Finanzunterricht : Wie wird man reich, Frau Lehrerin?

Schüler wünschen sich, in der Schule mehr über Finanzen zu lernen. Braucht es das Fach Wirtschaft? Oder dreht sich früh genug alles ums Geld? Ein Pro und Contra

Dieser Artikel erschien am 31.08.2021 auf ZEIT Online
Hannah Scherkamp und Alexander Krex
lernender Schüler
Spricht man nicht früh genug über Geld?
©Getty images

Bringt die Schule alles Wichtige bei? Die meisten deutschen Schüler und Schülerinnen, aber auch manche Wissenschaftler finden: Nein, im Unterricht sollte mehr Wissen über Geld und Finanzen vermittelt werden. Das sei wichtig für das spätere Berufs- und Privatleben. Die FDP hat eine Forderung nach dem Schulfach Wirtschaft in ihrem aktuellen Parteiprogramm. Doch müssen junge Menschen tatsächlich schon in der Schule über Geld, Verträge, Rente diskutieren?

Contra: vom Wahren, Schönen, Guten

Man lernt, schon klar, nicht für die Schule, sondern für das Leben. Also dann, ein lebensnaher Kanon:

  • So schreiben Sie Werbungskosten richtig ab.
  • Auf diese Paragrafen müssen Sie beim Arbeitsvertrag besonders achten.
  • Fünf risikoarme Anlagestrategien für Durchschnittsverdiener.

Man kann die eingangs zitierte Weisheit aber auch ganz anders lesen. Dass man nämlich in der Schule lernen sollte, wozu man später im Berufsleben immer weniger Zugang findet. Philosophie, Literatur, Kunst. Dinge, die im Optimalfall ein Leben lang bleiben: als Referenzgröße. Als Erinnerung daran, was der Mensch hervorzubringen imstande ist, wenn man mal wieder viele Kalenderwochen am Stück auf Excel-Tabellen gestarrt hat und beginnt, am großen Ganzen zu zweifeln.

Es ist doch so – hier mal ausnahmsweise keine Kapitalismuskritik, sondern nur eine Feststellung –, dass man in der marktwirtschaftlich eingerichteten Welt sowieso nicht umhinkommt, sich mit Geld zu beschäftigen. Das ist auch vollkommen okay, nur ist es eben nicht erhebend, vom Kontostand einmal abgesehen.

Das erste „Werk“, in das man sich aus ureigenem Interesse vertieft, sollte kein Vertrag sein. Sondern etwas, das die Zeit aushebelt, indem es einen aus dem Modus des Schaffe-Schaffe in die Unendlichkeit der großen Gedanken katapultiert. Ein Versteck, ein Aussichtsturm, eine Burg. Oder, nennen wir es doch ruhig: das Wahre, Schöne, Gute.

Nicht Verstehertum soll daran geschult werden, es geht nicht darum, kunstfertig über Kunst zu sprechen, sondern um gedankliche Selbstermächtigung – das „Denken ohne Geländer“, wie Hannah Arendt es formulierte. Und genau das sollten auch Schülerinnen zumindest rezipieren dürfen, deren Eltern nicht dieses Privileg hatten.

Wie könnte denn ausgerechnet ein Weniger an Literatur, an Kunst, an Philosophie den Wettbewerbsnachteil verringern, den Kinder aus bildungsfernen Haushalten ohne Frage haben. Im Gegenteil sollten doch gerade sie, die nicht 13 Jahre lang zur Schule gehen, um danach an der Universität weiterzulernen, ein Recht darauf haben, das Erwachsenenleben noch ein wenig hinauszuzögern. Es bricht ja früh genug mit all seinen Sachzwängen über sie herein. Dann sitzen sie als Auszubildende, gerade 16, vom Leben frustrierten Kollegen und Chefinnen gegenüber, die ihnen die Träume ausreden, weil sie selbst schon lange keine mehr haben.

Man muss den Lehrplan auch als einen Schutzraum verstehen, in dem Sehnsüchte jenseits der Werbeästhetik entdeckt werden und wachsen dürfen. Als eine Firewall gegen die Zumutungen des auf Gewinnmaximierung getrimmten und also durchgetakteten Daseins. Weil der Lebenssinn sich eben nicht darin erschöpft, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Es bleibt dabei: Wenn’s ums Geld geht, Sparkasse!

