Blick ins Ausland : Wie Schulen in anderen Ländern Klimabildung umsetzen

Klimawandel und Nachhaltigkeit gehören in die Lehrpläne der Schulen. Das ist nicht nur ein erklärtes Ziel der Nachhaltigkeitsagenda der Vereinten Nationen, sondern auch eine Forderung der Schülerinnen und Schüler der „Fridays for Future“-Bewegung. Welche Modelle gibt es in anderen Ländern? Das Schulportal stellt neue Ansätze aus Italien, Finnland und Neuseeland vor.

Florentine Anders 06. Januar 2022
Kind malt die Erde ins Heft
Das Programm „Climate Change Learning" wird in Neuseeland seit 2020 in Schulen umgesetzt.
©Davide Zanin/ iStock

Deutschland hat sich, genau wie alle anderen Unterzeichnerstaaten, der Nachhaltigkeitsagenda der Vereinten Nationen zur Förderung einer „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) verpflichtet. Dazu gehört laut UNESCO auch die Integration der BNE in die Lehrpläne. In Deutschland entscheidet jedes Bundesland, in welcher Form das Thema Klimawandel und Nachhaltigkeit im Lehrplan verankert wird. Dabei gibt es große Unterschiede bezüglich der Verbindlichkeit, der Fächer und der Klassenstufen. Auch weltweit haben die Länder verschiedene Ansätze entwickelt. Zu den Vorreitern in Sachen Klimabildung in Schulen gehören Italien, Neuseeland und Finnland.

In Italien steht Klimawandel verpflichtend in jeder Klassenstufe auf dem Plan

Italien hat seit dem Schuljahr 2020/21 „Klimawandel und nachhaltige Entwicklung“ verpflichtend auf den Stundenplan gesetzt, und zwar in dem neuen Fach „Educazione Civica“ (Gesellschaftliche Bildung). Das Fach umfasst mindestens eine Wochenstunde und ist verpflichtend für alle Klassenstufen, schon von der ersten Klasse an. Ziel ist es, Kinder und Jugendliche zur mündigen und verantwortungsvollen Teilhabe in der Gesellschaft zu befähigen. Dafür wird im Unterricht fächerübergreifend am Erwerb von Kompetenzen in folgenden acht Bereichen gearbeitet: Persönlichkeit und Soziales, Kulturbewusstsein, Recht und Politik, Wirtschaft und Finanzen, Nachhaltigkeit, Gesundheit, Mobilität sowie Digitalisierung. Für jede Klasse wird eine Lehrkraft bestimmt, die den fächerübergreifenden Unterricht koordiniert.

Die Inhalte zum Thema „Klimawandel und Nachhaltigkeit“ sind der jeweiligen Altersstufe angepasst. In der Grundschule geht es beispielsweise darum, Kreisläufe und Zusammenhänge in der Natur zu erkennen, oder auch darum, für die Verantwortung des Menschen im Umgang mit der Umwelt zu sensibilisieren. Neben Exkursionen in die Natur oder einem gemeinsamen Einkauf nach ökologischen Kriterien ist auch das „Philosophieren mit den Kindern“ vorgesehen. In der Oberstufe sollen die Schülerinnen und Schüler dann beispielsweise in der Lage sein, den Zusammenhang zwischen Globalisierung, Umweltzerstörung und Migration zu erklären. Zudem sollen die Jugendlichen ihre Möglichkeiten der politischen Mitgestaltung hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft kennenlernen. Zusätzlich ist Nachhaltigkeit in Italien auch in den Fächern Mathematik, Geografie, Physik im Lehrplan verankert.

Handreichungen in deutscher Sprache zum Lernbereich Nachhaltigkeit sind auf der Website „blikk“ der Deutschen Bildungsdirektion in Bozen zu finden. Inspirierend für deutsche Schulen sind auf der Website auch die empfohlenen Materialien und Links für die verschiedenen Schulstufen.

