Orthographie im Lehramt : „Wir sind mitten in einer Rechtschreibkatastrophe“

Die orthographischen Kenntnisse von Lehramtsstudenten haben sich dramatisch verschlechtert. Darunter leiden auch die der Schüler.

Dieser Artikel erschien am 08.09.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Wolfgang Krischke
Schülerin übt Rechtschreibung (Symbolbild)
Schülerin übt Rechtschreibung (Symbolbild)
©dpa

Die Rechtschreibfähigkeiten von Schülern sind in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich schlechter geworden. Das zeigen Langzeitstudien, die die Entwicklung seit den Siebzigerjahren verfolgen. Die Gründe sind vielfältig: Systematisches Üben ist als Drill verpönt, aber spielerische Unterrichtsmethoden, die stattdessen eingesetzt werden, führen oft nicht zum Erfolg. Rechtschreibung und Kommasetzung als Unterrichtsstoff werden in der Mittelstufe abgehakt, danach dominiert die Literatur den Lehrplan.

Über Orthografiefehler in den Arbeiten der Schüler wird dann häufig hinweggesehen. Hinzu kommt der mündlich geprägte Stil der Netzkommunikation, der schriftliche Korrektheit in den Augen vieler Schüler als zweitrangig erscheinen lässt. Doch das Problem hat noch eine weitere Wurzel: Auch angehende Deutschlehrer beherrschen die Rechtschreibung, die sie unterrichten sollen, nicht mehr hinreichend.

„Die Situation ist dramatisch, wir sind mitten in einer Rechtschreibkatastrophe“, sagt Fabian Bross von der Universität Stuttgart. Nachdem der Sprachwissenschaftler in den Texten seiner Studenten immer wieder auf Orthografie- und Interpunktionsfehler gestoßen war, wollte er es genauer wissen. Er legte achtzig Deutsch-Lehramtsstudenten einen Text vor mit der Bitte, ihn zu korrigieren. Vor dem Test schätzten fast alle Probanden die eigenen Rechtschreibkenntnisse als gut oder sehr gut ein. Danach musste mancher sein Selbstbild korrigieren.

Schreibwerkstätten gegen den Notstand

Defizite zeigten sich vor allem bei der Getrennt- und Zusammenschreibung sowie der Groß- und Kleinschreibung. „Corona Pandemie“ hielten vierzig, „klein reden“ sogar sechzig Prozent der Probanden für korrekt, fast die Hälfte wollte „am besten“ großschreiben, und immerhin noch über zehn Prozent hielten das auch bei „jeden“ und „samstags“ für korrekt. Auch andere Bereiche waren betroffen: Zwischen zehn und dreißig Prozent der Studenten scheiterten – je nach Satz – an der Unterscheidung von „dass“ und „das“, und mehr als ein Drittel von ihnen akzeptierte „Standartdeutsch“.

Mit seinem Befund, dass „ein sehr großer Teil der angehenden Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer massive Probleme mit der deutschen Rechtschreibung hat“, steht Fabian Bross nicht allein. Das Thema sorgt in vielen germanistischen Instituten periodisch für Diskussionen. Meistens führen sie, wenn überhaupt, nur zu Behelfslösungen. Zum Beispiel an der Universität Potsdam, wo Dozenten den digitalen Rechtschreibtrainer „Orthodigit“ ins Internet gestellt haben. Die schriftsprachlichen Kompetenzen, die die Studienanfänger mitbringen, entsprächen „in großen Teilen nicht den Anforderungen für das Lehramt im Fach Deutsch bzw. der Germanistik“, heißt es auf der Website zur Begründung.

Einen digitalen „Kommatrainer“ gibt es auch an der Universität Osnabrück. Die Zeichensetzung ist ein besonderer Schwachpunkt ihrer Studenten, wie Christina Noack, Professorin für Didaktik der deutschen Sprache, festgestellt hat. Aber Probleme bereiten auch die Groß- und Kleinschreibung und die Schreibung von Fremdwörtern – wobei das Beispiel „Rückrad“ zeigt, wie fremd auch urdeutsche Wörter sein können. „Besonders auffällig ist, dass sogar die allermeisten Prüfungsarbeiten bis hin zu Bachelor- und Masterarbeiten substanzielle Orthografiefehler enthalten, obwohl sie zu Notenabzügen führen können und es eigentlich Zeit genug für die Korrektur geben sollte“, sagt Christina Noack. Dass sich die Defizite künftiger Deutschlehrer auf die Rechtschreibleistungen ihrer Schüler auswirken werden, liegt auf der Hand. Wahrscheinlich besteht die Gefahr nicht so sehr darin, dass Regeln falsch vermittelt werden, vermutet Christina Noack, als darin, dass die Lehrer Bereiche, in denen sie selbst unsicher sind, einfach aussparen.