Und bevor es zu romantisch wird, hier noch ein handfestes Argument im Sinne der HR-Abteilungen im Land. Ein an Kultur geschultes Denkvermögen ist ein asset, auf dem Arbeitsmarkt wie auf der Abendveranstaltung, wo es auch darum geht, Kontakte für das persönliche Vorankommen zu knüpfen. Irgendwie muss das Geld schließlich verdient werden, bevor man es clever anlegen kann.
Alexander Krex


Pro: Galotti & Geldanlage

Ein Freund verdient heute viel Geld. Nicht mit seinem Job, sondern mit wilden, aber kenntnisreichen Spekulationen am Aktienmarkt. Woher er das alles wisse, was er dafür wissen müsse, fragte ich ihn einmal. Von seinem Vater, entgegnete er. Der hätte sich bereits mit ihm hingesetzt, als er vierzehn Jahre alt war. Er bekam den väterlichen Depot-Zugang ausgehändigt, Vor- und Nachteile des Kapitalmarktes erklärt und Hilfe beim Handel mit Telekom-Aktien. Im Jahr 2000 stürzte die Telekom-Aktie bekannterweise ab, der Kumpel war bereits in der Pubertät das erste Mal pleite, aber er hatte Wissen angehäuft. Wissen, dass er nicht von Lehrerinnen und Lehrern vermittelt bekam, sondern von einem erfolgreichen (und engagierten) Elternteil. Das Privileg eines ohnehin privilegierten Kindes.

Warum ich das erzähle? Weil die Schule dies zu lehren vergaß. Nicht nur den Umgang mit Aktien. Ebenso alles zu Versicherungen, Steuern, Krediten, Rente, jeglichen Anlagestrategien. Ja, Wirtschaftswissen im Allgemeinen. Egal für alle anderen, die – wie mein Kumpel – Menschen kennen, Eltern haben, die es ihnen erklären. Oder für diejenigen, die im Erwachsenenalter andere dafür bezahlen können, solches Wissen für sie anzuwenden. Einen Steuerberater oder den Vermögensverwalter beispielsweise.

Nicht egal für alle anderen, deren Eltern Wissen oder Zeit (oder beides) fehlte. Was die Schule diesen Kindern nicht vermittelt, das wissen sie einfach nicht. Sie parken ihr Geld aus Unkenntnis lebenslang auf dem Girokonto, anstatt es sinnvoll anzulegen, schließen keine Haftpflicht-, Berufsunfähigkeits- oder Hausratversicherungen ab, erledigen ihre Steuererklärung nicht. Und die Rente? Damit beschäftigen sie sich später – oder gar nicht.
Ein Großteil der jungen Menschen gibt an, in der Schule immer weniger über Wirtschaft, Geld und Finanzen zu lernen, ermittelte der Jugend- und Finanzmonitor 2021 kürzlich. 92 Prozent der Befragten zwischen 16 und 25 Jahren wünschten sich laut dieser Umfrage im Auftrag der Schufa, dass diese Themen „bereits in der Schule ausführlich vermittelt“ würden. Doch nur in Nordrhein-Westfalen und in Baden-Württemberg gibt es bislang das Pflichtfach Wirtschaft, einige weitere Bundesländer bieten es als Wahlfach oder Teil eines anderen Faches an.

Damit kein Missverständnis entsteht: Ich denke gerne an meine Schulzeit zurück. An stundenlange Analysen von Emilia Galotti oder Dorian Gray, Diskussionen über das Scheitern der Weimarer Republik, auch auf mein kleines Latinum bin ich ein bisschen stolz. Ich möchte nichts davon aus dem Lehrplan streichen, Schule sollte klassische Bildung vermitteln. Aber ein zusätzliches Fach, das sich, nennen wir es mal „lebensnah“, mit Geld beschäftigt, wäre wichtig. Mir jedenfalls würde es heute helfen, dann müsste ich mich nicht durch Ratgeber quälen, um zu verstehen, was thesaurierende ETFs sind.
Gerade Kinder aus bildungsfernen Familien könnten vom Fach Wirtschaft profitieren. Denn nur wer später nicht permanent von Geldsorgen geplagt ist, weil er den Autounfall selbst finanzieren muss oder nicht weiß, was Dispozinsen sind, kann „ohne Geländer“ denken, um bei Hannah Arendt zu bleiben. Härter ausgedrückt: Geldnot macht unkreativ und unkonzentriert, Betroffene machen mehr Fehler – auch im Job. Arme werden dann noch ärmer. Das jedenfalls fanden US-amerikanische Hirnforscher bereits vor Jahren heraus. Es ist Zeit, dass die Schulen dies verhindern.
Hannah Scherkamp