Buch-Tipp

Neue Lernkultur : Was macht ein gutes Erklärvideo aus?

Erklärvideos sind während der Corona-Pandemie in aller Munde. Im Fernunterricht können sie das passende Medium für die Wissensvermittlung sein, auch im Regelbetrieb bauen immer mehr Lehrkräfte Erklärvideos in ihre Unterrichtskonzepte ein. Zu Hause nutzen Schülerinnen und Schüler YouTube-Videos ohnehin längst bei Hausaufgaben oder zur Vorbereitung auf Tests. Doch was macht ein gutes Erklärvideo aus? Wie kann man selbst solche Videos erstellen, und wo ist ihr Einsatz tatsächlich sinnvoll? Antworten auf diese Fragen liefert das jüngst beim Beltz Verlag erschienene Buch „Lehren und Lernen mit Tutorials und Erklärvideos“, herausgegeben von Stephan Dorgerloh und Karsten D. Wolf.

Florentine Anders / 11. August 2020

Krawatte binden, Kuchen backen oder binomische Formeln – zu beinahe jedem Thema gibt es auf YouTube Erklärvideos oder Tutorials, meist kann man gleich aus einer ganzen Reihe Angebote wählen. Nicht immer sind sie allerdings auch fachlich richtig, didaktisch gut gemacht und ansprechend gestaltet. Was man beachten sollte, wenn man selbst ein gutes Erklärvideo erstellen will, und welche Fehler es  zu vermeiden gilt, darüber gibt das jüngst erschienene Buch „Lehren und Lernen mit Tutorials und Erklärvideos“ Aufschluss, herausgegeben von Stephan Dorgerloh und Karsten D. Wolf. Das Besondere: Der Bildungsforscher Wolf und der ehemalige Kultusminister Dorgerloh lassen darin zahlreiche erfolgreiche YouTuber selbst zu Wort kommen. Derek Muller (YouTube-Kanal „Veritasium“ für Wissenschaftskommunikation), Johann Carl Beurich („DorFuchs“, Nachhilfe in Form von „Mathe-Songs“), Kai Schmidt („Lehrerschmidt“ über Physik, Mathematik und Allgemeinwissen), Alex Giesecke („simpleclub“ mit diversen Online-Lehrplattformen) und Nicole Valenzuela („musstewissen“, Mathe für die achte Klasse) erklären in Interviews ihre Kriterien für gute Erklärvideos und geben praktische Tipps zur Umsetzung.

So unterschiedlich die YouTuber und ihre Angebote sind – einige Erfolgs-Grundregeln gelten offenbar für alle: vor allem einfache Sprache ohne umständliche Abschweifungen und eine Prise Humor. Technische Perfektion dagegen ist eher nachrangig. Ob im Hintergrund ein grünes Tuch oder ein perfektes Studio ist, spielt keine Rolle. Im Gegenteil: Zu viel Schnickschnack könnte eher ablenken. Fazit: Jede Lehrkraft, jeder Schüler und jede Schülerin kann ohne viel Equipment ein gutes Erklärvideo selbst erstellen.

Und wo ist der Einsatz von Erklärvideos wirklich sinnvoll? Auch zu dieser Frage kommen zahlreiche Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis zu Wort. Im klassischen Unterricht erklärt die Lehrkraft den neuen Unterrichtsstoff in der Klasse, üben müssen die Kinder und Jugendlichen dann meist selbst in der Freiarbeit oder bei Hausaufgaben. Im Unterricht selbst bleibt häufig wenig Zeit, um Fragen zu klären, das Gelernte zu vertiefen oder darüber zu diskutieren. Diese Zeit könnte man zum Beispiel zurückgewinnen, indem man den Ablauf umkehrt. Den Input des Lehrers oder der Lehrerin schauen sich die Schülerinnen und Schüler individuell in einem Video an, in der Klasse diskutieren sie dann darüber und probieren in Projekten gemeinsam die Anwendung des Wissens aus. Das sogenannte „Flipped Classroom“-Prinzip  wird an einigen Schulen bereits angewandt. Im Buch berichten die Lehrerinnen und Lehrer von ihren Erfahrungen damit und geben Tipps zur Umsetzung.

Vertretungsunterricht mithilfe von Videos

Es gibt aber noch viel mehr Möglichkeiten, Videos sinnvoll in der Schule einzusetzen. Stephan Bayer, Gründer und Geschäftsführer der Lernplattform „sofatutor“, berichtet beispielsweise vom Pilotprojekt eines digitalen Vertretungsunterrichts.

Am Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium in Durmersheim sind die Lehrkräfte dazu übergegangen, kurze Feedback-Erklär-Videos zu erstellen. Mithilfe der App „Explain Everything“ machen die Lehrerinnen und Lehrer Screenshots der Schülerarbeiten und erklären dann mit einem digitalen Laserpointer und Schreibwerkzeugen die Ursachen von Fehlern.

Effektiv für den Lernerfolg ist es auch, wenn Schülerinnen und Schüler selbst Erklärvideos erstellen. Denn wer versucht, in wenigen Minuten und in einfachen Worten beispielsweise eine mathematische Regel zu erklären, erkennt schnell, was er oder sie richtig verstanden hat und was nicht. Auch darüber gibt es Erfahrungsberichte aus Schulen.

Nur wer all die verschiedenen Formate und Methoden für den Einsatz der Erklärvideos kennt, wird das Medium auch selbst für den Unterricht nutzen, heißt es in dem Buch. Dorgerloh und Wolf fordern deshalb die Kultusministerien dazu auf, praxisnahe Lehreraus- und -weiterbildungen zum Thema Erklärvideos verpflichtend einzuführen.

Auf einen Blick

Stephan Dorgerloh und Karsten D. Wolf: „Lehren und Lernen mit Tutorials und Erklärvideos“, erschienen 2020 im Beltz Verlag, 298 Seiten, 24,95 Euro.