Italien : Wie E-Learning in der Quarantäne funktioniert

Die Kultusministerinnen und -minister der 16 Bundesländer beraten am 12. März über einen Notfallplan für Schulen in Quarantäne. Wenn es darum geht, wie der Unterricht trotz Schulschließung fortgesetzt werden kann, lohnt der Blick nach Italien. Hier sind die Schulen flächendeckend bereits seit dem 5. März geschlossen. Vermutlich bis 3. April wird die Schulschließung aufrechterhalten. Das Schulportal sprach mit Gustav Tschenett, Bildungsdirektor in Südtirol, darüber, wie der Unterricht per E-Learning weitergeht und was er Ländern wie Deutschland raten würde.

Florentine Anders / 12. März 2020
Hände auf Tastatur Laptop
Südtirol macht es vor, wie Unterricht über digitale Medien weitergeführt werden kann.
©Nicolas Armer/dpa

Deutsches Schulportal: In Italien sind alle Schulen geschlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Findet trotzdem Unterricht statt?
Gustav Tschenett:
Im Gegensatz zu Deutschland sind die Schulen in Südtirol sehr autonom, sie haben große eigene Gestaltungsmöglichkeiten. Entsprechend unterschiedlich weit sind die Schulen auch, was das Arbeiten mit digitalen Medien angeht. Allerdings haben wir als Bildungsdirektion von 2019 bis 2023 die Digitalisierung zu einem Schwerpunkt für alle Schulen erklärt. In diesem Zuge wurden sogenannte Digicoaches ausgebildet, die die Schulen vor Ort auf dem Weg der Digitalisierung beraten und betreuen. Diese Digicoaches haben zunächst flächendeckend erhoben, was in den einzelnen Schulen schon digital gemacht wird. In dieser Notsituation können sie also schnell gute Erfahrungen von der einen Schule auf eine andere Schule übertragen. Gleichzeitig stellen sie alle digitalen Unterrichtsinhalte, wie Aufgaben oder Videos ins Netz, so dass sich alle Schulen aus diesem Pool bedienen können.

Gibt es dafür eine gemeinsame Internetplattform für alle Schulen?
Ja, es gibt eine gemeinsame Plattform von der Bildungsdirektion. Zusätzlich nutzen einige Schulen auch weitere Plattformen. Natürlich sind die Bedarfe je nach Schulart sehr unterschiedlich. Zur Bildungsdirektion gehören alle Einrichtungen vom Kindergarten bis zur Berufsschule. An Kindergärten ist der Bedarf sicher ein anderer als an Schulen.

Diese Notsituation trifft die Kinder aus sozial benachteiligten Familien besonders schwer.

Auch in Deutschland haben einige Bundesländer solche Plattformen, aber viele Schulen nutzen diese noch nicht, zum Beispiel für E-Learning. Wie ist das bei Ihnen? Nutzen bereits alle Schulen die zentrale Plattform der Bildungsdirektion?
Inzwischen ja. Anfangs hatten noch einige Grundschulen die Aufgaben für die Schülerinnen und Schüler in Papierform ausgedruckt und in den Sekretariaten an die Eltern ausgegeben. Doch das ist jetzt nicht mehr möglich. Wir können jetzt sagen, dass alle Schulen auf Fernunterricht über digitale Medien umgestellt haben.

Haben denn alle Schülerinnen und Schüler zu Hause überhaupt Zugang zu einem Computer?
In den meisten Fällen ist ein Computer zu Hause vorhanden. Viele Schulen haben auch Leihgeräte, die sie den Schülerinnen und Schülern mit nach Hause geben können, wenn das nicht der Fall ist. Aber wir machen uns nichts vor: Natürlich trifft diese Notsituation die Kinder aus sozial benachteiligten Familien besonders schwer. Beim Fernunterricht sind die Kinder auch auf die Unterstützung der Eltern angewiesen.

Ein Digicoach betreut bis zu 30 Schulen in seiner Region

Gibt es auch Unterricht in Gruppen, wo eine Lehrkraft per Livestream etwas erklärt und ansprechbar ist?
Ja, die Bildungsdirektion stellt für alle Schulen die Lizenz von Microsoft Teams zur Verfügung, so dass die Lehrkräfte auch die Möglichkeit haben, mit ihren Schülerinnen und Schülern oder im Kollegium Videokonferenzen abzuhalten. Auch gemeinsame Unterrichtseinheiten sind damit natürlich möglich. Wir haben dazu sehr interessante Rückmeldungen von den Schulen. Auch hier sind die Digicoaches sehr hilfreich, weil sie Videos von gelungenen Unterrichtseinheiten ins Netz stellen.

Wie viele Schulen betreut denn ein Digicoach?
Ein Coach betreut bis zu 30 Schulen in seiner Region. Das ist in dieser Situation, wo alles auf einmal passieren muss, sehr viel. Die Digicoaches sind ununterbrochen gefragt. Ursprünglich war das ja anders geplant. Dennoch sind wir sehr froh, dass wir diese Struktur jetzt haben.

Lehrkräfte, die sich bisher noch nicht mit den Möglichkeiten der digitalen Medien auseinandergesetzt haben, sind jetzt dazu gezwungen.

Bekommen die Schulen auf dem Weg der Digitalisierung durch die Quarantäne jetzt einen großen Schub?
Wenn man der aktuellen Situation überhaupt etwas Gutes abgewinnen kann, dann könnte man das wohl sagen. Lehrkräfte, die sich bisher noch nicht mit den Möglichkeiten der digitalen Medien auseinandergesetzt haben, sind jetzt dazu gezwungen.

Welche Auswirkungen haben die Schulschließungen auf die Abiturprüfungen? Diese Frage wird derzeit in Deutschland stark diskutiert.
In Italien gibt es anders als in Deutschland zentrale Abiturprüfen. Das heißt, alle Schülerinnen und Schüler schreiben am gleichen Tag die Prüfung mit genau den gleichen Aufgaben. Auch die mündlichen Prüfungen finden an zentralen Terminen statt. Die Prüfungszeit beginnt erst im Juni. Ob die Termine verschoben werden, muss dann das Ministerium entscheiden.

Ein gutes Kommunikationsmanagement ist notwendig

Aber erfüllen die Schülerinnen und Schüler nach der wochenlangen Schulschließung überhaupt die Voraussetzungen, um zur Prüfung zugelassen zu werden?
In Italien ist eine Mindestzahl an Präsenzstunden Voraussetzung, um zum Abitur zugelassen zu werden. Das dürfte aber kein Problem sein, da die Tage, an denen die Schulen jetzt geschlossen sind, als Präsenzzeit anerkannt wird. Der Unterricht geht ja weiter.

Was würden Sie aus Ihren aktuellen Erfahrungen Bildungsverwaltungen in anderen Ländern im Umgang mit dem Coronavirus raten?
Eine große Herausforderung ist ein gutes Kommunikationsmanagement. Man muss sehr kurzfristig einen direkten Draht zu allen Führungskräften der Schulen haben. Und die müssen dann wiederum direkt alle Eltern und Schülerinnen und Schüler informieren können. Wenn der Ministerpräsident etwa um 22 Uhr auf einer Pressekonferenz verkündet, was schon am nächsten Morgen in Kraft tritt, ist das sehr schwierig. Über die Sozialen Medien verbreiten sich dann schnell Fake News. Darin besteht eine große Gefahr, die wir so weit wie möglich vermeiden müssen.