Dieser Artikel erschien am 19.10.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Swantje Unterberg

Geschichtsprojekt in Halle : „Wir sind die neuen Zeit­zeugen“

Schüler aus Halle haben den Weg deportierter Familien aus ihrer Stadt bis nach Auschwitz verfolgt. Ihre Erfahrungen haben sie in einem „Tagebuch der Gefühle“ fest­gehalten. Jetzt fühlen sie sich von der Geschichte eingeholt.

Stolpersteine in Halle (Saale)
Stolpersteine in Halle (Saale) ©CC BY-SA 3.0

Paul spricht mit ruhiger leiser Stimme gegen den dröhnenden Motor eines Kranlasters an. Der 16-Jährige will mit Schülern seiner Geschichts­gruppe vor der Synagoge in Halle der Opfer des Anschlags vom 9. Oktober gedenken. Doch so richtig andächtig wird die Stimmung bei den Hinter­grund­geräuschen nicht.

Neun Tage nachdem der Rechtsextremist Stephan Balliet nach dem vergeblichen Versuch, in die Synagoge einzudringen, zwei Menschen getötet hat, herrscht vor dem jüdischen Gottes­haus noch immer Aus­nahme­zustand. Die Polizei lädt einen Container ab, in dem die Beamten künftig Posten beziehen können. Immer wieder kommen Passanten vorbei, die frische Blumen auf das bereits welkende Blüten­meer legen.

Am Rande der Szenerie liest Paul aus einem Tagebuch vor. Vor einem Jahr, rezitiert er, „feierten wir mit der jüdischen Gemeinde zusammen den Schabbat“. Das gemeinsame Beten, Essen und Singen habe die Schüler berührt, berichtet er. „Es war, als hätte man neue Freunde gefunden.“

Fünf Tage in Auschwitz

Der Besuch der Synagoge war Teil einer vor ein­ein­halb Jahren begonnen „Spuren­suche“ von Schülern der Gesamt­schule Ulrich von Hutten und Teil­nehmern des Projekts Stabil, das sich vor allem an Schul­ab­brecher richtet. Gemeinsam verfolgten sie die Geschichte deportierter Familien aus Halle, etwa von Kurt Just, reisten dafür im vergangenen Herbst selbst für fünf Tage nach Auschwitz – und hielten ihre Erfahrungen fest.

„Die Fahrt dauert etwas lang, aber wenn man überlegt, dass Kurt Just zehn Tage gebraucht hat, um hier anzu­kommen, ohne Essen, ohne Hoffnung, habe ich ein Drücken im Magen“, erzählt ein Schüler in dem Erinnerungs­band, der unter dem Titel „Tagebuch der Gefühle“ seit August öffentlich ist.

Die Schüler verbinden in ihren Erzählungen Fakten mit Emotionen, schildern ihre Spuren­suche und vermitteln dabei gleich­zeitig Geschichte – in ihrer ganz eigenen Sprache.

Für sie war der Nationalsozialismus „krass“, sie schreiben mit vielen Aus­rufe­zeichen und einer von ihnen sieht die Mitglieder des SS-Truppen wegen ihrer „ekel­haften“ Taten nicht als „Menschen, sondern als Huren­söhne, ganz ehrlich!“

Das greift oft zu kurz, wirkt mitunter naiv und geht nicht als seriöses Geschichts­buch durch. Doch es ist die Lebens- und Gefühls­welt von Jugendlichen – und sie werden dadurch erreicht.

„Der Anschlag hat gezeigt, was passiert,wenn es zu wenig Geschichts­bildung gibt“, sagt Projekt­leiter Andreas Dose, seit 20 Jahren in der Geschichts­arbeit mit Jugendlichen aktiv und pädagogischer Mit­arbeiter bei der Stiftung, die sich um die Schul­ab­brecher kümmert. In einer Hass­rede vor dem Anschlag leugnete der mut­maßliche Täter Balliet den Holocaust, bevor er sich die Helm­kamera auf­setzte und los­fuhr.

Empathie macht schlau

Die Schüler waren von der Tat geschockt, erzählen sie vor dem Gedenken an der Synagoge, die sie vor einem Jahr so gast­freundlich zum Shabbat-Mahl empfangen habe. „Es berührt einen schon mehr, wenn man selbst da war und die Leute getroffen hat“, sagt die 15-jährige Kira.

Ob Schulabbrecher oder Regelschüler, die Jugendlichen sagen unisono, in der Schule hätten sie nicht genug über die Geschichte gelernt. „Die Schule vermittelt nur Fakten“, sagt Kira. In Auschwitz habe sie die Geschichte gefühlt, das sei für das Verständnis wichtig.

Dass Empathie die Geschichte nach­voll­zieh­bar macht, ist aus der Bildungs­arbeit in KZ-Gedenk­stätten bekannt. Der Elft­klässler Paul wünscht sich, dass ein Besuch in Auschwitz für Schüler verbindlich ist.

Durch die Tat von Halle fühlt er sich von der Geschichte eingeholt. „Jetzt nicht wie im National­sozialismus. Aber doch in einem gefährlichen Umfang“, sagt Paul.

„Jetzt erst recht“

Der Projektgruppe habe der Anschlag allerdings noch mal einen Schub gegeben. „Unsere Arbeit war vorher schon wichtig“, sagt Paul. In diesem Schul­jahr seien sie schon durch elf Schul­klassen getingelt und hätten aus ihrem Tage­buch gelesen. Die Schüler sagen in einer Selbst­darstellung: „Wir sind die neuen Zeit­zeugen – für andere Schüler und Schülerinnen.“ Sie schafften es, die Klassen damit zu berühren, sagt Paul. Nun sei die Stimmung: „Jetzt erst recht.“

Vor der Synagoge ist der Polizei­container endlich abgeladen, das Dröhnen des Motors stirbt während der letzten Worte auf der Gedenk­veranstaltung. „Wir tragen für das, was geschehen ist, keine Verantwortung und wir können das Geschehene nicht mehr ändern, auch wenn wir es wollten“, sagt die 18-jährige Projekt­teil­nehmerin Kim in die plötzliche Stille hinein. Sie zitiert den letzten Absatz des Tage­buchs über die Spuren­suche zum Holocaust. Er endet mit dem Aufruf, niemals zu vergessen.

Dabei hat Kim selbst gerade erst mit dem Erinnern angefangen. Sie ist neu bei dem Projekt, bisher war ihr Geschichte egal. Jetzt, sagt sie, will sie dafür kämpfen, dass das nicht noch mal passiert.