Leistungserhebung : Welche Erfahrungen machen Unis und Schulen mit digitalen Prüfungen?

Universitäten und Schulen führen während der Corona-Pandemie zunehmend digitale Prüfungen, Klausuren und Klassenarbeiten durch. Wie funktioniert das technisch, welche rechtlichen Fragen sind zu beachten, und welche Aufgabenformate sind dafür geeignet? Die Technische Universität Dresden hat in der Krise mit digitalen Prüfungen gute Erfahrungen gemacht, die auch für Schulen interessant sein könnten. Und das Gymnasium Schiller-Schule Bochum geht bei der digitalen Leistungserhebung schon seit einiger Zeit neue Wege, die sich gerade jetzt bewährt haben.
Regina Köhler / 23. Februar 2021
Digitale Klassenarbeiten gibt es auch schon an Schulen. Allerdings erfordern diese neue Aufgabenformate.
©Patrick Seeger/dpa

Mit anhaltendem Lockdown tritt auch die Frage nach der digitalen Leistungsmessung in den Vordergrund. Wie können Lehrkräfte Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler digital testen, und lassen sich Prüfungen auch im virtuellen Raum schreiben? Wie das funktioniert, darüber haben wir mit einer Mitarbeiterin der Technischen Universität Dresden und mit Pädagoginnen und Pädagogen des Gymnasiums Schiller-Schule Bochum gesprochen.

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In diesen Tagen sitzen viele Studierende der TU Dresden zu Hause vor ihren Computern und lösen Prüfungsaufgaben. „Es ist uns gelungen, zwei Drittel der Klausuren in den digitalen Raum zu verschieben“, sagt Henriette Greulich. Präsenzklausuren würden zwar auch stattfinden, aber hauptsächlich in kleinen Gruppen.

Henriette Greulich ist Leiterin des Zentrums für interdisziplinäres Lernen und Lehren der TU Dresden, kurz: ZiLL. Zusammen mit dem Zentrum für Informationsdienste und Hochleistungsrechnen (ZIH) ist das ZiLL für den E-Learning Support (die technische, organisatorische und didaktische Unterstützung digitaler Lernangebote) der TU Dresden zuständig.

Die Studierenden wünschen sich noch mehr digitale Prüfungen

Umfragen an der Universität haben gezeigt, dass die Studierenden sich ein noch größeres Angebot an digitalen Klausuren und Prüfungen wünschen, um keine Zeit zu verlieren. „Wer zu einer Risikogruppe gehört oder sich gerade in Quarantäne befindet, hätte sonst keine Chance, an den Prüfungen teilzunehmen“, sagt Henriette Greulich.

Digitale Prüfungen wurden möglich, weil der Senat der TU Dresden im Frühjahr vergangenen Jahres beschlossen hat, die bisher geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen für Prüfungen zu ändern. „Die bisherigen Regelungen wurden quasi ausgesetzt“, sagt Greulich. Die Prüfungsformate müssten nun nicht mehr zwingend der Studienordnung entsprechen. In Krisensituationen ist das möglich. Die Lehrenden haben damit auch die Freiheiten, die Prüfungsformate entsprechend zu ändern.

Die rechtlichen Bedingungen müssen angepasst werden

Damit den Studierenden keine Nachteile entstehen, hat die TU Dresden festgelegt, dass die Prüfungsteilnehmer und -teilnehmerinnen entscheiden können, ob sie die Ergebnisse einer Prüfung annehmen oder nicht. Wer mit dem Ergebnis nicht zufrieden ist, kann die Prüfung wiederholen. Deren Ergebnis ist dann bindend.

Technisch hat die TU Dresden nicht bei null angefangen. Die sächsischen Universitäten verfügten bereits über die Plattform OPAL (Online-Plattform für Akademisches Lehren und Lernen) als zentrales Kommunikationsinstrument für Lehrende und Studierende. „Auf dieses Lernmanagementsystem haben wir unsere eigene Prüfungsplattform aufgesetzt“, sagt Greulich. Lehrende, die mit der Prüfungsplattform arbeiten wollen, müssen zuvor eine Probeklausur durchführen. „Das ist nötig, damit das System die Leute zuordnen kann.“ Außerdem würden die Probeklausuren allen Beteiligten helfen, mit dem System vertraut zu werden. Für die Studierenden seien sie obendrein eine gute Übung, Bonuspunkte seien in manchen Fällen möglich.

