Nachhilfe-Programm : Wenn schon fördern, dann richtig

Zwei Milliarden Euro will der Bund in das Nachhilfe-Programm “Aufholen nach Corona” investieren. Ist das Geld gut angelegt? Das sagt die Bildungsforschung zum Thema Nachhilfe.

Dieser Artikel erschien am 08.09.2021 in DIE ZEIT
Thomas Kerstan
Private Nachhilfe sorgt für mehr Zufriedenheit bei Schülern, verbessert aber oft nicht die Leistung.
©Getty Images

Nachhilfe – was ist das überhaupt?

Der Begriff Nachhilfe ist nicht verbindlich definiert. Mal wird schulischer Förderunterricht dazu gezählt, mal die Hausaufgabenhilfe durch die Eltern, manchmal nur bezahlter Unterricht außerhalb der Schule. Der Essener Pädagogikprofessor Klaus Klemm hat Effekte von Nachhilfe in mehreren Studien untersucht. Nach seiner Definition ist Nachhilfe “auf schulische Unterrichtsfächer gerichtet und findet außerhalb der normalen Schulstunden statt”. Für den Bildungsforscher Olaf Köller ist Nachhilfe “ein Angebot, das nicht institutionell an die Schule gekoppelt ist und nicht von Lehrkräften erteilt wird”. In Abgrenzung dazu nenne er es “additive Förderung”, wenn Schulen Zusatzunterricht mit Fachkräften organisierten. Köller leitet das Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel (IPN) und steht einer neu geschaffenen Institution vor: der Ständigen wissenschaftlichen Kommission. Sie wurde kürzlich von der Kultusministerkonferenz berufen, um mehr wissenschaftlichen Sachverstand für die Bildungspolitik zu nutzen.

Wie viel Nachhilfe erhalten die Schülerinnen und Schüler hierzulande?

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, weil nicht nur der Begriff der Nachhilfe schwammig ist, sondern verschiedene Studien unterschiedliche Teile der Schülerschaft betrachten. Mal wird danach gefragt, wer aktuell Nachhilfe in Anspruch nimmt, mal danach, wem jemals Nachhilfe erteilt wurde. Mal werden die 15-Jährigen befragt, mal alle unter 16. Zudem gibt es nur wenige aktuelle Studien. Eine Untersuchung im Auftrag des Kinderausstatters Jako-O zeigte 2014, dass 14 Prozent der schulpflichtigen 6- bis unter 16-Jährigen laut Auskunft ihrer Eltern Nachhilfeunterricht erhalten. Im internationalen Vergleich ist die Nachhilfequote in Deutschland übrigens recht niedrig. 2012 zeigte die Pisa-Studie, dass 28,6 Prozent der deutschen 15-Jährigen zusätzlichen Unterricht außerhalb der normalen Schulstunden erhielten; in Japan waren es dagegen 69,8, in Großbritannien 41,7 und in Frankreich 35,6 Prozent – obwohl es dort verpflichtenden Ganztagsunterricht gibt. Spitzenreiter unter den Nachhilfefächern ist in Deutschland und weltweit die Mathematik. Dann folgen die Fremdsprachen und Deutsch. Laut einer von Klaus Klemm geleiteten Studie der Bertelsmann Stiftung von 2016 geben die deutschen Eltern knapp 900 Millionen Euro jährlich für Nachhilfe aus. “Früher war die Nachhilfe das letzte Mittel, um die Versetzung zu retten”, sagt Klemm. Heutzutage werde sie vielfach auch genutzt, um ordentliche Leistungen noch zu steigern. So habe etwa ein Drittel der Mathe-Nachhilfeschüler die Note 3 oder besser.

Wie wirksam ist Nachhilfe?

