rolle gespielt habe. Die meisten Befragten hätten zwar „beträchtliche Wissens­lücken“, so Voß, aber auch eine große Bereitschaft, diese zu schließen. Viele hätten Schwierigkeiten, eine passende Fortbildung zu finden.

Aus den gewonnenen Erkenntnissen zum Fortbildungs­bedarf wurde ein Curriculum entwickelt, das 7.000 Studierende der Universität Leipzig seit dem Sommer­semester 2020 in der Praxis testen. In insgesamt vier Seminaren über zwei Semester befassten sie sich mit Gesetzes­grund­lagen, dem historischen Wandel sexueller Diskurse und Normen, Sexualität und Behinderung, alters­gemäßer Kommunikation sexueller Themen im Unterricht sowie Körper-und Geschlechter­bildern in den Medien.

Gewaltiger Wissensbedarf

Der Zuspruch war enorm, berichtete die Dozentin Lena Lacher am Montag: „Die Kurse waren sofort voll, wir hatten Anfragen ohne Ende.“ Vom Lateinlehrer am Gymnasium bis zur Förderfachkraft sei das Interesse breit gestreut gewesen, besonders im Bereich sexuelle Vielfalt und Inklusion gebe es gewaltigen Wissens­bedarf. Zwei Unterrichts­module waren dem Thema sexualisierte Gewalt gewidmet, ein Thema, das Wolfgang Stein als besonders wichtig einschätzt. Der Psychologe im Beirat des Projekts und Fachberater beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des Sexuellen Kindes­miss­brauchs (UNSKM) sagte: „Wissen hilft schützen.“

Stein lobte das Curriculum: Es schaffe die Grundlage dafür, dass Schulen sexuelle Gewalt besser verhindern und im Akutfall besser intervenieren könnten. Im nächsten Schritt, forderte Stein, müssten die entsprechenden Inhalte auch in den Lehr­plänen verankert werden.

In einem Folgeprojekt sollen auch Studierende in Halle und Berlin das Curriculum testen, die Inhalte werden dabei laufend weiter­entwickelt und an die neue Realität des (teil-)digitalen Unterrichtens angepasst.