Dieser Artikel erschien am 22.01.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Fridtjof Küchemann

Erklärung der Leseforscher : Wir wissen zu wenig, wir denken zu einseitig

Ein Elefant steht im Raum und mahnt zur Sorgfalt: Wie die Stavanger-Erklärung zur Zukunft des Lesens zu lesen ist.

Bücher und Tablet auf einem Schreibtisch
Klassisches Buch oder Tablet nutzen? Bildschirme und bedrucktes Papier sind laut Forschern als Lesemedien nicht gleichwertig.
©Pixabay

Mehr als hundertdreißig Forscher aus mehr als dreißig Ländern: Schon die einfachsten Zahlen des Netzwerks E-READ sind beeindruckend – noch bevor es um die Diversität der Institutionen, Denk­richtungen, Forschungs­ansätze und Erkenntnis­theorien dieser Wissen­schaftler geht, die seit vier Jahren in regem Austausch erkunden, wie sich unsere zentrale Kultur­technik, das Lesen, in einer der größten Umwälzungen schützen und weiter­entwickeln lässt, denen sie in den etwa 5200 Jahren ausgesetzt war, in denen der Mensch nach­weisbar liest.

Unabhängig davon, ob es sich um Buchhistoriker oder Pädagogen, um Geistes­wissen­schaftler oder Hirn­forscher handelt, ob sie mit alten Quellen oder neuesten Methoden arbeiten, die Wissen­schaftler gehen dabei von einer Grund­einsicht aus, die banal klingen würde, wüsste man nicht, wie umstritten sie ist: Sie begreifen die Digitalisierung als unumkehr­baren und durchaus auch aussichts­reichen Entwicklungs­sprung. Dass sie in ihren Folgen unabsehbar ist, macht die wissen­schaftliche Aus­einander­setzung mit ihr so wichtig – und das Forscher­netz­werk mit seinen vielen Stimmen, Fach­sprachen und Zugängen so interessant: auf­geschlossen und unvor­eingenommen, sorgfältig und multi­perspektivisch, eine ausgewogene Stimme, ein Chor vielmehr neben den Markt­schreiern der Technologie­konzerne, neben den eiligen Warn­rufern, die behaupten, die Gesellschaft, der Wirtschaft­stand­ort, das Land würde abgehängt, wenn wir uns nicht augenblicklich alle den vermeintlichen Gesetzen und Geboten der Digitalisierung unterordneten – und neben denen auf der anderen Seite, die am liebsten immer noch den Stecker zögen, die das Internet für Teufels­zeug halten und der Zeit nach­trauern, in der Papier die einzig brauchbare Methode war, um Geschriebenes zu speichern.

Dabei bietet die Digitalisierung viele Chancen nicht nur in der Verarbeitung, Veröffentlichung und Verbreitung von Texten, sondern zum Beispiel auch dabei, Menschen mit Lese­schwierig­keiten Zugang zu einer Informations­quelle zu erleichtern, die der Omnipräsenz des Audiovisuellen zum Trotz unverzichtbar bleibt. Je genauer das Material, die Programme und Geräte dabei auf die Bedürfnisse und Vorlieben des Einzelnen abgestimmt werden, umso leichter können zum Beispiel funktionale Analphabeten lesen lernen. Das heißt aber noch lange nicht, dass auch für alle Lese­anfänger in der Grund­schule der Bild­schirm das ideale Einstiegs­medium wäre. Der so häufig angemahnte schnelle Wechsel in digitale Lern­umgebungen für alle Kinder wird deren Lese- und Lern­fähig­keit beeinflussen. Wenn die Forscher fest­stellen, der unbedachte Über­gang zu digitalen Lern­umgebungen könne zu einer Verzögerung in der Entwicklung des kindlichen Lese­verständnisses und des kritischen Denkens führen, muss man diese forschungs­basierte Warnung von digital­pessimistischen Behauptungen unter­scheiden, die keine Grundlage haben außer diffusem Unbehagen.

Konkrete Forderungen nach konkreten Erkenntnissen

So verlockend Pauschalisierungen gerade in der Digitalisierungs­diskussion auch scheinen: Sie führen zu einer Polarisierung, bei der auf der einen Seite der Anschluss an einen eindrucks­vollen Entwicklungs­stand und ein großes Entwicklungs­potential verloren­zu­gehen droht – und auf der anderen Seite aller­dings der Rückgriff auf Lese­weisen, für die wir bislang noch keine verlässlichen, vermittel­baren Verfahren kennen, um sie auch auf Bild­schirmen anzuwenden, auf all den digitalen Geräten vom Tisch­rechner zum Smart­phone. Das vertiefte Lesen mit seinem Höchst­maß an Nach­voll­zug und Einfühlung, an Auf­nahme-, Anbindungs- und Anwendungs­bereit­schaft ist – zumindest bei Sach­texten, vor allem unter Zeit­druck, unabhängig von Alter und Einstellung der Leser zur Digitalisierung – auf Bild­schirmen schwerer als auf Papier. Das ist einer der zentralen Befunde aus vier Jahren Forschungs­arbeit.

Wenn man liest, mit welcher Vorsicht die wichtigsten Erkenntnisse dieser gemeinsamen Zeit in der Stavanger-Erklärung formuliert sind und wie viele Fragen, dringliche Fragen, noch offen­bleiben, könnte man sich fragen, was in aller Welt all diese Leute die ganze Zeit über gemacht haben. Die Antwort: Sie haben eben geforscht und nicht wie viel zu oft grund­lagen­los gefordert oder gemeint. Sie haben problem- wie lösungs­orientiert geforscht, im Kleinen, im Klaren. Und sie haben die Ergebnisse inter­disziplinär diskutiert. Aus konkreten Erkenntnissen haben sie konkrete Forderungen und weitere Fragen abgeleitet, in denen es zunehmend darum geht, die Ergebnisse der Arbeit der vergangenen vier Jahre in die pädagogische, psychologische und techno­logische Praxis zu über­setzen. Zuletzt haben sie mit weiteren Experten aus Europa und Nord­amerika eine Initiative namens „Medium Matters“ gegründet, um die Ergebnisse ihrer empirischen Forschung Politikern, Lehrern, Eltern und Unternehmen zu vermitteln.

Was bisher geschah, kann man sich so vorstellen wie im berühmten Gleichnis von den je nach Über­lieferung vier, fünf, sechs blinden Weisen, die gemeinsam einen Elefanten abtasten, jeder an einer anderen Körper­stelle, um sodann ihre Erkenntnisse, divers, wie sie sind, mit aller Über­zeugung voreinander zu vertreten. Mehr als hundert­dreißig Forscher haben sich auf einen Elefanten geeinigt – so könnte man die Nachricht, die in der Stavanger-Erklärung steckt, über­spitzt zusammen­fassen. Jetzt steht der Elefant im Raum. Dort, wohin er gehört. Wir können ihn nicht länger ignorieren.

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