Die Forschungen zum Ertrag der Nachhilfe sind ernüchternd. Klaus Klemm zeigte in seiner Untersuchung von 2016, dass keine methodisch saubere Studie Verbesserungen der Kompetenzen oder der Noten der Schüler durch die Nachhilfe belegen konnte. Eine groß angelegte Studie der Erziehungswissenschaftlerin Karin Guill, die wie Köller am IPN forscht, bestätigte 2020, dass private Nachhilfe sich nicht auf die Leistungen oder die Noten eines Kindes auswirke. “Sie schadet nichts”, sagt Olaf Köller, “aber sie nützt auch nichts.” Das sei keine deutsche Besonderheit, sondern ein internationales Phänomen. Weshalb aber machen dann viele dennoch gute Erfahrungen mit Nachhilfe? “Es mag daran liegen”, sagt Olaf Köller, “dass Leistungen und Noten zwar nicht besser werden, aber, wie die Studie gezeigt hat, die Schülerinnen und Schüler durch Nachhilfe zufriedener zur Schule gehen.” Der Null-Effekt gelte aber nur für die übliche Nachhilfe, die vorwiegend von fachdidaktisch nicht gebildeten Hilfskräften erteilt und nicht mit der schulischen Lehrkraft abgestimmt werde. “Der Star in der Disco”, sagt Köller, “ist halt nicht automatisch ein guter Tanzlehrer.”

Was fordern die Expertinnen und Experten?

Um die pandemiebedingten Leistungseinbrüche bei Kindern und Jugendlichen aufzufangen, investiert der Bund für 2021 und 2022 zwei Milliarden Euro in das Programm “Aufholen nach Corona”, eine Milliarde davon speziell für Nachhilfe. Vor einigen Wochen hat die Ständige wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz konkrete Vorschläge unterbreitet, was Kindern und Jugendlichen jetzt wirklich nützt. Die Fachleute raten dazu, die Nachhilfe eng mit dem Schulunterricht zu verzahnen und nur qualifiziertes Personal dafür einzusetzen, weil sie nur so wirksam sei. “Am besten wäre es”, sagt Olaf Köller, “wenn dafür der Ganztag genutzt wird.” Vormittags unterrichte dann die Lehrkraft die Kinder, nachmittags gehe es mit Tutorinnen und Tutoren in Kleingruppen oder in Einzelstunden weiter – in enger inhaltlicher Abstimmung mit den Lehrerinnen und Lehrern.

Doch woher sollen die Fachkräfte kommen? Klaus Klemm hat zusammen mit Dirk Zorn von der Bertelsmann Stiftung einen Bedarf von 210.000 zusätzlichen Lehrkräften errechnet. “Doch der Arbeitsmarkt ist leer gefegt”, sagt er. Als Ausweg schlägt Klemm vor, stärker auf Lehramtsstudierende in ihrem verpflichtenden Schulpraktikum zu setzen. Zusätzlich, sagt Köller, könne man auf pensionierte Lehrkräfte zurückgreifen und notfalls auf andere Akademiker, die vorher eine Fortbildung im Unterrichten des jeweiligen Fachs absolvieren müssten. Weil die Mittel nicht für alle Kinder und Jugendlichen reichten, sollten sie konzentriert werden: auf die besonders leistungsschwachen unter ihnen und auf jene Fächer, welche die Basis für den schulischen Erfolg bildeten – Deutsch und Mathematik. Damit die Nachhilfe zielgenau wirken könne, empfiehlt die Ständige wissenschaftliche Kommission, vorab den Leistungsstand der Kinder zu testen, etwa durch Vergleichsarbeiten. Zur Erfolgskontrolle sei eine Evaluation nötig.

Wie geht es weiter?

Aus Sicht der Bildungsforscher reichen die Mittel bei Weitem nicht aus, um die Lernrückstände auszugleichen. “Außerdem haben wir auch ohne Pandemie ein Riesenproblem an den Schulen”, sagt Köller: die große Gruppe der Schüler, die nicht richtig lesen und rechnen können. Laut Pisa- und anderen Studien gehört dazu rund jeder fünfte Schüler. Und dieser Anteil wird seit Jahren nicht kleiner. Deshalb dürfe die systematische Förderung nicht 2022 enden, sondern müsse institutionalisiert werden, “am besten verpflichtend für beide Seiten”, sagt Olaf Köller. Habe ein Kind Förderbedarf, müsse die Schule ihm gezielte Angebote machen, die auch angenommen werden müssen. “Alle müssen begreifen”, sagt Köller, “dass kurzfristige Förderangebote mit unqualifiziertem Personal ohne Verknüpfung mit dem Unterricht reine Verschwendung sind, die wir uns nicht leisten können.”