Digitales Lernen : Wenn Grundschul­kinder Erklär­videos produzieren

Es sollte ein sanfter Übergang zur Digitalisierung werden – doch dann kam Corona. Die Schule Sterntaler Straße in Hamburg erlebte in den vergangenen Wochen einen mächtigen Digitalisierungsschub. Bei ihren ersten Versuchen mit Padlet, SchoolFox und Co entdeckten die Lehrerinnen und Lehrer viele Vorteile, aber auch Grenzen digitaler Tools. Nun will die Schule die neuen Erfahrungen für die künftige Schulentwicklung nutzen.

Felicitas Wilke / 26. Juni 2020
ein Mädchen macht mit Tablet und Kopfhörern Hausaufgaben
Das Lernen mit dem Tablet gehörte für viele Grundschulkinder während der Schulschließung zum Alltag.
©GettyImages

Die vergangenen Wochen hielten für Grundschullehrerin Heike Riegamer einige Aha-Momente bereit. „Wir haben noch mal einen anderen Blick auf unsere Schüler erhalten“, sagt sie. Da war etwa das Mädchen, das sich in der Klasse immer sehr still verhielt und im Einzelunterricht per Videokonferenz plötzlich zeigte, was es alles kann. „In Kleingruppen oder im Eins-zu-Eins-Unterricht zeigt sich oft, dass eigentlich schon viel Wissen vorhanden ist und wir nur dort ansetzen müssen“, sagt die Lehrerin.

Lehrerin Heike Riegamer
©Privat

Die Schülerinnen und Schüler der zweiten Klasse, die Heike Riegamer mit ihrer Kollegin Susanne Kühn an der Vor- und Grundschule an der Sterntaler Straße in Hamburg unterrichtet, finden sich wegen der Corona-Pandemie momentan nur einmal pro Woche im Schulgebäude im Stadtteil Billstedt ein – aufgeteilt auf zwei Gruppen an zwei verschiedenen Tagen. Ansonsten lernen sie digital im Fernunterricht. Meist in Kleingruppen, manchmal auch allein mit der Lehrerin. „Es ist eine spannende Zeit“, sagt Riegamer.

Wie für viele andere Grundschulen in Deutschland war das digitale Lernen für die Schule Sterntaler Straße bis vor wenigen Monaten eher Neuland. „Wir hatten gerade interaktive Projektionstafeln in allen Klassen eingerichtet und noch einige alte Computer in den Gruppenräumen“, sagt Schulleiterin Svenja Otto. Das Kollegium habe jedoch großes Interesse daran gehabt, sich fortzubilden – noch kurz vor den Osterferien probierten sie gemeinsam die neuen Beamer, Laptops und eine Leselernsoftware aus. Es sollte ein behutsamer Übergang hin zu mehr digitalem Lernen werden. Doch dann kam Corona.

Ein E-Book mit Erklärvideos der Kinder

Nahezu von einem auf den anderen Tag mussten sich die Lehrerinnen und Lehrer auf eine völlig neue Art der Kommunikation mit den Schülerinnen und Schülern einstellen. „Zuallererst habe ich mich gefragt: Was erwarten die Kinder jetzt von uns? Was gibt ihnen Sicherheit?“, sagt Otto. In den ersten Wochen telefonierten die Lehrerinnen täglich mit den Kindern, sie hörten zu, sie schrieben Zettel, brachten Übungsmaterialien vorbei. Als absehbar war, dass die Schulen länger den Normalbetrieb nicht aufnehmen können, etablierten sie die ersten Videokonferenzen über die Software Jitsi Meet.

Die Kinder lernten in kleinen digitalen Gruppen auch neuen Lernstoff. Vor allem in Mathematik und Deutsch, aber nicht nur: Die Lehrerinnen riefen die Kinder dazu auf, Videos zu drehen, in denen sie den anderen Schülerinnen und Schülern zeigen sollten, was man in den Maiferien alles machen kann. Ein Kind erklärte in einem Tutorial, wie man Pusteblumen malt, eine Mitschülerin zeigte, wie man Schleim herstellt. Daraus fertigten die Lehrerinnen mit der App „Book Creator“ ein E-Book an. „Man merkt, dass die Kinder sehr offen dafür sind“, sagt Riegamer.

Per App mit den Familien in verschiedenen Sprachen kommunizieren

Um mit den Familien der Kinder zu kommunizieren, nutzt die Lehrerin die App „SchoolFox“, die sie schon vor der Corona-Pandemie ausprobiert hatte. Das sollte sich als Glücksfall entpuppen: Über die App lassen sich nicht nur datenschutzkonform Nachrichten hin- und herschreiben, sondern auch Mitteilungen hinterlegen, die automatisch in andere Sprachen übersetzt werden. In der zweiten Klasse, die Riegamer mit ihrer Kollegin leitet, haben 90 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund, nicht alle Eltern sprechen Deutsch. „Ein guter Kommunikationskanal ist meines Erachtens ganz wesentlich“, sagt Riegamer. Damit auch die Kinder den Überblick behalten, wann für sie der Unterricht in der Schule stattfindet und welche Hefte und Materialien sie brauchen, nutzen sie die digitale Pinnwand „Padlet“.

Schulleiterin Svenja Otto
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Gerade weil die Schule Sterntalerstraße in einem Stadtteil liegt, in dem viele Kinder mit unterschiedlichen kulturellen und sozioökonomischen Hintergründen und verschiedenen Bedürfnissen leben, hätten die Lehrkräfte an der Schule „noch nie Unterricht nach Schema F gemacht“, sagt Schulleiterin Otto. Das sei ihnen während der Schulschließung entgegengekommen: Sie nahmen auch mal einzelne Schülerinnen und Schüler aus dem digitalen Gruppenunterricht heraus, wenn sie es für sinnvoll erachteten – und übten allein mit dem Kind weiter. Dabei habe sich Erstaunliches gezeigt.

Ein verhaltensauffälliges Kind, das große Probleme mit dem Lernen hatte, habe im Fernunterricht plötzlich richtig gut gearbeitet. „Wir vermuten, dass es daher kommt, dass das ein eingegrenzter Zeitraum ohne Ablenkung ist“, sagt Otto. „Jetzt überlegen wir, wie wir diesem Kind künftig solche Inseln im Schulalltag schaffen können.“

100 iPads für die Schule aus dem Digitalpakt

Das digitale Lernen aber auch Probleme zutage befördert. Die Kinder vermissten ihre Freundinnen und Freunde, das soziale Miteinander litt. Und: Nicht alle Eltern können es sich finanziell leisten, ihren Kindern einen Computer oder ein mobiles Endgerät zur Verfügung zu stellen, damit sie an Videokonferenzen teilnehmen können. Oft mussten die Lerngruppen in den vergangenen Wochen auf den späten Nachmittag verlegt werden, wenn die Eltern mit der Arbeit fertig waren und dem Nachwuchs ihr Smartphone leihen konnten.

Das soll sich möglichst bald ändern: Die Schule erhält 100 iPads aus dem Budget des Digitalpakts Schule. „Ich wünsche mir, dass wir die Geräte auch nach Corona nutzen können, um die Kinder entdeckend lernen zu lassen“, sagt Riegamer. Weniger reine Wissensvermittlung, mehr Denken in Prozessen, das wünscht sie sich. „Wir müssen die Kinder fit machen, sich zu vernetzen und sich selbst Dinge anzueignen. Und wir müssen die Chancen nutzen, die wir durch die Erfahrungen der vergangenen Monate bekommen haben.“

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