Finnland setzt beim Thema Klimawandel auf den Phänomen-Unterricht

Finnland verfolgt den Ansatz des Phänomenbasierten Lernens für bestimmte fächerübergreifende Themen. Der Phänomen-Unterricht wurde 2020 für alle Schülerinnen zwischen 7 und 16 Jahren verbindlich eingeführt – und zwar nicht als Ersatz für die herkömmlichen Schulfächer, sondern als Ergänzung.

In jeder Jahrgangsstufe muss der Phänomen-Unterricht mit auf dem Stundenplan stehen. Die Schulen können selbst entscheiden, welchen Umfang sie dem projektorientierten Lernen einräumen. Es geht darum, in einer komplexen Welt Zusammenhänge über die Fächergrenzen hinweg zu erkennen. Ein fester Bereich in diesem Phänomen-Unterricht ist das Thema Nachhaltigkeit. Die Ereignisse des Klimawandels werden hierbei aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, beispielsweise mathematisch, geschichtlich oder geografisch.

„Klimaschutz und Nachhaltigkeit“ ist in Finnland in den Lehrplan eines jeden Schulfachs integriert. Im Phänomen-Unterricht wählen die Schülerinnen und Schüler einen Schwerpunkt aus, der sie in Bezug auf Klimawandel und Nachhaltigkeit besonders interessiert, und strukturieren dann gemeinsam mit der Lehrkraft die Fragestellungen, die sie bearbeiten wollen.

Das Entwicklungszentrum Opinkirjo hat 2019 in Zusammenarbeit mit der finnischen Bildungsgewerkschaft OAJ zusätzlich handlungsorientierte Inhalte eingebracht, die vor allem darauf setzen, dass die Schülerinnen und Schüler selbst aktiv werden, indem sie zum Beispiel lernen, Briefe an politische Entscheidungsträger zu schreiben.

Neuseeland will mit „Climate Change Learning” der Klima-Angst entgegenwirken

Neuseeland hat ebenfalls 2020 ein Programm zur Klimabildung aufgestellt, das an allen Schulen für Kinder und Jugendliche im Alter von 11 bis 15 Jahren angeboten wird, allerdings ist das Angebot nicht obligatorisch. Die Materialien für das Programm wurden gemeinsam mit führenden neuseeländischen Wissenschaftlern zum Thema Klimawandel erarbeitet.

In einem Komplex geht es um das Verständnis dafür, wie sich das Klima verändert. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf den Ängsten der Kinder und Jugendlichen vor den Auswirkungen des Klimawandels. Lehrkräfte der Schulen selbst hatten nach entsprechenden Materialien verlangt, um auf die bestehende „Eco-Anxiety“ (Klima-Angst) der Schülerinnen und Schüler eingehen zu können. Ein „Wellbeing Guide“ gibt den Lehrkräften wissenschaftliche Informationen, Anregungen und Materialien für den Unterricht. Die Kinder und Jugendlichen können beispielsweise ein „Gefühlsthermometer“ anlegen, um ihre Emotionen zu dokumentieren, darüber zu sprechen und nachzudenken, wie diese Emotionen in Aktionen umgemünzt werden können. Hinzu kommen Tools, mit denen die Schülerinnen und Schüler eigene Aktionen planen und durchführen, zum Beispiel das Anlegen eines Gartens mit essbaren Pflanzen. Das Erleben von Selbstwirksamkeit soll negativen Gefühlen wie Fatalismus und Resignation entgegenwirken.

Für hiesige Schulen kann ein Blick in die Arbeitsmaterialien für Lehrkräfte auf der Seite des neuseeländischen Bildungsministeriums anregend sein. Neben dem Programm „Climate Change Learning“ gibt es auch eine Sammlung von Videos zum Thema Nachhaltigkeit im Unterricht und eine „Call to Action“-Handreichung, um Schülerinnen und Schüler zu befähigen, in ihrem lokalen Umfeld Einfluss zu nehmen. Zur Inspiration werden erfolgreiche Projekte aus der Schulpraxis      beschrieben.