Wenn es während der Klausur Fragen oder technische Probleme gibt, können die Studierenden dies über einen unabhängigen Kommunikationskanal (E-Mail, Chat-Räume, Videokonferenz-Tools) kommunizieren. Bei Internet-Ausfällen, die vor allem im ländlichen Raum ab und zu vorkommen, helfen Aufsichtspersonen und der E-Learning Support, das Problem möglichst schnell zu beheben. Die verlorene Zeit wird den Prüfungsteilnehmern gutgeschrieben.

Der Datenschutz muss bei digitalen Prüfungen gewährleistet sein

Um den Datenschutz zu gewährleisten, wurde an der TU Dresden entschieden, keine beobachteten Prüfungen durchzuführen. „Bei mündlichen Prüfungen sieht man sich natürlich über das Videokonferenz-Tool. Das ist aber auch bei einer Präsenzprüfungen nicht anders“, sagt Greulich. Bei schriftlichen Klausuren müssten sich die Studierenden über ihren Uni-Account einloggen, alles andere passiere zu Hause. Von einer Kamera würden sie während der Prüfung nicht beobachtet. „An einigen Universitäten wird das gemacht, um Betrugsversuche auszuschließen. Wir haben uns aber gegen diese Art der Kontrolle entschieden.“

Täuschungsversuche sollen auch dadurch verhindert werden, dass bei den digitalen Prüfungen nicht einfach nur Wissen abgefragt wird, sondern vor allem kompetenzorientierte Aufgaben gestellt werden. „Bei Mathematikprüfungen etwa müssen mitunter die Rechenwege mit eingereicht werden. Da noch jemanden zu fragen würde viel zu viel Zeit kosten“, sagt Greulich. Empfohlen werden auch Multiple-Choice-Prüfungen mit zufälliger Aufgabenanordnung. Auch in diesem Fall bleibt den Studierenden kaum Zeit, sich von jemandem helfen zu lassen. Greulich kündigte zudem an, das bestehende Beratungs- und Weiterbildungskonzept weiterzuentwickeln, um die Lehrenden noch besser bei der Erstellung kompetenzorientierter Prüfungen und der Formulierung von geeigneten Prüfungsfragen zu unterstützen.

Auch Schulen bieten virtuelle Leistungskontrollen an

Digitale Leistungskontrollen gibt es auch an der Schiller-Schule, einem Bochumer Gymnasium. Die Schülerinnen und Schüler der neunten Klassen etwa bekamen im Englischunterricht kürzlich die Aufgabe, ein virtuelles Teenager-Magazin zu entwickeln. Dabei konnten sie in kleinen Gruppen zusammenarbeiten. „Die Themen waren frei wählbar, das Magazin musste auf Englisch erstellt werden“, sagt Englischlehrer Matthias Wysocki. Am Ende gab es jeweils eine individuelle und eine Gruppennote. Benotet wurden sowohl die Fähigkeit, zusammenzuarbeiten, ein gemeinsames Zeitmanagement aufzusetzen und durchzuhalten, als auch die sprachlich und inhaltliche Leistung jedes und jeder Einzelnen. Diese Art von Leistungskontrolle, sagt Wysocki, zeige viel deutlicher, wo jeder stehe, als eine herkömmliche Klassenarbeit.

Die Bochumer Schiller-Schule hat sich vor vier Jahren digital auf den Weg gemacht

An der Schiller-Schule gehört digitaler Unterricht längst zum Schulalltag. Auch virtuelle Leistungskontrollen sind für die Schülerinnen und Schüler nichts Neues mehr. „Wir haben uns bereits vor vier Jahren auf den Weg gemacht“, sagt Schulleiterin Birte Güting. Damals hätten andere Schulen mit Unverständnis reagiert und „gefragt, weshalb wir uns so viel Arbeit“ machen. „Für uns war aber klar: Wenn wir es ernst nehmen mit dem digitalen Unterricht, dann reichen zwei Computerräume für tausend Schülerinnen und Schüler nicht aus“, sagt Güting.

Die Schulkonferenz habe damals beschlossen, dass jeder Schüler und jede Schülerin einen eigenen Computer haben sollte. „Dabei haben wir Wert darauf gelegt, dass alle das gleiche Gerät haben, damit es kein Durcheinander gibt“, sagt die Schulleiterin.

