Schwarze Jugendbuchautoren : „Wir werden euch niemals das Mikro abdrehen!“

Die Proteste gegen Rassismus in den USA sind auch die Stunde der schwarzen Jugendbuchautoren: Sie fordern ihre Leser auf, mutig zu sein und den Mund aufzumachen.

Dieser Artikel erschien am 01.07.2020 in DIE ZEIT
Katrin Hörnlein
Jugendliche liest Buch auf Couch
"Lest genauso viele Bücher über schwarze Leute, wie ihr schwarze Musik hört", fordert Kwame Alexander, dessen Basketball-Geschichte "The Crossover" 2015 das am häufigsten ausgezeichnete Jugendbuch in den USA war.
©Getty Images

In seinem Jugendroman Ghost schickt der afro­amerikanische Autor Jason Reynolds seine Haupt­figur als Sprinter über die Aschenbahn. Ghost rennt erfolg­reich allein und als Team­mitglied im Staffel­lauf, was den Einzel­gänger einiges an Training kostet. Solo mit seinen Leistungen zu glänzen und zugleich gemeinsam mit anderen etwas noch Größeres zu erreichen – davon ließe sich auch anhand von Reynolds’ eigenem Leben erzählen. Der 36-Jährige ist in den USA derzeit einer der gefragtesten schwarzen Jugend­buch­autoren, auch die ZEIT und Radio Bremen haben ihn für Ghost im vergangenen Jahr mit dem Jahres-LUCHS ausgezeichnet. Im Januar wurde Reynolds in seiner Heimat zum National Ambassador for Young People’s Literature ernannt, zum Botschafter der Jugend­literatur. Seine zwei­jährige Amts­zeit hat er unter das Motto „Grab the mic – tell your story“ gestellt.

Seit dem Tod George Floyds ist Reynolds Gast in zahl­reichen Radio- und TV-Sendungen, spricht auf Podien und soll erklären, wie das nun ist mit den jungen Schwarzen in den USA: welche Fragen die Jugendlichen haben, was sie wütend macht und wie weiße Eltern mit ihren Kindern über Rassismus sprechen können. Mehrmals an Reynolds’ Seite war der weiße Autor Brendan Kiely, mit dem er vor fünf Jahren den Roman Nichts ist okay geschrieben hat – eine Geschichte, die heute so aktuell ist wie damals: Der schwarze Jugendliche Rashad wird zum Opfer von Polizeigewalt. Kiely erzählt in dem Roman aus der Sicht des weißen Quinn, der eine enge Beziehung zu dem Polizisten hat. Reynolds bringt die Perspektive des schwer verletzten schwarzen Jungen ein.

Die Stunde der großen Proteste in den USA, sie ist auch die Stunde der schwarzen Jugend­buch­autorinnen und -autoren. Kindern, wie sie selbst einmal welche waren, eine Stimme zu geben, sie in und über die Literatur sichtbar zu machen, das ist eins von Reynolds’ wichtigen Zielen. Eins, das ihn mit vielen seiner schwarzen Autoren­kollegen eint. Ob es Angie Thomas ist, die mit ihrem Bestseller The Hate U Give und der gleich­namigen Verfilmung weltweit bekannt wurde, Jacqueline Woodson, die nicht nur in den USA, sondern inter­national mit Preisen über­häuft wird, oder Kwame Alexander, dessen Basketball-Geschichte The Crossover 2015 das am häufigsten ausgezeichnete Jugendbuch in den USA war – sie alle sagen, dass sie sich als Kinder in Büchern nicht wieder­gefunden haben. Schwarze wie sie kamen in der Literatur so gut wie nicht vor, die Helden waren weiß. Für Reynolds und Alexander ein Grund, warum sie selbst nie gern gelesen haben.

In den vergangenen Jahren sind sie und viele ihrer schwarzen Kollegen angetreten, um das zu ändern. Sie schreiben Bücher, die ganz selbstverständlich in black neighborhoods spielen, in denen sie auch, aber nicht nur von Polizei­gewalt, Kriminalität und Rassismus erzählen. Bücher, die für schwarze Jugendliche Spiegel sind – und für weiße ein Fenster in eine andere, ihnen oft unbekannte Welt, auch wenn diese nur ein paar Straßen entfernt liegt.

