Studie zum Spiel im Unterricht : Was bringt mehr – Ansage oder spielerisches Lernen?

Gesagt bekommen, was zu tun ist – oder Spaß beim Lernen? Forscher finden heraus: Für jüngere Kinder sind beide Ansätze gleich erfolgreich. Im Mathematikunterricht bringt das Spielen sogar mehr.

Dieser Artikel erschien am 12.01.2022 in DER SPIEGEL
Kerstin Kullmann
Knobelspiel aus Holz
©iStock

Eltern und Lehrer kennen das: Vielen Kindern fällt es gerade in den ersten Grundschulklassen schwer, stillzusitzen und zuzuhören, was an der Tafel vorgetragen wird. Viele Pädagogen wenden deswegen schon lange Methoden an, mit denen sie gerade jüngeren Kindern Lernstoff auch spielerisch beibringen.

Dass sie ihre Schüler in manchen Bereichen damit besser fördern als mit konventionellem Unterricht, haben Forscher jetzt herausgefunden: Wissenschaftler der University of Cambridge in Großbritannien haben Studien mit rund 3800 Kindern im Alter zwischen drei und acht Jahren ausgewertet und kommen zu dem Schluss, dass ein Unterricht mit sogenanntem „angeleiteten Spiel“ Kinder bis zum 8. Lebensjahr mindestens ebenso gut, bisweilen sogar besser bildet, als es der traditionelle, direkte Unterricht tut.

In der Analyse, die im Fachmagazin „Child Development“ veröffentlicht wurde , berechneten die Forscher durch die Kombination der Ergebnisse von Studien, die ähnliche Arten von Lernergebnissen untersuchten, wie groß der positive oder negative Gesamteffekt des angeleiteten Spiels etwa auf das Rechnen, Lesen, Schreiben oder die sozioemotionale Entwicklung im Vergleich zu anderen Ansätzen war.

Ein Lernziel bleibt auch beim Spielen wichtig

Die Forscher fanden heraus, dass vor allem beim Erwerb früher Fähigkeiten in Mathematik und bei dem Vermögen, zwischen verschiedenen Aufgaben hin- und herzuwechseln, die spielerische Methode besser abschnitt. Beim Lese- und Rechtschreiberwerb sowie bei der Entwicklung sozialer Kompetenzen konnten die Forscher keinen signifikanten Unterschied sehen. Jedoch fanden die Forscher auch keine Belege dafür, dass angeleitetes Spiel bei einem der untersuchten Lernergebnisse weniger effektiv war als der direkte Unterricht.

„Manchmal wird das Argument vorgebracht, dass Spielen zwar nützlich ist, aber wenig zur Bildung der Kinder beiträgt“, sagt Paul Ramchandani, Professor für Bildungswissenschaften in Cambridge. „Tatsächlich gibt es aber vielversprechende Beweise dafür, dass angeleitetes Spielen das Lernen und die Entwicklung aktiv fördert, auch wenn es noch einige große Fragen darüber gibt, wie wir es im Klassenzimmer einsetzen sollten.“

Die Studie ist der erste systematische Versuch, die Auswirkungen des angeleiteten Spiels zu untersuchen. Konkret verstanden die Forscher darunter Methoden, die folgende Kriterien erfüllten:

Der anleitende Erwachsene soll ein klares Lernziel vor Augen haben.

Die Aktivität soll den Kindern ein gewisses Maß an Wahlmöglichkeiten und Einfluss auf ihr Spiel lassen, auch sollte sie nach Möglichkeit von den Kindern geleitet werden.

Der Erwachsene sollte flexibel sein und zum Beispiel durch offene Fragen, Hinweise, Aufforderungen kommunizieren, dabei die Hinweise der Kinder wahrnehmen, interpretieren und darauf reagieren.

Auf diese Art könnten laut Forschern fantasievolle Spiele entwickelt werden, die die Kinder zum Lesen, Schreiben oder Rechnen auffordern. Oder es werden einfache frühe Lernfähigkeiten – wie das Zählen – in das Spiel integriert.

Ein klarer Trend

In der Vorschulerziehung werden solche Methoden durchaus angewendet, im Grundschulunterricht hingegen weniger eingesetzt. Erst in jüngster Zeit hätten Forscher begonnen, die verschiedenen Ausprägungen des Lernens im Spiel zu erforschen. Man könne diese dabei wie auf einer Skala angesiedelt begreifen: Am einen Ende stünde laut Elizabeth Byrne, Mitautorin der Studie, das sogenannte freie Spiel, bei dem Kinder selbst entscheiden, was sie tun, ohne dass ein Erwachsener eingreift. „Am anderen Ende die traditionelle, direkte Anleitung, bei der ein Erwachsener dem Kind sagt, was es tun soll, und die Lernaktivität kontrolliert.“

Byrne sieht das angeleitete Spiel als irgendwo dazwischen angesiedelt: „Es beschreibt spielerische Aktivitäten, die auf ein Lernziel ausgerichtet sind, aber den Kindern erlauben, Dinge selbst auszuprobieren.“

Weshalb das angeleitete Spiel vor allem die Rechenfertigkeiten verbessern kann, erklärt Byrne mit der Tatsache, dass Kinder oft Schwierigkeiten mit mathematischen Konzepten hätten, weil sie abstrakt sind. Sie wären leichter zu verstehen, wenn man sie in einem imaginären Spiel oder spielerischen Kontext anwendet.

Neue Ideen in der Pandemie

Innovative Schulkonzepte sind im Trend. Nicht zuletzt, weil die Erfahrungen in der Pandemie viele Pädagoginnen und Pädagogen dazu motivierten, für die Schüler nach neuen Möglichkeiten zu suchen, den Unterricht spannend zu gestalten – oder ihn überhaupt erst stattfinden zu lassen.

So begannen im Frühjahr letzten Jahres einige Schulen, ihren Unterricht tageweise nach draußen zu verlegen. Christoph Mall von der Technischen Universität München erforschte damals den „Lernort Natur“ und sah, dass sowohl Bewegung als auch Lernmotivation höher als im herkömmlichen Unterricht waren. Mall analysierte die Speichelproben von Fünftklässlern und bemerkte, das im Laufe der „Draußentage“ eine gleichmäßigere Abnahme des Stresshormons Cortisol stattfand.

Die Forscher in Cambridge vermuten, dass das angeleitete Spiel auch andere Eigenschaften beeinflussen kann, die sich auf den Lernfortschritt auswirken und etwa Motivation, Ausdauer, Kreativität und Selbstvertrauen der Kinder fördern.

Christine O’Farrelly, leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Erziehungswissenschaften in Cambridge, wünscht sich mehr Forschung zum Thema: „Wenn wir besser verstehen, wie angeleitetes Spiel das Lernen auf diese Weise beeinflusst, können wir genauer bestimmen, wie es eingesetzt werden kann, um in den Schulen wirklich eine bedeutende Veränderung zu bewirken.“