Bei der Erstellung neuer Formate halten wir uns an die Idee des 4K-Modells
Thomas Toczkowski, Lehrer der Schiller-Schule Bochum
Porträt von Thomas Toczkowski
Thomas Toczkowski ist Lehrer für Mathematik und Chemie an der Schiller-Schule Bochum.
©Julia Göttgens

Mit der Einführung der Schüler-Tablets haben auch die digitalen Leistungsüberprüfungen anstelle herkömmlicher Tests an der Schule zugenommen. „Jetzt, wo wegen der Corona-Bestimmungen kein Präsenzunterricht möglich ist, hilft uns das sehr“, sagt Thomas Toczkowski. Er unterrichtet Mathematik und Chemie und ist Mitarbeiter des Medienteams der Schiller-Schule. „Wir halten uns dabei an die Vorgaben des Schulministeriums“, fügt er hinzu. Bisher gilt, dass in jedem Schuljahr eine Klassenarbeit pro Hauptfach durch eine alternative Prüfung ersetzt werden kann. Für März sind neue Vorgaben angekündigt. Was das Format digitaler Prüfungen betrifft, ist man sich an der Schiller-Schule einig, dass es anders aussehen muss als das analoger Prüfungen. „Bei der Erstellung neuer Formate halten wir uns an die Idee des 4K-Modells“, sagt Toczkowski.

Demnach sollten vier Kompetenzen – Kommunikation, Kooperation, Kreativität und kritisches Denken – Bausteine digitaler Prüfungen sein. Passende Formate seien zum Beispiel Videotagebücher oder von den Schülerinnen und Schülern erstellte Animationen. „Auch die Verbalisierung von Lernwegen bietet sich an“, sagt Toczkowski. Er nennt ein Beispiel: Bei einer Mathematikkontrolle habe er seinen Schülerinnen und Schülern eine komplexe Aufgabe  gestellt und sie aufgefordert, in einem drei- bis vierminütigen Video zu beschreiben, wie sie diese Aufgabe lösen. „Die Schülerinnen und Schüler müssen sich genau überlegen, was sie sagen, und sie haben die Möglichkeit, das Video so lange nachzubearbeiten, zu schneiden oder zu ergänzen, bis es stimmig ist.“ Solche Erklärvideos würden sehr genau zeigen, was ein Schüler, eine Schülerin kann, sagt Toczkowski.

Ein Medienteam unterstützt das Kollegium bei der Umsetzung digitaler Prüfungen

Bei der Entwicklung entsprechender Prüfungsformate wird das Kollegium der Schiller-Schule vom Medienteam der Schule unterstützt, zu dem sieben Pädagoginnen und Pädagogen gehören. Auch um die Fortbildung des Kollegiums kümmert sich das Team. „Bevor wir allerdings mit dem digitalen Unterricht gestartet sind, haben wir uns viel Zeit dafür genommen, miteinander darüber zu diskutieren, wo wir hinwollen“, sagt Schulleiterin Birte Güting. Der Erfolg digitalen Unterrichtens sei zuallererst eine Frage der Offenheit dem Thema gegenüber.

Neben speziellen Fortbildungen – bisher waren vier pädagogische Tage dem Thema „digitalgestütztes Lehren und Lernen“ gewidmet – bietet das Medienteam allen Kolleginnen und Kollegen eine kontinuierliche Begleitung an. „Wir haben ein sogenanntes App-Café eingerichtet, über das jeder, der Fragen hat oder Hilfe braucht, Unterstützung bekommt“, sagt Thomas Toczkowski.

Schließlich sind auch die Eltern von Anfang mit einbezogen worden. „Eltern der jeweils neuen Fünftklässler werden zum Beispiel zu Schuljahresbeginn eingeladen, den digitalen Unterricht mithilfe der Geräte ihrer Kinder selbst auszuprobieren. So können wir ihnen am besten erklären, wie wir arbeiten“, sagt Birte Güting.

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Die Leistungsbewertung im Fernunterricht stellt Schulen vor große Herausforderungen. Auf dem Digitalen Impuls vom 9. Februar – einem Online-Forum der Deutschen Schulakademie – haben Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis über mögliche Lösungen diskutiert. Die Videos zeigen Ausschnitte aus dem Forum, die Dokumentation des gesamten Digitalen Impulses “Prüfungsformate für den Distanzunterricht” finden Sie hier.

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Silvia-Iris Beutel, Professorin für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik an der Technischen Universität Dortmund, gibt einen Input aus wissenschaftlicher Perspektive.

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Thomas Toczkowski und Matthias Wysocki stellen das Konzept der Schiller-Schule in Bochum vor.

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Björn Nölte von der Schulstiftung in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) spricht über das von ihm mitverfasste Thesenpapier “Zeitgemäße Prüfungsformate für den Distanzunterricht“.