Dieser Artikel erschien am 30.04.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autor: Birk Grüling

Sexualpädagogik in der Grundschule : „Wie funktioniert Verliebtsein?“

Wie früh soll Sexualpädagogik auf dem Stunden­plan stehen? Schon in der Grund­schule, sagen Experten. Möglichst gar nicht, sagen vor allem konservative Kritiker.

Penis- und Eierstockmodelle
In der Sexualpädagogik geht es um viel mehr als nur um Sex
©dpa

Sonderpädagogin Christina Carstensen steht vor ihrer Klasse und tippt auf ein rotes Buch – „Peter, Ida und das Minimum“, ein Aufklärungs­klassiker. In den letzten Wochen haben sich die „Ottifanten“, so heißt die Grund­schul­klasse, mit dem menschlichen Körper beschäftigt – Milch­zähne, Haut, Wachstum. Zum Abschluss soll es um Sexualität gehen.

Auf dem Lehrerpult liegt ein Stapel Sachbücher. „Wir bekommen ein Baby“ für die Erst- und Zweitk­lässler, bunte Auf­klärungs­bücher für die Größeren. An der Bugen­hagen­schule Groß Flottbek, einer privaten Hamburger Grund­schule in kirchlicher Träger­schaft, wird inklusiv und jahr­gangs­übergreifend unterrichtet – Sexual­pädagogik ist selbst­verständlicher Teil des Lehr­plans.

Die Besonderheit: Die Kinder bestimmen die Themen selbst, die Teilnahme an der Unterrichts­ein­heit ist frei­willig. Christina Carstensen nennt das „bedürfnis­orientiert“. Die jüngeren Schüler beschäftigen sich selbst­ständig mit den Sach­büchern über Schwanger­schaft und Geburt, füllen dazu Arbeits­blätter aus und besprechen mit Lehrerin und Mitschülern ihre Erkenntnisse, Erfahrungen und Fragen.

Die Dritt- und Viertklässler stellen ihre eigenen Fragen rundum Sexualität. Die Neugier ist groß, das A3-Poster füllt sich schnell: „Warum wachsen um Scheide und Penis Haare?“, „Wie geht Verhütung?“, „Ab wann bekommen Mädchen ihre Tage?“ „Warum haben manche Frauen große Brüste und andere kleine?“ „Wie funktioniert Verliebt­sein?“, „Warum lieben manche Männer Männer?“ Die Antworten wollen sie in den kommenden Wochen gemeinsam finden.

Sexualpädagogik ist mehr als nur Aufklärung über Sex

Seit mehr als 50 Jahren ist Sexual­pädagogik Teil des staatlichen Bildungs­auf­trags und in allen Lehr­plänen verankert. So sollen Hamburgs Grund­schüler über angenehme und unpassende Berührungen sprechen. Neben sexual­pädagogischen „Klassikern“ wie Schwanger­schaft und Babys werden auch Geschlechter­rollen oder verschiedene Lebens­formen thematisiert.

Dabei sieht das Schulgesetz eine „vertrauens­volle“ Zusammen­arbeit mit den Eltern vor. An der Bugen­hagen­schule war der Sexual­kunde­unterricht Thema auf einem Eltern­abend. Mit positiver Resonanz, wie Christina Carstensen berichtet. „Viele Eltern empfinden das Thema als wichtig und freuen sich, dass wir sie bei der Aufklärung unter­stützen“, sagt sie.

Diese Offenheit ist keinesfalls selbst­verständlich. Frühe sexuelle Bildung stößt auf viel Gegenwind. Gerade erzkonservative Kreise würden den Sexual­kunde­unterricht am liebsten auf biologische Fort­pflanzung begrenzen und Homo­sexualität oder andere Geschlechts­optionen gar nicht zum Thema machen. Sie sprechen von einem „Gender­wahn“ in Schulen und sehen ihr traditionelles Familien­bild durch Früh­sexualisierung in Gefahr. Sogar die Angst, entsprechende Unterrichts­inhalte könnten homo­sexuelle Lebens­weisen fördern, treibt manche Eltern um.

