Dieser Artikel erschien am 09.08.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autor: Armin Himmelrath

Abitur 2017 : Was Abituraufgaben mit Glücksspiel zu tun haben

Gerechter und vergleich­barer soll das Abitur werden, deshalb gibt es seit 2017 zentrale Aufgaben­pools für einige Fächer. Doch die Angleichung gelingt nur teilweise.

Ein Schild mit der Aufschrift „Ruhezone Abitur – Kein Durchgang“
Abiturprüfung an einem Stuttgarter Gymnasium (2017)
©dpa

Gleiche Aufgaben, gleiche Chancen, vergleichbare Abitur­zeugnisse: Das war das Ziel der Bundes­länder, als sie 2017 für vier Kern­fächer – Deutsch, Mathe­matik, Englisch und Französisch – bundes­weite zentrale Aufgaben­pools einrichteten. Vorangegangen waren jahre­lange Diskussionen über eine Vereinheitlichung der Prüfungen.

Verbindlich sind diese Pools jedoch nicht. Die Länder können selbst entscheiden, ob und welche Aufgaben sie über­nehmen, ob sie diese Aufgaben ändern oder ob sie lieber auf landes­eigene Abitur­fragen zurück­greifen. Trotz des Aufgaben­pools hängt es damit stark vom jeweiligen Bundes­land ab, wie das Abi aussieht – von einem Zentral­abitur jeden­falls kann keine Rede sein.

„Fach­spezifische Auffällig­keiten“

Im Auftrag der Kultusminister hat jetzt das Institut zur Qualitäts­entwicklung im Bildungs­wesen (IQB) an der Berliner Humboldt-Universität unter­sucht, ob sich die 2017 gestellten Aufgaben bewährt haben. Die Frage: Sind die Abitur­aufgaben aus dem zentralen Pool und diejenigen aus den Ländern über­haupt vergleich­bar? Die Ergebnisse liegen jetzt vor.

Insgesamt könne „ein positives Fazit zum erst­maligen Einsatz von Aufgaben aus den Pools“ gezogen werden, resümieren die Forscher. Aller­dings gebe es in allen vier Fächern Prüfungs­bereiche, in denen „fach­spezifische Auffällig­keiten“ zu verzeichnen sind. Die wichtigsten davon:

  • Aus dem zentralen Aufgaben­pool für das Fach Deutsch haben vor allem etwas schwächere Schüler Aufgaben gewählt. Dadurch sind bei den Pool­aufgaben durch­schnittlich auch schlechtere Noten erzielt worden als bei den Landes­aufgaben. Trotzdem schätzten die Lehr­kräfte die Pool­aufgaben als etwas weniger anspruchs­voll ein.
  • Im Fach Englisch erzielten die Abiturienten mit den Pool­aufgaben im Bereich „Hör­verstehen“ bessere Noten als mit den Landes­aufgaben – und das, obwohl die Lehrer die zentralen Pool­aufgaben als schwerer einschätzten.
  • Schüler, die im Fach Französisch ihr Abitur machten, kamen dagegen im Bereich Hör­verstehen mit Pool­aufgaben auf etwas schlechtere Ergebnisse als mit Landes­aufgaben. In diesem Fall deckt sich das mit der Einschätzung der Lehrer, die die Pool­aufgaben für schwerer hielten.
  • Auch im Fach Mathematik gab es mit der Stochastik (Wahr­scheinlich­keits­rechnung) einen Teil­bereich mit Auffällig­keiten: Abiturienten, die hier Aufgaben aus dem bundes­weiten Pool bearbeiteten, erzielten schlechtere Leistungen als ihre Mitschüler mit Landes­aufgaben.

Für Schüler bedeutet das unterm Strich: Die Aufgabe­nwahl wird zum Glücks­spiel.

Ob die Prüflinge überhaupt die Möglichkeit haben, zentrale Pool­aufgaben zu bearbeiten, hängt vom Bundes­land ab. Sollte das der Fall sein, können die Abiturienten jedoch in der Prüfung selbst nicht erkennen, ob eine Aufgabe aus dem Pool oder vom Land stammt. Je nach Aufgaben­wahl kann das Abitur dadurch etwas leichter oder etwas schwieriger werden. Insgesamt, schreiben die Forscher, seien „nur geringe Unter­schiede zwischen Aufgaben aus den Pools und landes­eigenen Aufgaben fest­zustellen“.

Konkrete Empfehlungen, wie die Schul­minister die Aufgaben der zentralen Pools gerechter gestalten könnten, enthält die Unter­suchung nicht – ebenso wenig wie eine Auswertung nach einzelnen Bundes­ländern, die Aufschluss darüber geben könnte, wo tendenziell schwerere und wo etwas leichtere Abitur­aufgaben gestellt werden.

Ohnehin gibt es immer wieder Diskussionen über den Schwierigkeits­grad von Abitur­aufgaben. In Baden-Württemberg hatten in diesem Jahr Schüler eine Petition gegen die Aufgaben im Fach Englisch auf den Weg gebracht, weil sie die Fragen zu schwierig fanden. Und in Sachsen-Anhalt empfahl ein Mathematik­lehrer sogar, gegen die dies­jährige Abitur­bewertung zu klagen.

Das Zentralabitur bringt auch praktische Probleme mit sich, Pannen haben wegen der vielen Beteiligten oft größere Auswirkungen: So mussten 2018 in mehreren Bundes­ländern zentrale Pool­aufgaben kurz­fristig aus­getauscht werden, nachdem an einer Schule in Nieder­sachsen ein Tresor mit Abitur­aufgaben geknackt worden war. Und in Branden­burg waren falsche Aufgaben an einige Schüler verteilt worden.

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