Dieser Artikel erschien am 05.04.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autor: Armin Himmelrath

Lehrermangel : Warum auf vielen Schulzeugnissen Noten fehlen

Zeugnisse ohne Zensuren: Bei Schülern in mehr als 600 Klassen in Thüringen fehlten auf dem Halbjahreszeugnis eine oder mehrere Fachnoten - weil es zu wenig Lehrer gibt. Auch andere Bundesländer haben dieses Problem.

In Thüringen fehlten zum Halbjahr auf vielen Zeugnissen Noten, weil nicht ausreichend Unterricht erteilt werden konnte.
In Thüringen fehlten zum Halbjahr auf vielen Zeugnissen Noten, weil nicht ausreichend Unterricht erteilt werden konnte.
©Getty Images

Für manche Schüler in Thüringen glichen die letzten Halbjahreszeugnisse Lückentexten: Landesweit gab es in über 600 Schulklassen Zeugnisse, auf denen eine oder mehrere Fachnoten fehlten. Betroffen sind alle Schulformen, die weiterführenden allerdings deutlich häufiger als die Grundschulen.

Der Grund: Die betroffenen Fächer waren im ersten Schulhalbjahr entweder gar nicht oder nur mit so wenigen Stunden unterrichtet worden, dass die Grundlage für eine ordentliche Benotung nicht gegeben war. Als erstes hatte die „Thüringische Landeszeitung” über den Fall berichtet.

„Das ist Ausdruck eines Problems, dass wir nicht nur in Thüringen haben, sondern deutschlandweit”, sagt Helmut Holter, Bildungsminister in Thüringen und derzeit auch Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), im Gespräch mit dem SPIEGEL: „Alle Länder sind sehenden Auges in diesen Lehrermangel hineingelaufen.” Die Folge sei jetzt, dass einzelne Fächer zeitweise nur noch mit verminderter Stundenzahl oder gar nicht mehr unterrichtet werden können – mit dem entsprechenden Hinweis im Zeugnis, warum es aktuell nicht für eine Note reicht.

Der Lehrermangel sei allerdings nicht allgemein, sondern fächerspezifisch, sagt Holter: „Am schwierigsten ist es in den MINT-Fächern sowie bei Sport, Musik, Ethik und Religion.” Er könne die Sorge von Eltern und Schülern verstehen, sagt der Bildungsminister: „Natürlich will jemand auf dem Zeugnis der zehnten Klasse, mit dem er sich bewirbt, auch die richtigen Noten stehen haben.”

Zum Schuljahresende werde sich die Situation aber wieder verbessern, verspricht der thüringische Bildungsminister. „Wir fangen das zum Teil mit epochalem Unterricht auf. Da werden die Fächer nur in einem Halbjahr, aber mit der vollständigen Stundenzahl unterrichtet. Das erlaubt es den Lehrern anschließend auch, fundierte Noten zu geben.”

Probleme nicht nur in Thüringen

Andere Bundesländer haben das Notenproblem ebenfalls – halten die entsprechenden Zahlen aber lieber zurück. So hieß es auf kleine Anfragen in den Landtagen von Sachsen und Sachsen-Anhalt vonseiten der jeweiligen Ministerien, dass entsprechende Daten leider nicht erhoben würden und deshalb auch nicht veröffentlicht werden könnten.

Auf SPIEGEL-Anfrage erklärte das Kultusministerium in Baden-Württemberg, es gebe Fälle, „in denen Schulen teilweise Epochenunterricht erteilen, aus pädagogischen Gründen wie auch zur Vermeidung von Unterrichtsausfall. Aus diesem Grund kann es möglich sein, dass in der Halbjahresinformation nicht für jedes Fach eine Noteninformation enthalten ist.”

Stunden könnten zwischen den Halbjahren – in einzelnen Fächern auch zwischen ganzen Schuljahren – verschoben werden, sodass der entsprechende Unterricht insgesamt trotzdem im geplanten Umfang sichergestellt sei. Aber: „Daten zum Umfang dieser Praxis liegen dem Kultusministerium nicht vor”; zuständig seien für solche Entscheidungen allein die Schulleitungen.

„Da tobt ein regelrechter Wettbewerb”

Auch das Schulministerium in NRW gab an, dass Fälle von Notenverzicht nicht ausgeschlossen werden könnten, darüber aber keine Daten vorliegen. Lediglich in Bremen teilte eine Sprecherin mit: „Bei uns ist das – zum Glück – noch nicht vorgekommen.”

Die Notenlücken sind da, wo sie auftreten, Vorboten des sich immer stärker abzeichnenden Lehrermangels. Mehrere Studien hatten zuletzt darauf hingewiesen, dass bis 2030 deutschlandweit Zehntausende von Lehrkräften an den Schulen fehlen werden. Zum Teil sind die Lücken schon heute dramatisch.

Derzeit, sagt KMK-Präsident Helmut Holter, müssten die Länder alle Register ziehen, um den Unterricht sicherzustellen. „Da tobt gerade ein regelrechter Wettbewerb im Föderalismus.” Wenn man, wie Thüringen, bei der Besoldung nicht mithalten könnte, müsse man eben auf andere Anreize setzen: „Wir bemühen uns um eine Willkommenskultur für Lehrer über den Beruf und die reine Bezahlung hinaus.”

Dennoch kämen die Bundesländer in den kommenden Jahren um zusätzliche Maßnahmen nicht herum. Die Gewinnung von Quereinsteigern zählt für Holter unbedingt dazu. Und er will das Image des Lehrerberufs verbessern: „Wir müssen junge Leute für die sogenannten Mängelfächer begeistern.”

Andererseits, sagt der KMK-Präsident, habe der Lehrermangel aus der Perspektive von Berufseinsteigern auch etwas Positives: In den gesuchten Fächern gebe es in Thüringen derzeit de facto eine Einstellungsgarantie, so Holter. Und jeder Lehrer, der aus dem aktiven Dienst ausscheide, werde auf Landesebene auch wieder ersetzt.

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