Klimabildung : Was Schulbücher gegen den Klimawandel empfehlen

Der Lehrer Bruce Phillips von der Privaten Kant-Schule in Berlin hat gemeinsam mit seinen Schülerinnen Schulbücher für 11- bis 18-jährige zum Thema Klimawandel untersucht. Das Ergebnis war unerwartet. Bei den Handlungsmöglichkeiten für Einzelpersonen gegen die Klimakrise kommen so effektive Maßnahmen wie vegane Ernährung oder der Verzicht auf ein eigenes Auto kaum vor. Im kommenden Schuljahr will sich der Lehrer mit den Ergebnissen an die Schulbuchverlage wenden.

Florentine Anders 28. Dezember 2021
Ein Lehrer und drei Schülerinnen hatten sich Schulbücher für die Sekundarstufe für die Fächer Biologie und Geografie in verschiedenen Industrieländern angeschaut, um zu erfahren, welche Lösungsansätze zum Kampf gegen den Klimawandel dort zu finden sind.
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Im neuen Jahr will Bruce Phillips gemeinsam mit seinen Schülerinnen und Schülern Kontakt zu den großen Schulbuch-Verlagen in Deutschland aufnehmen. Die Untersuchung, die der Biologielehrer vor 2018 in einem Projekt mit drei Abiturientinnen an der Privaten Kant-Schule in Berlin gestartet hatte, soll nicht im Sande verlaufen. Denn die Ergebnisse waren für alle Beteiligten erschütternd.

Gemeinsam hatten sie sich Schulbücher für die Sekundarstufe für die Fächer Biologie und Geografie in verschiedenen Industrieländern angeschaut, um zu erfahren, welche Lösungsansätze zum Kampf gegen den Klimawandel dort zu finden sind.

Vorbild war eine Studie aus Kanada von Seth Wynes und Kimberly A. Nicholas, die 2017 in der Fachzeitschrift „Environmental Research Letters“ veröffentlicht wurde. Die Forschenden hatten sich die Lehrbücher für die Highschool in Kanada vorgenommen und gezählt, wie häufig dort bestimmte Maßnahmen zur Reduzierung des persönlichen CO2-Fußabdrucks vorkommen. Zunächst hatten sie dafür identifiziert, welche Maßnahmen die höchste Wirkung erzielen. Recycling beispielsweise reduziert laut Studie pro Person und pro Jahr 0,21 Tonnen CO2und hat damit eine vergleichsweise geringe Wirkung. So genannte „high-impact-actions“ dagegen sind etwa eine vegane Ernährung (0,82 t), der Umstieg auf erneuerbare Energien im eigenen Haushalt (1,47 t), der Verzicht auf einen Langstreckenflug (1,60 t) oder auch der Verzicht auf ein eigenes Auto (2,40 t). Den mit Abstand größten Effekt hat es, wenn sich eine Familie in Industrieländern entscheidet, ein Kind weniger zu bekommen (58,6 t). Doch diese Maßnahme fanden Wynes und Nicholas in keinem einzigen kanadischen Schulbuch. Auch die Möglichkeiten, auf ein Auto oder auf einen Langstreckenflug zu verzichten, wurden nur selten erwähnt. Am häufigsten dagegen wurde über das Recycling und über das Energiesparen im Haushalt geschrieben, wenn es um klimaschützende Maßnahmen von Einzelpersonen ging.

Wie sieht es in Schulbüchern in Deutschland aus?

Ist das auch in Schulbüchern anderer Industrieländer so und vor allem: Wie sieht es in Deutschland aus? Diese Frage stellten sich der Lehrer Bruce Phillips gemeinsam mit den drei Schülerinnen Victoria Bederov, Alina Runk und Leonie Brockmann in einem Forschungsprojekt. Sie untersuchten insgesamt 30 Lehrbücher für die Altersgruppe der 11- bis 18-Jährigen in Deutschland, Großbritannien, Frankreich, USA und Australien.

