Faktencheck : Wie sollten Kinder Lesen und Schreiben lernen?

Um die richtige Methode beim Lesen und Schreiben lernen in der Grund­schule tobt eine hitzige Debatte. In einigen Bundes­ländern wurde der Ansatz „Schreiben nach Gehör“ sogar verboten. In einem Fakten­check liefert das Mercator-Institut für Sprach­förderung und Deutsch als Zweit­sprache der Universität zu Köln jetzt wissen­schaftlich fundierte Antworten auf die Frage, wie Kinder in der Grund­schule am besten Lesen und Schreiben lernen sollten.

Florentine Anders / 03. Dezember 2018
Ein Schüler schreibt in sein Schreibheft
Es gibt verschiedene Wege Lesen und Schreiben zu lernen. Wichtig ist es, den Unterricht auf die jeweiligen Schülerinnen und Schüler abzustimmen.
©Sebastian Pfütze

Die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler im Bereich Recht­schreibung haben sich im Laufe der vergangenen Jahre laut IQB-Bildungs­trend in vielen Bundes­ländern verschlechtert. Über die Gründe für diese Entwicklung gibt es geteilte Auffassungen. Eltern und Lehr­kräfte machen häufig die Methode „Schreiben nach Gehör“ dafür verantwortlich. Mehrere Bundesländer haben die Recht­schreibung verstärkt in den Fokus gerückt und dabei entschieden, die umstrittene Methode nicht mehr anzuwenden. Zuletzt erhitzte eine Studie der Universität Bonn die Gemüter. Die Forscherinnen und Forscher hatten darin verschiedene Methoden, die in deutschen Klassen­zimmern angewandt werden, verglichen und kamen dabei zu dem Schluss, dass Grund­schul­kinder am besten nach der klassischen sogenannten Fibel-Methode das Lesen und Schreiben lernen.

Die eine richtige Methode für alle gibt es nicht beim Lesen und Schreiben lernen

Das Mercator-Institut hat nun einen Faktencheck „Lesen und Schreiben lernen in der Grund­schule“ erstellt, um die Debatte zu versachlichen. Darin hat die Autorin Simone Jambor-Fahlen die verschiedenen Forschungs­ergebnisse zu dem Thema aus­gewertet. Wichtigstes Ergebnis: Es gibt keine eindeutigen Aussagen in den Studien zu der Frage, mit welcher Methode das Lesen- und Schreiben­lernen am besten gelingt.

Ein Videointerview mit der Autorin Dr. Simone Jambor-Fahlen

Aus verschiedenen empirischen Studien geht jedoch hervor, dass leistungs­stärkere Schüler das Lesen und Schreiben weit­gehend unabhängig von der Methode erfolg­reich erlernen, heißt es in dem Fakten­check. Für schwächere Kinder ist hin­gegen ein strukturierter Unter­richt hilfreich, in dem die Lehr­kraft den Kindern die Systematik der Schrift erklärt. „Die eine richtige Methode für das Lesen- und Schreiben­lernen für alle Kinder und alle Lehr­kräfte gibt es nicht“, sagt Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts.

Vermittlung von Recht­schreibung erfordert umfassende didaktische Konzepte

Ob die viel diskutierte Methode „Lesen durch Schreiben“, die im öffentlichen Diskurs auch „Schreiben nach Gehör“ genannt wird, tatsächlich dazu führt, dass Schülerinnen und Schüler schlechte Recht­schreib­leistungen haben, sei aus verschiedenen Gründen unklar: Zum einen sei anzu­nehmen, dass Lehr­kräfte Lesen durch Schreiben oftmals nicht in der konzeptionell reinen Form anwenden. Dies würde laut Becker-Mrotzek bedeuten, dass Recht­schreibung zu keinem Zeit­punkt im Unter­richt thematisiert wird. Lehr­kräfte ergänzen Methoden jedoch häufig um andere Elemente und vermitteln Recht­schreibung schon früh in der Grund­schule, erklärt Becker-Mrotzek.

Zum anderen zeigen Studien, die das Lesen und Schreiben in Abhängig­keit von verschiedenen Methoden untersucht haben, dass keine klar überlegen ist. „Es macht keinen Sinn, die Frage, wie Grund­schüler am besten Lesen und Schreiben lernen, auf die Methode zu reduzieren und einzelne Konzepte zu verbieten“, sagte Becker-Mrotzek. Viel wichtiger sei es, dass Lehr­kräfte den Unterricht auf ihre Schüler abstimmen. Die Vermittlung von Recht­schreibung erfordere umfassende didaktische Konzepte. Dafür müssten Lehr­kräfte aus- und fort­gebildet werden, fordert Becker-Mrotzek.

Kinder lernen Recht­schreibung nicht als Selbst­zweck

Der Faktencheck des Mercator-Instituts gibt auch Hinweise, worauf Lehr­kräfte in den ersten Schul­jahren achten sollten. Kinder lernen die Recht­schreibung nicht als Selbstzweck, sondern, damit sie Texte lesen und selbst verfassen können. „Es ist wichtig, dass Lehr­kräfte das Interesse und die Neugier der Kinder am Lesen und Schreiben wecken und erhalten“, betont Simone Jambor-Fahlen, Autorin des Fakten­checks. Jedoch lerne nicht jedes Kind auf die gleiche Art und Weise. Für einige Schüler sei entscheidend, dass Lehr­kräfte ihnen die Regeln explizit vermitteln und begründen. Andere müssten Wörter selbst lesen oder schreiben und sich die zugrunde liegenden Regeln erschließen. „Lehr­kräfte müssen sich aber auch selbst in der Anwendung der Methode sicher fühlen. Denn aus der Forschung wissen wir, dass die Lehr­kraft zentral für den Lern­erfolg der Schüler ist.“ Ähnlich äußerte sich die Bildungs­forscherin in einem aus­führlichen Interview mit dem Deutschen Schulportal zum Thema Schreiben­lernen.

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