Umgedrehter Unterricht : Wie wirksam ist die Methode „Flipped Classroom“?

„Flipped Classroom“ dreht die klassische Abfolge von Unterricht um: Die Schülerinnen und Schüler erarbeiten sich den Stoff, meist mithilfe von Erklärvideos, zu Hause und nutzen die Zeit in der Schule dafür, um gemeinsam zu üben. In Zeiten von Corona ist die Methode in aller Munde, doch wie wirksam ist sie tatsächlich? Dieser Frage ist die neue Studie „Effectiveness of the Flipped Classroom on Student Achievement in Secondary Education: A Meta-Analysis“ von Wagner, Gegenfurtner und Urhane (2020) nachgegangen. Das „Clearing House Unterricht“ der School of Education an der Technischen Universität München (TUM) hat die wichtigsten Ergebnisse in einem Kurzreview zusammengefasst. Maximilian Knogler von der TUM erklärt im Interview, was die Forschungsergebnisse für die Unterrichtspraxis bedeuten.

Florentine Anders / 07. Oktober 2020
Schüler dokumentieren per Video ein Experiment.
An der Realschule am Europakanal gehört Flipped Classroom zum digitalen Konzept. Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler erstellen Erklärvideos. Die Schule hat dafür einen eigenen YouTube-Kanal.
©Lars Rettberg (Deutsche Schulakademie)

Schulportal: Was genau ist unter dem Ansatz „Flipped Classroom“ zu verstehen?
Maximilian Knogler:
„Flipped Classroom“ ist im Prinzip eine einfache Idee – der gewohnte Ablauf von Unterricht wird geändert. Normalerweise läuft der Präsenzunterricht meist so ab, dass die Lehrkraft neuen Unterrichtsstoff einführt und mit den Schülerinnen und Schülern erarbeitet. Die Hausaufgaben dienen dann meistens dazu, dass Schülerinnen und Schüler den Stoff üben und vertiefen. In der nächsten Schulstunde werden die Hausaufgaben besprochen, und dann geht’s auch schon weiter zum nächsten Thema.

„Flipped Classroom“ bedeutet, dass diese Reihenfolge umgedreht wird. Der Lehrervortrag wird häufig in einem Erklärvideo aufgezeichnet, und die Schülerinnen und Schüler schauen sich das Video zu Hause an. Die Präsenzzeit in der Schule wird durch diesen Input zu Hause entlastet, sodass im Unterricht mehr Zeit bleibt, gemeinsam Aufgaben zu lösen und an Problemen zu arbeiten. Die Lehrkraft hat dadurch mehr Gelegenheit, einzelne Schülerinnen oder Schüler zu unterstützen. Die neue Metaanalyse hat sich nun angeschaut, ob diese angenommenen Vorteile sich auch positiv auf den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler auswirken.

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Flipped Classroom: Auf Basis von eigens erstellten Tutorials erarbeiten sich die Schülerinnen und Schüler der Realschule am Europakanal theoretische Grundlagen bereits vor dem Unterricht. So bleibt im übrigen Chemie-Unterricht mehr Zeit für Experimente. Das ganze Konzept der Schule finden Sie hier.

Was sagt die Metaanalyse denn über die Wirksamkeit der Methode „Flipped Classroom“ aus?
Für uns war diese Metanalyse spannend, weil bisher das Thema „Flipped Classroom“ eher im Hochschulbereich untersucht wurde. Für den Schulbereich in der Sekundarstufe ab der fünften Klasse, der hier untersucht wurde, gibt es noch nicht so viele Studien. Deshalb liefert diese Analyse zunächst mal ein gutes Gesamtbild. Insgesamt sind 44 aktuelle Studien aus den Jahren 2012 bis 2018 in die Metaanalyse eingeflossen, am häufigsten wurden die Fächer Mathematik und Naturwissenschaften untersucht. In all diesen Studien zeigt sich, dass „Flipped Classroom“ eine wirksame Methode ist. In den Befunden sieht man durchweg gute Effektstärken.

