Healing Classrooms : Wie Lehrkräfte geflüchteten Kindern Halt geben können

Mehr als 90.000 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine sind in den vergangenen Wochen an Schulen in Deutschland aufgenommen worden. Viele von ihnen haben ihr Zuhause verloren, Angehörige zurückgelassen. Ihre Zukunft: ungewiss. Wie können Lehrkräfte dazu beitragen, dass die ukrainischen Kinder und Jugendlichen trotz der drückenden Sorgen in Deutschland zur Ruhe kommen? Das Konzept „Healing Classrooms“ liefert Antworten.

Alexandra Mankarios 04. Mai 2022 Aktualisiert am 06. Mai 2022 1 Kommentar
Nicht nur neu ankommende Kinder profitieren von dem Konzept des International Rescue Committee (IRC).
© IRC/M.Reichert

Sabine Merten hat sich schon lange vor dem russischen Angriff auf die Ukraine gefragt, wie sie geflüchtete Kinder an ihrer Schule unterstützen kann. Ab 2015 hat Merten Jugendliche aus Syrien unterrichtet, seitdem lässt das Thema die Gymnasiallehrerin nicht mehr los. Als die Landesschulpsychologie Düsseldorf im September 2021 auf die Fortbildung „Healing Classrooms“ für den Umgang mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen aufmerksam machte, meldete sich Merten sofort an – ohne zu ahnen, wie dringend das Wissen nur wenige Monate später in Klassenzimmern in ganz Deutschland benötigt werden würde. Die Fortbildung ist ein kostenloses Angebot der Organisation International Rescue Committee (IRC), das Menschen in und aus Krisenregionen unterstützt, seit 2016 auch in Deutschland.

Inzwischen arbeitet Merten selbst abgeordnet bei der Schulpsychologie in Krefeld und berät Schulen im Umgang mit den neu angekommenen Schülerinnen und Schülern. Dabei gibt sie auch das „Healing Classrooms“-Konzept weiter. Die Nachfrage ist hoch – für Merten ist das keine Überraschung, Lehrkräfte hätten schließlich großen Einfluss auf das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen und wollten es richtig machen. „Die Bereitschaft, sich zu engagieren, ist sehr groß. Das sieht man zum Beispiel an den vielen tollen Solidaritätsaktionen der Schulen. Aber vielen Kolleginnen und Kollegen fällt es schwer, sich auch im Unterrichtsalltag auf die Bedürfnisse der geflüchteten Kinder und Jugendlichen einzustellen“, sagt Merten.

Toxischem Stress entgegenwirken

Konzentrationsstörungen und Zurückgezogenheit seien die häufigsten Anzeichen dafür, dass es den Kindern nicht gut gehe. „Nicht alle sind schwer traumatisiert. Viele haben noch intakte Bindungen und sind nicht mit gar nichts in der Hand hier angekommen“, erzählt Merten. Einen jähen Wechsel haben aber alle hinter sich, und kaum jemand weiß, wie es weitergeht – das belastet.

Das Konzept von „Healing Classrooms“ bezeichnet solche Langzeitbelastungen als toxischen Stress. Die wissenschaftliche Basis dafür liefert unter anderem Forschung der US-amerikanischen Harvard-Universität . Sie zeigt, dass Dauerbelastungen die physiologische Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen. In der Folge leiden die körperliche und geistige Gesundheit, kognitive Funktionen, Verhalten und Beziehungen. Das Risiko für eine psychische Instabilität steigt, Lernen und Behalten funktionieren schlechter. Allerdings lässt sich diese Entwicklung aufhalten und sogar umkehren: durch eine verlässliche, positive Beziehung zu mindestens einer erwachsenen Person und ein stabilisierendes Umfeld.

Fest verankert in jeder Unterrichtsstunde

Drei Bausteine bilden das Grundgerüst von „Healing Classrooms“, gemeinsam sollen sie toxischem Stress entgegenwirken. Teilnehmende an der Fortbildung lernen, wie sie ein stabilisierendes Lernumfeld schaffen können und das sozial-emotionale Lernen sowie Achtsamkeit fördern. Jeder dieser Bausteine setzt sich wiederum aus einzelnen Elementen zusammen. Zum Beispiel trägt es zu einem stabilen Lernumfeld bei, wenn es den Lehrkräften gelingt, ein Zugehörigkeitsgefühl herzustellen und das Selbstwertgefühl der Kinder und Jugendlichen zu stärken. Im Bereich soziale und emotionale Kompetenzen lernen Lehrkräfte unter anderem, Konfliktfähigkeit und Beharrlichkeit ihrer Schülerinnen und Schüler zu fördern. Ein umfangreicher Pool an Übungsvorschlägen und Materialien gibt zudem Anregungen für konkrete Unterrichtsaktivitäten.

Aber es gehe um mehr als nur isolierte Aktivitäten, erklärt Merten: „Das Besondere an ,Healing Classrooms‘ ist der Ansatz, dass man solche Aktivitäten bei der Unterrichtsplanung immer mit berücksichtigt. Dass man sich für jede Stunde fragt, wie man das sozial-emotionale Lernen anregt und Vertrauen fördert.“

Rituale geben Sicherheit

Konkret bedeutet das zum Beispiel, jede Unterrichtsstunde mit einem Ritual zu beginnen. „Dafür gibt es viele Ideen: Jemand liest jeden Morgen eine kurze Geschichte vor. Oder alle sagen, was sie mit einem bestimmten Stichwort verbinden“, sagt Merten. „Solche Rituale schaffen Verlässlichkeit und ein Gefühl von Routine.“ Welche Aktivitäten sich wofür eignen – auch dafür stellt IRC auf seiner „Healing Classrooms“-Website Material bereit. Es gibt eigene Handbücher für Kitas oder Berufsschulen, und im Materialpool lässt sich zum Beispiel danach filtern, welche Aufgaben auch ohne Sprachkenntnisse möglich ist.

Besonders gut gefällt Merten an dem „Healing Classrooms“-Ansatz, dass nicht nur die neu angekommenen Kinder profitieren. „Mehr als zwei Jahre Corona-Pandemie haben bei vielen Kindern Spuren hinterlassen. Es tut allen gut, wenn die Lehrkräfte das soziale Miteinander stärken“, sagt Merten.

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Auf einen Blick

  •  Healing Classrooms wurde entwickelt vom International Rescue Committee (IRC). IRC wurde 1933 von dem Physiker Albert Einstein initiiert und unterstützt heute Menschen in und aus Krisenregionen in mehr als 40 Ländern.
  • Seit 2016 ist IRC in Deutschland aktiv und engagiert sich in den Bereichen Bildung, Schutz und Teilhabe sowie wirtschaftliche Integration.
  • Die Fortbildungen „Healing Classrooms“ sind kostenlos und lassen sich an die Bedürfnisse der Teilnehmenden anpassen. Interessierte können zum Beispiel an einer mehrteiligen Online-Fortbildung teilnehmen oder ein Team des IRC an ihre Schule einladen.