„Kind ist in den Brunnen gefallen, aber wir können es wieder herausholen“

Wer sich über den germanistischen Rechtschreibnotstand informieren will, ist auf Erfahrungsberichte angewiesen, denn umfangreiche empirische Studien zur orthografischen Kompetenz von Germanistikstudenten und Deutschlehrern fehlen. Indirekten Aufschluss liefert eine Erhebung, die 2010 an der Universität Duisburg-Essen stattfand. Dort untersuchten die Linguisten Albert Bremerich-Vos und Dirk Scholten-Akoun die schriftsprachlichen Fähigkeiten von Lehramtsstudenten aller Fächer anhand einer Schreibaufgabe. Die Auswertung von 900 Texten ergab, dass 28 Prozent der Probanden auf den zwei bis drei handschriftlichen Seiten mehr als sechs Rechtschreibfehler gemacht hatten. Auch das Ergebnis der gesondert untersuchten Interpunktion fiel ernüchternd aus: Über ein Drittel der Studienanfänger hatte mehr als fünf Kommafehler gemacht.

Die Deutsch-Studenten unter den Probanden hoben sich mit ihren Leistungen nicht von den Kommilitonen der anderen Fächer ab. An der Universität Duisburg-Essen hat man Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen gezogen. Wer sich dort für ein Lehramtsstudium einschreiben will, muss einen Onlinetest absolvieren, bei dem neben textlichen Fähigkeiten auch Grammatik und Orthografie auf dem Prüfstand stehen. Zwar schließt ein mangelhaftes Ergebnis niemanden vom Studium aus. Aber der Test ist für manche doch ein Weckruf, und wer schlecht abschneidet, kann sich beraten lassen. Im letzten Semester machten 300 von 1800 Studienanfängern von diesem Angebot Gebrauch, so Dirk Scholten-Akoun. Es war die bislang höchste Zahl. Coronabedingt wurden die Sprechstunden erstmals digital abgehalten, was es manchem leichter gemacht haben dürfte, bei diesem sensiblen Thema um Rat zu bitten. Wer sich verbessern will, kann an einer Schreibwerkstatt oder einem Kommasetzungskurs teilnehmen.

Universitäten und Schulen sind in der Pflicht

Eingangstests wie in Duisburg existieren an den meisten Universitäten nicht einmal für Germanistikstudenten, obwohl schriftsprachliche Fähigkeiten bei ihnen ja essenziell sind. Dozenten verweisen gern darauf, dass für den Rechtschreibunterricht schließlich die Schule zuständig ist. Für Fabian Bross geht diese Sichtweise an der Realität vorbei: „Dass die Schulen ihrer Aufgabe nur noch mangelhaft nachkommen, liegt eben auch daran, dass ihre Lehrer die Rechtschreibung nicht mehr beherrschen – ein Teufelskreis.“ Der Stuttgarter Linguist wünscht sich sowohl einen Eingangstest als auch unterstützende Orthografiekurse, aber hier wie an vielen anderen Hochschulen fehlt es dafür an Personal. Auch lassen die Lehrpläne kaum Zeit für solche Nachholprogramme.

Thematische Verschiebungen in der sprachwissenschaftlichen Lehre tun ein Übriges: „Ich habe den Eindruck, dass die Linguisten angehalten werden, sich verstärkt auf Sozio- und Variationslinguistik zu konzentrieren. Das sind zweifellos interessante Themen, aber es geht auf Kosten der Kernbereiche wie Grammatik, Phonologie und Orthografie“, sagt Bross. Ohnehin sind die sprachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen für viele Germanistikstudenten, die das Fach wegen der Literatur gewählt haben, eine ungeliebte Pflichtübung.

Christina Noack möchte indessen auch die Schulen nicht aus der Verantwortung entlassen. Sie müssten Orthografie und Grammatik viel kontinuierlicher und bis zum Ende der Schulzeit behandeln. Das ist auch auf Oberstufenniveau möglich: Wenn man die lautlichen, grammatischen und semantischen Prinzipien thematisiert, die den Schreib- und Interpunktionsregeln zugrunde liegen, vermittelt man Schülern zugleich Einblicke in das Sprachsystem, die im Unterricht sonst ohnehin zu kurz kommen. Nachhaltig anheben lässt sich das Rechtschreibniveau wohl nur durch eine enge Zusammenarbeit der Bildungsbereiche, die vom Kindergarten bis zur Universität reichen müsste. Das aber würde voraussetzen, dass der kontinuierliche Rückgang schriftsprachlicher Fähigkeiten in der Gesellschaft als das Politikum begriffen wird, das er tatsächlich ist. „Das Kind ist in den Brunnen gefallen, aber wir können es wieder herausholen“, meint Fabian Bross. Angesichts der Tiefe des Brunnens klingt das ziemlich optimistisch.