Aufgabenpools der Länder : Wie werden die Abituraufgaben entwickelt?

In mehreren Bundesländern gab es heftige Diskussionen um die Abitur-Aufgaben in der schriftlichen Mathe-Prüfung 2019. Damit rückten auch die gemeinsamen Aufgabenpools der Länder für das Abitur in den Fokus. Wie genau entstehen die Aufgaben, wer überprüft sie und wer entscheidet, welche Aufgaben schließlich zum Einsatz kommen? Darüber sprach das Schulportal mit Petra Stanat, Bildungswissenschaftlerin und Direktorin des Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), das die Aufgabenpools koordiniert.

Florentine Anders / 21. Juni 2019
Schüler schreiben eine schriftliche Abiturprüfung
Jedes Bundesland entscheidet für sich, welche Abituraufgaben es aus dem jeweiligen Pool verwendet.
©dpa

Schulportal: Frau Stanat, wer genau entwickelt eigentlich die Aufgaben für die gemeinsamen Abituraufgabenpools der Länder?
Petra Stanat: Jedes Bundesland entsendet eine Vertreterin oder einen Vertreter in eine Arbeitsgruppe, die für die Entwicklung von Aufgaben für das jeweilige Fach zuständig ist. Dabei handelt es sich um Fachexpertinnen und Fachexperten, überwiegend Lehrkräfte, die Erfahrung in der Konzeption von Abituraufgaben haben. Auch die Perspektive der beruflichen Gymnasien ist in jeder AG durch mindestens eine Expertin oder einen Experten vertreten. Die Arbeitsgruppen werden von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der jeweiligen Fachdidaktik beziehungsweise des jeweiligen Faches unterstützt, die ebenfalls Mitglieder der Arbeitsgruppen sind. Damit wird gewährleistet, dass die Perspektiven aller Länder sowie aktuelle Erkenntnisse der jeweiligen Fachdidaktik und Fachwissenschaft in den Arbeitsprozess einfließen. Die Arbeit jeder AG wird durch eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter des IQB – eine von einem Bundesland für diese Tätigkeit an unser Institut entsandte Lehrkraft – koordiniert.

Und wie einigt man sich schließlich auf die Aufgaben, die für die jeweils anstehenden Prüfungen in die Pools kommen?
Für jedes Fach stellen die Länder der jeweiligen Arbeitsgruppe Aufgabenvorschläge zur Verfügung, die die Grundlage für die gemeinsame Aufgabenentwicklung bilden. Diese Vorschläge werden dann durch die AGs geprüft und in einem effizienten Verfahren weiterentwickelt. Im Verlauf ihrer Entwicklung durchläuft jede Aufgabe einen differenzierten Bearbeitungsprozess, an dem alle Mitglieder der zuständigen AG beteiligt sind. Es wird in diesem Prozess also gemeinsam darüber entschieden, welche Aufgaben in den Pool kommen.

Für jedes Fach stellen die Länder der jeweiligen Arbeitsgruppe Aufgabenvorschläge zur Verfügung, die die Grundlage für die gemeinsame Aufgabenentwicklung bilden.

Lösen denn beispielsweise die Mitglieder der Arbeitsgruppe für das Fach Mathematik die Aufgaben auch selbst?
Ja natürlich, jede Aufgabe wird von den AG-Mitgliedern wiederholt vollständig gelöst – das ist zur Qualitätssicherung sehr wichtig. Daraus gewonnene Erkenntnisse fließen fortlaufend in die Weiterentwicklung der Aufgaben ein. Abschließend werden die Aufgaben auch in den Ländern geprüft, bevor sie in einer Abiturprüfung verwendet werden.

Wer entscheidet, welche Kompetenzen mit den Aufgaben geprüft werden sollen?
Die Bundesländer haben sich für die Fächer Deutsch, Englisch/Französisch und Mathematik auf gemeinsame Bildungsstandards für die Allgemeine Hochschulreife geeinigt. Diese bilden die Grundlage für die Entwicklung der Abituraufgaben. Es kommen aber noch weitere Vereinbarungen für Aufgaben, Erwartungshorizonte und Bewertungshinweise hinzu, die in ländergemeinsamen Arbeitsgruppen für die Abituraufgabenpools getroffen wurden. Die genannten Regelungen betreffen beispielsweise die Inhalte, den Umfang und den Anspruch der Aufgaben, aber auch welche Hilfsmittel für deren Bearbeitung vorgesehen sind. Insgesamt ist die Entwicklung von Abituraufgaben eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit, bei der äußerst sorgfältig vorgegangen werden muss, um die nötige hohe Qualität zu erreichen.

