Pandemie im Rückblick : Was wird über Corona in den Schulbüchern stehen?

Eines Tages werden Kinder im Geschichtsunterricht lernen, was sich im Jahr 2020 in Deutschland und der Welt zugetragen hat. Ein Schulbuch­autor weiß schon, wie er die Pandemie darstellen will.

Dieser Artikel erschien am 13.12.2020 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
Justus Bender
Schulbücher für das Fach Geschichte für die neunte und zehnte Klasse
Schulbücher für das Fach Geschichte für die neunte und zehnte Klasse
©Christian Burkert

Frank Schweppenstette ist Lehrer am Apostelgymnasium in Köln, aber nicht irgendein Lehrer. Er schult Referendare, sitzt im Bundes­vorstand des Verbands der Geschichts­lehrer und gibt Schul­bücher im Westermann Verlag heraus. Es sind Leute wie er, die entscheiden, wie Schüler auf diese Pandemie zurück­blicken werden, was eines Tages in ihren Test­fragen stehen wird, wenn sie geprüft werden, wie das damals war, Anfang der zwanziger Jahre, als ein Virus um die Welt ging. Schüler, die heute in den Kinder­garten gehen, werden eines Tages diese Geschichts­bücher lesen. Sie werden sich kleine Spickzettel schreiben mit den wichtigsten Begriffen: Sars-CoV-2, Wuhan, Spahn, Lockdown, Querdenker, Drosten. Wann kam noch mal die zweite Welle?

Noch ist Corona nicht Geschichte. Wir sind mittendrin. An manchen Tagen sterben mehr als 400 Menschen in Deutschland. Weltweit sind schon 1,5 Millionen Menschen tot. Ein Geschichtsbuch für Gymnasiasten hat Hunderte Seiten, der Holocaust kommt vor, der Vietnam-Krieg, Irak, 9/11. Wie viele Seiten soll Corona kriegen? Schweppenstette sagt: drei oder vier Doppelseiten. Das ist so viel wie der militärische Teil des Zweiten Welt­krieges. Ist Corona also genauso schlimm?

So denkt Schweppenstette nicht. Ob ein Ereignis viel Raum bekommt, hängt nicht allein davon ab, wie groß die Katastrophe war, sondern auch, wie viel sich daraus lernen lässt. Und bei Corona ist das eine ganze Menge, findet Schweppenstette. Die historische Krise des Jahres 2020 war nicht nur ein medizinischer Notfall. Sie bedrohte Volks­wirtschaften, Parteien, Familien. Alle trugen Masken. Wochenlang fiel die Schule aus. Kinder wurden zu Hause vor Computern unterrichtet. Schweppenstette glaubt, dass Corona „auf jeden Fall” in die Lehrpläne aufgenommen werde. „Corona ist eine Projektionsfläche für unglaublich viele Diskurse und Fragen, die uns bewegen.” Deshalb: vier Doppelseiten.

Er sieht sie schon vor sich. Auf der ersten Doppelseite die Emotion: das große Bild einer leergefegten Hauptstadt im Lockdown, Paris, New York. „Corona ist ein so emotionales Thema, weil es jeden von uns betrifft, nicht nur eine Schicht, sondern alle Lebewesen, sogar die Zootiere, die keine Abwechslung mehr haben”, sagt er. Zweite Doppelseite: die Systemkonkurrenz zwischen dem Westen und China, Russland oder Iran. Bekämpfen autoritäre Systeme die Pandemie effizienter als Demokratien? War der deutsche Föderalismus erfolgreicher als der französische Zentralismus? Corona ist Gesellschaftslehre.

Dritte Doppelseite: die Querdenker, das Gerede vom „Ermächtigungs­gesetz”. Hat Corona die Demokratie geschwächt? Und: das Klatschen für Pfleger und Ärzte auf den Balkonen. Werden diese Berufe einige Jahre nach der Pandemie mehr geschätzt als vorher? Vierte Doppel­seite: die Solidarität in Europa. Hat Corona sie gestärkt?

Vielleicht entsteht in diesen Tagen schon eine Abituraufgabe für den Jahrgang 2036. „Masteraufgabe: Beurteile und bewerte die Maßnahmen in den unterschiedlichen Staaten vor dem Hinter­grund ihres Erfolgs und Miss­erfolgs”, schlägt Schweppenstette vor. Neben Bildern brauchen die Schüler natürlich historische Berichte. Schweppenstette nimmt dafür gerne Zeitungs­artikel, in denen etwa Journalisten die Folgen für die Demokratie diskutierten. Die werden die Abiturienten dann als lehrreiche Zeugnisse aus einer fernen Vergangenheit lesen. Unser Text auf Seite 12 könnte sich eignen.