Wie werden diese Effekte auf den Lernerfolg gemessen?
Da gibt es unterschiedliche Methoden. Eine Variante ist, dass Schülerinnen und Schüler vor und nach der Unterrichtseinheit mit „Flipped Classroom“ einen Test bearbeiten. Geschaut wird dann, ob Schülerinnen und Schüler nach der Unterrichtseinheit besser abschneiden als vorher. Studien, die den Ansatz nach dieser Methode untersucht haben, zeigen eine hohe Effektstärke. Das sagt aber noch nichts darüber aus, wie gut „Flipped Classroom“ im Vergleich zur herkömmlichen Unterrichtseinheit funktioniert. Auch dazu gibt es einige Studien, die in die Metaanalyse eingeflossen sind. Und auch hier zeigt sich, dass der Lernzuwachs der Schülergruppe, die mit „Flipped Classroom“ unterrichtet wurde, höher war als in der Kontrollgruppe, die den regulären Unterricht erhielt. Einschränkend muss man sagen, dass die Studienbasis im Vergleich zu anderen Metaanalysen noch relativ gering ist, da dieser Ansatz erst seit wenigen Jahren in der Sekundarstufe untersucht wird.

Was bedeutet das für die Unterrichtspraxis? Gibt es auch Aussagen darüber, welche verschiedenen Faktoren den Ansatz „Flipped Classroom“ so erfolgreich machen?
Wir stehen da noch relativ am Anfang. Durch Corona wird diese Methode plötzlich von sehr vielen Lehrkräften ausprobiert – und das wahrscheinlich mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Auf jeden Fall bietet „Flipped Classroom“ die Chance, die wertvollen Ressourcen der Lehrkraft besser zu nutzen. Und in der Zeit, in der die Schülerinnen und Schüler zusammenkommen, können sie tatsächlich auch gemeinsam an Aufgaben und Problemen arbeiten.

Auf jeden Fall bietet „Flipped Classroom“ die Chance, die wertvollen Ressourcen der Lehrkraft besser zu nutzen.

Allerdings sollte es nicht darum gehen, den kompletten Unterricht auf „Flipped Classroom“ umzustellen. Es ist vielmehr ein Ansatz, den man ergänzend zu vielen anderen Methoden einsetzen kann. Wenn jede Lehrkraft auf „Flipped Classroom“ umstellen würde, käme die Methode schnell an ihre Grenzen. Es muss ja gewährleistet sein, dass die Schülerinnen und Schüler zu Hause genug Zeit haben, sich die Videos anzuschauen und den Input zu verarbeiten. Deshalb sollte diese Phase einen gewissen Umfang nicht überschreiten. Sicher gibt es noch andere Faktoren, die zum Erfolg der Methode beitragen oder ihn gefährden. Nicht jedes Erklärvideo ist gut gemacht. Zum Beispiel wurde untersucht, ob es sinnvoll ist, den Lehrervortrag im Video durch Quizfragen zu unterbrechen. Dazu konnte die Metaanalyse aber noch keine eindeutigen Befunde liefern.

Und auch die Qualität der Aufgaben, die dann im Präsenzunterricht bearbeitet werden, ist sicher ein wichtiger Erfolgsfaktor. Aus einer anderen Metaanalyse wissen wir, dass es hilft, wenn die Schülerinnen und Schüler dazu angeregt werden, das Gelernte zunächst selbst zu erklären. Zu den Erfolgsfaktoren gibt es insgesamt jedoch noch wenig Forschung – die Studien zeigen aber, dass es sich durchaus lohnt, die Methode ins Repertoire aufzunehmen.

 

Zur Person

Maximilian Knogler
©© Astrid Eckert
  • Dr. Maximilian Knogler ist Projektkoordinator des „Clearing House Unterricht“ der School of Education an der Technischen Universität München (TUM).
  • In seiner Forschung nutzt er Metaanalysen und Interventionsstudien, um wirksame Unterrichtsmethoden zu identifizieren.
  • Er gibt dieses Wissen in unterschiedlichen Formaten an Lehrerbildende und Lehrkräfte weiter.

Auf einen Blick

  • Seit drei Jahren gibt es das „Clearing House Unterricht“ an der TUM School of Education, der Fakultät für Lehrerbildung und Bildungsforschung an der Technischen Universität München.
  • Hier werden relevante Studien für den MINT-Unterricht (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). ausgewertet. Die Kernaussagen werden in Kurzreviews zusammengefasst und praxistauglich für Lehrkräfte oder Studierende erklärt und aufbereitet.