Wie kommt es, dass trotz der gemeinsamen Abituraufgabenpools in den Abiturprüfungen der Länder verschiedene Aufgaben zum Einsatz kommen?
Jedes Bundesland entscheidet für sich, welche Aufgaben es aus dem jeweiligen Pool verwendet. Auch die Zusammenstellung von Aufgaben zu einer Abiturprüfung ist Sache der Länder. Bei Bedarf können an den Aufgaben derzeit noch Anpassungen vorgenommen werden, damit sie den landesspezifischen Rahmenbedingungen – zum Beispiel curriculare Vorgaben, unterrichtliche Schwerpunkte, Struktur der Abituraufgaben – gerecht werden.  Bezüglich dieser Rahmenbedingungen befinden sich die Länder in einem Annäherungsprozess, um die Anzahl der erforderlichen Modifikationen zu reduzieren. Zudem werden in den Ländern eigene Aufgaben entwickelt, die sie mit den Aufgaben aus den Pools kombinieren. Insgesamt werden die Aufgabenpools von den Ländern derzeit noch in sehr unterschiedlichem Umfang genutzt.

Insgesamt werden die Aufgabenpools von den Ländern derzeit noch in sehr unterschiedlichem Umfang genutzt.

Ziel der Abituraufgabenpools ist es ja, die Vergleichbarkeit der mit den Abiturprüfungen verbundenen Anforderungen zu erhöhen. Ist das Ziel nicht verfehlt, wenn letztlich doch jedes Land entscheidet, welche Aufgaben zum Einsatz kommen?
Die Angleichung ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen abgeschlossen werden kann. Da die Abiturprüfung ein sehr sensibles Thema ist, weil für die Prüflinge viel davon abhängt, müssen Veränderungen an den Rahmenbedingungen der Abiturprüfungen sorgfältig abgewogen und umgesetzt werden, was seine Zeit braucht. Die gemeinsamen Aufgabenpools existieren ja erst seit drei Jahren. Weil die Aufgaben der Pools von hoher Qualität sind und die Rahmenbedingungen für die Abiturprüfungen sukzessive angeglichen werden, gehen wir davon aus, dass ihre Nutzung im Laufe der Zeit noch weiter zunimmt. Auf diese Weise wird auch die Vergleichbarkeit größer. Die Länder orientieren sich aber auch bei der Erstellung eigener Aufgaben an den Aufgaben der Pools, was ihre normierende Wirkung unterstreicht.

Wird der Einsatz der Aufgaben aus den Pools evaluiert?
Ja. Die Evaluation erfasst, in welchem Umfang die Aufgaben der Pools von den Ländern genutzt und in welcher Weise sie geändert werden. Außerdem untersuchen wir, wie die Lehrkräfte das Anspruchsniveau der Poolaufgaben im Vergleich zu landeseigenen Aufgaben einschätzen und wie die Prüfungsergebnisse der Abiturientinnen und Abiturienten – bei den Poolaufgaben und bei landeseigenen Aufgaben – mit den Noten aus der Qualifikationsphase zusammenhängen. Die Befunde zeigen schon jetzt, dass sich die Zusammenarbeit der Länder bei der Entwicklung von Abituraufgaben bewährt.

Auf einen Blick

  • Die gemeinsamen Abituraufgabenpools sind Sammlungen von Abiturprüfungsaufgaben in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch, die allen Ländern zur Verfügung stehen.
  • Die Aufgabenpools kamen 2017 erstmals in den schriftlichen Abiturprüfung  zum Einsatz.
  • Mit den Aufgabenpools soll die Vergleichbarkeit der Abituranforderungen zwischen den Ländern erhöht werden.
  • Basis für die Aufgaben sind die im Jahr 2012 verabschiedeten gemeinsamen Bildungsstandards für die Allgemeine Hochschulreife.