„Wir gingen ehrlich gesagt davon aus, dass sich vor allem in Deutschland ein etwas anderes, fortschrittlicheres Bild zeigt, vor allem was den Verweis auf die Nutzung erneuerbarer Energien betrifft. Aber da hatten wir uns getäuscht. In allen Ländern kamen wir zu dem gleichen Ergebnis wie die kanadische Studie“, sagt Phillips. In 90 Prozent der Bücher wurden uneffektive Aktionen zur Reduzierung des persönlichen CO2-Fußabdrucks aufgeführt. Maßnahmen mit hohem Effekt kamen nur in 10 Prozent der Bücher vor.

„Ganz oft wurde in den Schulbüchern der Austausch der Glühlampen als persönlicher Beitrag zum Klimaschutz genannt, dabei hat das kaum eine Wirkung“, sagt Phillips.

Nur eines der 30 untersuchten Lehrbücher verwies auf die Möglichkeit, ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energiequellen im privaten Haushalt zu beziehen. Der Verzicht auf ein eigenes Auto kam gar nicht vor. Und auch kein einziges Schulbuch erwähnte die Möglichkeit, sich für ein Kind weniger zu entscheiden.

Auch kontrovers diskutierte Maßnahmen besprechen

Diese Möglichkeit könne sicherlich kontrovers diskutiert werden, aber auch diese Kontroverse gehöre in den Unterricht, findet Phillips. Immerhin seien in den USA beispielsweise 40 Prozent der Schwangerschaften ungeplant. Das sei vor allem auch ein Bildungsproblem. Durch eine bessere Sexualkunde in der Schule könnten ungeplante Schwangerschaften vermieden werden. Und in der Sekundarstufe seien die Schülerinnen und Schüler genau im richtigen Alter, um sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

„Der Klimawandel kommt in den Schulbüchern vor, aber es werden keine Lösungen aufgezeigt. Das ist ein Problem“, sagt Phillips.

Im Dezember 2018 hatten die drei Schülerinnen und ihr Lehrer aus Berlin die Ergebnisse ihrer Untersuchung auf einer Pressekonferenz von „Scientists Warning“ im Rahmen der UN-Klimakonferenz in Katowice vorgestellt. Befragt danach, was die Recherche und die Erkenntnisse daraus in ihnen persönlich ausgelöst haben, antwortete die Schülerin Alina Runk:

„Ich hielt mich für einen umweltbewussten Menschen, weil ich immer ordentlich den Müll recycelt habe“. Doch etwas über viel radikalere Maßnahmen zu erfahren, habe sie dazu gebracht, über ganz viele Faktoren ihres Lebens anders nachzudenken.

Einige internationale Medien berichteten über den Auftritt der Schülerinnen auf dem Weltklimagipfel.

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Die Präsentation der Schülerinnen und ihres Lehrers auf der Pressekonferenz im Rahmen des Weltklimagipfels 2018.

Änderungen im Lehrplan sind langwierig

Beflügelt von der Resonanz richteten sie sich mit einem Brief an die Senatsbildungsverwaltung in Berlin mit der Forderung, die hochwirksamen Aktionen für Einzelpersonen gegen den Klimawandel in den Lehrplan mit aufzunehmen. Die knappe Antwort lautete, eine Änderung sei zu diesem Zeitpunkt nicht möglich. Enttäuscht blieben die Schülerinnen und ihr Lehrer zurück.

„Die Änderung von Lehrplänen ist eine langwierige und schwierige Angelegenheit“, sagt Phillips. Gerade beim Thema Klimawandel aber sei das fatal, denn hier gebe es immer wieder neue Erkenntnisse. Die Schulbücher von heute würden sich in diesem Punkt aber kaum von denen vor 30 Jahren unterscheiden.

Deshalb will Phillips nun einen anderen Weg gehen und direkt Kontakt zu den Schulbuchverlagen aufnehmen. Die drei Schülerinnen, mit denen er das Forschungsprojekt gestartet hatte, sind inzwischen nicht mehr an der Schule. Im Sommer wird er das Projekt aber mit seiner neuen Klasse wieder aufnehmen. Phillips ist beim Thema Klimawandel hartnäckig. Derzeit ist er in einem Sabbatical und arbeitet an einem Dokumentarfilm darüber, wie Fehlinformationen beispielsweise von Lobbygruppen zum Thema Klimawandel die öffentliche Meinung beeinflussen. Ab Juli 2022 wird er sich dann wieder in Berlin für eine bessere Klimabildung an der Schule stark machen.