Anja Henningsen, Professorin für Sexual­pädagogik an der Uni Kiel, kennt die Bedenken. „Die Ablehnung entsteht nicht nur aus sehr starren Welt­bildern, sondern häufig auch aus Unwissen­heit. Zeitgemäßer Sexual­kunde­unterricht ist weit mehr als Aufklärung über Fort­pflanzung oder Sex­praktiken. Es geht um Respekt, Gefühle, Liebe, den eigenen Körper oder eben Lust“, erklärt sie. Lebens­begleitende Themen, die auch Kinder interessieren. Ihre Fragen unbeantwortet zu lassen, wäre fahr­lässig.

Die Kinder gehen mit offenen Augen durch die Welt

Die Neugier zeigt sich auch im Klassen­zimmer der Ottifanten. Mit großer Ernst­haftig­keit berichten die Schüler über homo­sexuelle Paare in der Lieblings­serie, die Beziehungen des großen Bruders, die Periode der Freundin und unter­schiedliche Busen­formen, die sie in der Dusche des Schwimm­bads sehen.

„Die Kinder sind froh drüber, in so einem geschützten Rahmen ihre Fragen stellen und eigene Sorgen ansprechen zu können“, sagt Carstensen. Deshalb gibt es klare Regeln. Es wird nicht gelacht, jede Frage respekt­voll behandelt. Das Besprochene bleibt im Klassen­raum. Wer über ein Thema nicht reden möchte, kann sich mit anderem beschäftigen.

Der Wissensstand und die Offenheit der Kinder sind ganz unterschiedlich. Manche Schüler haben Aufklärungs­bücher zu Hause, können mit ihren Eltern offen über Sexualität und Emotionen sprechen, andere werden gar nicht auf­geklärt. Für sie ist die Schule eine wichtige Institution, um mehr über ihren sich verändernden Körper und Beziehungen zu erfahren.

Dieses Wissen dient dabei nicht nur dem Schutz vor sexuell über­trag­baren Krank­heiten oder ungewollten Schwanger­schaften. Aus Sicht von Anja Henningsen muss sexuelle Bildung mehr leisten – zum Beispiel die Akzeptanz von sexueller Vielfalt und Geschlechter­rollen, die Entwicklung eines gesunden Körper­bildes und den Schutz vor Miss­brauch fördern.

Aufklärung stärkt die eigenen Grenzen

Wann soll ich „Nein“ sagen? Auch diese Frage steht auf dem Poster der Ottifanten. „Wir wollen darüber sprechen, was andere Menschen mit euch tun dürfen und was nicht – egal, ob Verwandte oder Fremde“, sagt Carstensen und tippt auf die Seite eines Aufklärungs­buches. Eine Tante gibt darauf einen nassen Kuss, gegen den Willen der Nichte.

Gegen Grenzüberschreitungen, ob nun durch Worte oder unangemessene Berührungen, ist Aufklärung ein bewährtes Mittel, davon ist auch Anja Henningsen über­zeugt. „Aufgeklärte Kinder kennen ihre Grenzen. Es fällt ihnen leichter, ‘Nein’ zu sagen oder sich Hilfe zu holen, weil sie wissen, dass die Pädagogen und Eltern das Thema nicht tot­schweigen und ein offenes Ohr für ihre Sorgen haben“, sagt sie.

Genau dafür braucht es aber kundige Lehrkräfte und sexual­pädagogische Konzepte in den Schulen. Die angemessene Reaktion auf sexuelle Grenz­über­schreitungen im Schul­all­tag, zum Beispiel durch Beleidigungen oder den Griff in den Schritt, das aufklärende Gespräch mit Kindern, all das fällt vielen Lehr­kräften schwer. Oft aus mangelnder Erfahrung: Im Lehr­amts­studium ist Sexual­erziehung nach wie vor ein Rand­thema.

Auch zu den Fortbildungen der Lehrerbildungszentren und zu den Beratungs­stellen von Pro Familia kommen oft die immer gleichen Schulen und Pädagogen. Mit der Konsequenz, dass es, dem staatlichen Bildungs­auf­trag zum Trotz, stark von der Schule und dem Klassen­lehrer abhängt, ob die Fragen der Kinder beantwortet werden – oder ob der Sexual­kunde­unterricht einfach aus­fällt.