Neue Studie : Wie guter Schulsport den Kindern hilft

Der Lockdown hat die Bewegung von Kindern weiter verschlechtert, viele haben zugenommen. Schulsport kann neben der Fitness auch die kognitive Leistung erhöhen. Dabei kommt es gar nicht so sehr auf die Dauer an.

Dieser Artikel erschien am 07.07.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Nicola von Lutterotti
Schülerinnen im Sportunterrischt
Hindernisläufe fördern Schnelligkeit und Geschicklichkeit, aber vor allem den Teamgeist – wie hier in der Grundschule Rellinger Straße Hamburg.
©Theodor Barth/Robert Bosch Stiftung

Kinder haben einen nahezu unstillbaren Bewegungs­drang. Ihr Durch­halte­vermögen gleicht dabei bisweilen jenem von Profi­sportlern, wie französische Forscher unlängst heraus­gefunden haben. In jedem Alter nutz­bringend, erfüllt körperliche Aktivität bei Heran­wachsenden auch besonders wichtige Funktionen. So stellt sie frühzeitig die Weichen für einen gesunden Lebens­stil, erhöht das Selbst­wert­gefühl und stärkt damit die seelische Gesundheit und begünstigt obendrein die Entwicklung etlicher kognitiver Fähigkeiten. Um diese Früchte ernten zu können, sollten sich Kinder gemäß den Empfehlungen der WHO mindestens 60 Minuten am Tag ausgiebig bewegen – eine „Dosis“, die viele Mädchen und Jungen schon vor dem Corona-Lockdown nicht erreicht haben.

Die Schließung von Schulen und Kindergärten während der Pandemie hat diesen ungünstigen Trend noch weiter verstärkt. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage in Deutschland, an der tausend Eltern von mindestens einem Kind im Alter bis zu 14 Jahren beteiligt waren. Wie die Analysen zeigten, bewegten sich knapp 40 Prozent der Studien­teilnehmer zu Zeiten des Lockdowns deutlich weniger als davor. Bei den 10- bis 14-Jährigen betrug der entsprechende Anteil sogar 50 bis zu knapp 60 Prozent.

Rund ein Viertel der Probanden dieser Alters­gruppe verzehrte außerdem mehr ungesunde Snacks als zuvor. Und vergleichbar viele setzten gemäß Angaben der Eltern Speck an. Das Risiko, während der Pandemie an Gewicht zuzunehmen, war bei Kindern aus unter­privilegierten Schichten rund zwei­ein­halb­mal so hoch wie bei solchen aus besser­gestellten Eltern­häusern. Dies sei eine besorgnis­erregende Verschärfung der sozioökonomischen Ungleichheiten, schreiben die Forscher um Berthold Koletzko vom Dr. von Haunerschen Kinder­spital der Ludwig-Maximilians-Universität München in den Annals of Nutrition and Metabolism.

Positiver Effekt auch für Mathematik­unterricht

Wenn es darum geht, Kindern komplexe Bewegungs­abläufe beizubringen, kann Schulsport enorm viel leisten. Anders als manche Eltern argwöhnen, handelt es sich bei diesem keineswegs um ein Unterrichts­fach, das ihren Sprösslingen wert­volle akademische Bildungs­zeit stiehlt – ganz im Gegen­teil. Wie die Erkenntnisse etlicher Wissenschaftler nahelegen, fördert Schul­sport neben der körperlichen auch die geistige Fitness.

Bedeutsamer als die Zahl der Stunden scheint dabei die Qualität des Sport­unterrichts zu sein. Hierfür sprechen zumindest die Resultate einer umfassenden Analyse, der die Daten von 19 wissenschaftlichen Studien mit zusammen knapp 9000 Mädchen und Jungen im Alter zwischen fünf und 17 Jahren zugrunde liegen. In den verschiedenen Erhebungen war untersucht worden, wie sich unterschiedliche Arten von Schulsport auf die kognitiven Fähigkeiten – etwa Aufmerksamkeit, Selbst­kontrolle, Arbeits­gedächtnis und Kreativität – und auf die akademischen Leistungen der jungen Versuchs­teilnehmer auswirken.

Wie die Forscher um Antonio García-Hermoso vom Klinikzentrum der Universität in Pamplona im British Journal of Sports Medicine schreiben, hatte die Anzahl der Stunden diesbezüglich keinen großen Effekt. In den wenigen Studien, die sich mit diesem Thema befasst hatten, war eine Verlängerung des Sport­unterrichts um eineinhalb bis zwei Stunden pro Woche jedenfalls nicht in der Lage gewesen, die geistigen Kapazitäten der Kinder und Teenager zu steigern. Als bedeutsamer erwies sich dies­bezüglich die Qualität des Unterrichts. Besonders förderlich waren dabei gut ausgebildete Sport­lehrer, denen es gelang, die Schüler mit verschiedenen Aktivitäten, etwa Ball­spielen und kooperativem Intervall­training, auf Trab zu halten. Das Training bewirkte, dass sowohl die kognitiven als auch die schulischen Leistungen der jungen Probanden zunahmen. Dieser Effekt trat im Fach Mathematik am meisten zutage und war bei Grund­schul­kindern stärker ausgeprägt als bei den Teenagern.

Zeitfresser in der Umkleide

Ralph Beneke vom Institut für Sportwissenschaft und Motologie der Universität Marburg überraschen die Ergebnisse nicht. „Denn bei vielen Sportarten geht es nicht nur um Bewegung, sondern auch um kluges Agieren. So kommt es etwa bei Ball­spielen darauf an, die Absichten des Gegners voraus­zu­sehen, sich darauf ein­zu­stellen und diese best­möglich abzuwehren. Wichtig ist es zudem, mit den Mitgliedern der eigenen Mannschaft zusammen­zu­arbeiten und Taktiken zu entwickeln, mit denen sich die gegnerische Partei besiegen lässt.“ Bei Teamsport würden Kinder solche Fertig­keiten spielerisch erlernen und könnten diese dann auf viele andere Lebens­bereiche über­tragen.

„Auch bei Rechenaufgaben geht es ja darum, ein Problem zu erkennen und anschließend eine Strategie zu entwerfen, mit der sich dieses lösen lässt“, erklärt der Arzt die Beobachtung, dass Schulsport die mathematischen Leistungen von Schülern zu verbessern vermag. Gut nach­voll­zieh­bar sei, dass die Qualität des Sport­unterrichts dabei mehr ins Gewicht fällt als dessen Dauer. „Professionelle Trainer achten stets darauf, dass die Kinder möglichst wenig herum­stehen. Dagegen dauern bei unerfahrenen Lehrern die Vorbereitungen für das Training häufig schon so lange, dass kaum noch Zeit für den Sport bleibt.“ An vielen Schulen würden die Kinder die tatsächlichen Bewegungs­aufgaben dementsprechend nur etwa zehn bis fünfzehn Minuten lang ausführen. Drei Stunden hoch­wertiger Sport bringe daher auch deutlich mehr als fünf Stunden schlechter, fügt Beneke hinzu. Leider würde das im deutschen Schul­all­tag viel zu wenig berücksichtigt.