Fragen an Experten : Wie kann ich angekündigte Konsequenzen durchsetzen?

Das Lehrer-Schüler-Verhältnis, Eltern­arbeit oder das Zusammen­spiel im Kollegium – Beziehungen prägen den Schul­all­tag, und häufig sind diese nicht einfach. Das Schulportal hat Lehr­kräfte anonym befragt, in welchen Situationen sie unsicher sind, wenn es darum geht, Beziehungen professionell zu gestalten. Experten aus der Praxis geben Tipps, wie Lehr­kräfte in den beschriebenen Situationen am besten vorgehen können.
In diesem Fall geht es um Grenz­über­schreitungen und wie man damit umgeht. Wolfgang Vogelsaenger beschreibt aus seinen Praxis­erfahrungen, wie er vorgehen würde. Der ehemalige Schul­leiter ist an der Deutschen Schulakademie zuständig für Angebote zum Thema „Beziehungen professionell gestalten“.

Florentine Anders / 17. März 2019
Was kann man tun, wenn sich eine Schülerin komplett verweigert und auf Anweisungen des Lehrers nicht reagiert?
Was kann man tun, wenn sich eine Schülerin komplett verweigert und auf Anweisungen des Lehrers nicht reagiert?
©Getty Images

Lehrer einer Gesamtschule: Als Lehrer lernt man früh, dass man Konsequenzen, die man Kindern androht, bei weiteren Grenz­über­schreitungen unbedingt auch durch­setzen sollte. Doch was tut man, wenn sich ein Kind komplett verweigert? Eine Schülerin hatte zum Beispiel unentwegt ihre Mitschülerinnen und Mitschüler gestört und provoziert. Als ich sie – wie zuvor angedroht – vor die Tür schicken will, weigert sie sich, bleibt trotz mehr­facher Aufforderung sitzen und schaut mich provozierend an. Wie soll ich in einer solchen Situation die angedrohte Konsequenz durch­setzen? Einfach darüber hin­weg­zu­gehen wäre ja ebenso wenig eine Lösung wie das gewaltsame Vor-die-Tür-Setzen. Wie kommt man aus dieser Situation heraus?

Wolfgang Vogelsaenger: Da haben Sie ja schon die halbe Miete in der Tasche! Der Schülerin scheint es wichtig zu sein, wie Sie reagieren, auch wenn dieses Interesse an Ihnen noch negativ besetzt ist. Sie will erfahrungs­gemäß eine Reaktion, mit der sie leben kann, die eine positive Beziehung zu Ihnen ermöglicht, ihr aus ihrer Trotz­haltung heraus­hilft.

Zunächst mal rate ich Ihnen in dieser Situation: Entschleunigen Sie. Gehen Sie raus aus der Konflikt­situation. Sagen Sie der Schülerin zum Beispiel, dass Sie im Moment diesen Konflikt nicht lösen können, dass Sie aber nach der Stunde 45 Minuten Zeit hätten, um mit ihr über das künftige Verhältnis zueinander zu sprechen. Vermeiden Sie dabei Inter­pretationen oder Schuld­zuweisungen. Zeigen Sie einfach ganz authentisch, was Ihnen selbst Probleme bereitet, in welcher Zwick­mühle Sie stehen. Dass Sie gelernt haben, konsequent zu sein; dass das aber nicht für jede Situation gilt – vor allem dann nicht, wenn die angedrohten Konsequenzen unglücklich für eine professionelle Beziehungs­gestaltung wären.

Ein Vor-die-Tür-Setzen ist der Abbruch einer Beziehung. Sie müssen aber auch Grenzen aufzeigen, die nicht von Ihrer Tages­kondition abhängig sind. Daher ist es not­wendig, in dem Gespräch mit der Schülerin Lösungen für zukünftige Situationen vorzu­besprechen. Überlegen Sie nach der Stunde gemeinsam mit der Schülerin, wie künftig eine solche Situation des Störens und Provozierens der Mitschülerinnen und Mitschüler vermieden oder entschärft werden kann. Fragen Sie sie, womit sie sich gern beschäftigen würde, wenn sie an Ihrem Unterricht nicht interessiert ist. Geben Sie ihr Entscheidungs­spiel­räume. Wenn Sie ein echtes Interesse an dieser Schülerin zeigen, dann haben Sie sie in der Regel schnell auf Ihrer Seite.

PS: Ideen und viele praktische Beispiele, wie man sich die Neugier und Begeisterungs­fähig­keit von Jugendlichen zunutze machen kann, finden Sie in dem Buch „Ich schaffs – Cool ans Ziel. Das lösungs­orientierte Programm für die Arbeit mit Jugendlichen“ von Christiane Bauer, Thomas Hegemann, erschienen im Carl Auer Verlag, 6. Auflage 2018. Hilf­reich könnte auch die App „Ich schaffs“ von Ben Furman sein. Sie gibt anhand von Fall­beispielen Anregungen, wie man Kindern helfen kann, Probleme zu überwinden.

Zur Person

Wolfgang Vogelsaenger von der Deutschen Schulakademie
Wolfgang Vogelsaenger von der Deutschen Schulakademie
©David Weyand