Dass ihre Bücher von der Kritik positiv besprochen werden, dass Jason Reynolds – so wie vor ihm Jacqueline Woodson – zum Jugendliteratur-Botschafter ernannt wird, dass People of Color bei den wichtigen Buch­preisen und Ehrungen die weißen Kollegen in den Schatten stellen, zeigt, dass ihnen bereits ein wenig change gelungen ist.

Veränderung beginne nicht morgen und nicht nebenan, sagte Jacqueline Woodson, bevor sie sich mit ihren Kindern in New York den Demonstranten anschloss. Deshalb haben sie, Jason Reynolds und Kwame Alexander gemeinsam Anfang Juni die KidLit4BlackLives Rally ins Leben gerufen, eine virtuelle Kundgebung der Kinder­literatur­macher im Geiste von Black Lives Matter. Man konnte sich live zuschalten, das Ganze wurde aber auch aufgezeichnet, um es später in unter­schiedlichen Kontexten, in Schulen, Büchereien, zu Hause, über YouTube abzuspielen.

Dem Unrecht Lebens­freude entgegensetzen

Mehr als zwei Stunden lang reiht sich eine Rede an die andere, Autoren, Mitarbeiter von Verlagen und Aktivisten sprechen zu den Kindern und Jugendlichen, wenden sich aber auch an die Eltern, die Lehrer, die Bibliothekare. Sie lesen Gedichte vor, erzählen von eigenen Rassismus-Erfahrungen, von Verzweiflung und Wut, aber auch von Selbst­zweifeln und dem Gefühl des Scheiterns. Die Haut­farbe war für die Teilnahme an der rally kein Kriterium. Neben vielen schwarzen Autoren sprechen zum Beispiel auch die irische Schrift­stellerin Sarah Crossan oder die koreanisch-amerikanische Autorin Linda Sue Park.

Entstanden ist ein bewegendes, nachdenklich stimmendes Dokument, nicht wenigen der mehr als 20 Redner zittert oder bricht die Stimme. Man spürt, dass es ihnen um mehr als Literatur geht. Dass sie, mit nichts als dem Bild­schirm als Gegen­über, versuchen, jemanden da draußen in der Welt zu erreichen. Die New Yorker Autorin Elizabeth Acevedo, deren Eltern Einwanderer aus der Dominikanischen Republik sind und deren Romane in diesem Einwanderer­milieu spielen, ruft den jungen Zuschauern voller Inbrunst zu: „I see you!“ Sie sagt, sie und ihre Kollegen wollten den Jugendlichen eine Bühne geben, damit sie gehört würden. „Und wir werden euch niemals das Mikro abdrehen!“

Bestärkt werden alle: die schwarzen Kinder darin, durch­zu­halten, friedlich zu bleiben, aber auch unbequeme Fragen zu stellen und – vor allem! – dem Unrecht Lebensfreude entgegen­zu­setzen. Die übrigen hören immer wieder: Nicht weg­sehen, wenn andere sich rassistisch verhalten, sich einmischen und den Mund aufmachen, auch wenn es Mut kostet.

„Lest genauso viele Bücher über schwarze Leute, wie ihr schwarze Musik hört“, fordert Kwame Alexander zu Beginn der rally. Zum Abschluss sagt er: „Wir alle schreiben Bücher, um die Welt zu verändern. Ihr lest sie, um euch eine andere Welt vorstellen zu können. Arbeitet mit uns daran, diese neue Welt zu erschaffen.“

Wie in Reynolds’ Leichtathletik-Geschichte Ghost hat jeder Sprecher den Staffel­stab an den nächsten übergeben. Am Ende schaltet Alexander noch einmal den Großteil der Mitstreiter in kleinen Kacheln auf dem Bildschirm zusammen. 44 Augen blicken erwartungs­voll in die Kamera und hoffen, dass da draußen viele zuhören, den Stab entgegen­nehmen und sich in Bewegung setzen.