Schulübergang : Wie der Wechsel auf die weiterführende Schule besser gelingt

Der Wechsel von der Grundschule auf die weiterführende Schule ist für Kinder mit großen Herausforderungen verknüpft und gilt auch als kritisches Ereignis in der Bildungsbiografie. Daher kommt es darauf an, Schülerinnen und Schüler bei diesem Übergang pädagogisch gut zu begleiten. Hier will das Vivo-Programm ansetzen, das Grundschulen und weiterführenden Schulen entsprechende Unterrichtsmodule bietet. Die Gesamtschule Norf hat das Material bereits getestet.

Annette Kuhn 03. November 2022 Aktualisiert am 23. November 2022 1 Kommentar
Kinder laufen unter Regenbogentuch bei einer Vivo
Bei Vivo geht es vor allem darum, Kindern das Ankommen in der neuen Schule zu erleichtern.
©Merle Forchmann/sdw
Bei einem Vivo-Projekttag an einer Grundschule in Neumünster.
©Inga Kjer/sdw
Kind arbeitet an Vivo Material
Sich über eigene Gefühle klarwerden und diese artikulieren, darum geht es auch bei Vivo.
©Foto: Inga Kjer/sdw
Klassenraum Junge liest Zettel am Vivo Projekttag
Eine Klasse lernt sich besser kennen, wenn jeder etwas über die anderen in der Klasse erfährt.
©Lorenz Oberdoerster/sdw

Der Wechsel auf die weiterführende Schule ist für Kinder mit großen Herausforderungen verbunden: Sie werden aus gewachsenen Lerngemeinschaften in der Grundschule herausgerissen, müssen sich auf eine neue Klasse, eine neue Schule und Schulart einstellen, bekommen neue Fächer sowie Lehrkräfte – und das alles auf einmal. Der Schulübergang ist allerdings nicht nur mit vielen neuen Erfahrungen verbunden, sondern kann auch zu einem kritischen Ereignis in der Bildungsbiografie werden. Insbesondere für Kinder aus sozial benachteiligten Elternhäusern birgt der Schulwechsel die Gefahr, abgehängt zu werden.

Um dieser Gefahr früh entgegenzuwirken und beim Schulübergang mehr Bildungsgerechtigkeit zu erreichen, ist es wichtig, Schülerinnen und Schüler gerade in dieser Phase zu unterstützen. Das ist auch Ziel des Programms „Vivo“, das die Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw), eine von Unternehmen und Verbänden getragene Bildungsinitiative, aufgesetzt hat.

Übergänge sind keine Selbstläufer, sondern eine schulübergreifend pädagogisch zu gestaltende Aufgabe.
Silvia-Iris Beutel, Professorin für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik an der TU Dortmund

Das Programm bietet Module und Arbeitsmaterialien, mit denen Grundschulen und weiterführende Schulen den Übergang im Unterricht vorbereiten und gestalten können. Außerdem gibt es Vorschläge, wie Eltern bei der Schulwahl stärker einbezogen werden können, und es geht darum, Lehrkräfte für das Thema Bildungsgerechtigkeit beim Schulübergang zu sensibilisieren.

Vivo von Projektschulen erprobt

Wie wichtig es ist, den Übergang von der Grundschule auf die weiterführende Schule zu begleiten, betont auch Silvia-Iris Beutel. Die Professorin für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik an der Technischen Universität Dortmund ist Mitglied im Beirat des Vivo-Programms und sagt: „Übergänge sind keine Selbstläufer, sondern eine schulübergreifend pädagogisch zu gestaltende Aufgabe.“ Damit dieser Prozess gelinge, seien vor allem zwei Faktoren entscheidend: „Eine genaue leistungsbezogene und entwicklungsanerkennende Einschätzung und Vorbereitung durch die verantwortlichen Lehrenden der Grundschulen. Zum anderen die Bereitschaft der aufnehmenden Schulen, die Verschiedenheit der ankommenden Kinder durch eine kollegial ermöglichte Individualisierung, Differenzierung und Peer-Begleitung aufzugreifen.“

Die Materialien aus dem Baukasten von Vivo wurden in den vergangenen Jahren von einigen Projektschulen bereits erprobt und entsprechend den Rückmeldungen angepasst. Das Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin (WZB) hat das Programm evaluiert, und nun stehen die Unterrichtsmaterialien allen Schulen deutschlandweit zur Verfügung.

Wir können Schülerinnen und Schüler nicht einfach in die fünften Klassen holen, und dann beginnt der Fachunterricht.
Sandra Röhrbein-Kaske, didaktische Leiterin der Gesamtschule Norf

Die Gesamtschule Norf ist eine der Schulen, die bereits seit 2020 mit den Vivo-Materialien arbeitet. Es ist kein Zufall, dass gerade diese Schule früh in das Programm eingestiegen ist, denn sie nimmt das Thema Schulübergang schon lange in den Blick. „Wir können Schülerinnen und Schüler nicht einfach in die fünften Klassen holen, und dann beginnt der Fachunterricht“, sagt Sandra Röhrbein-Kaske, die didaktische Leiterin der Schule, „wir müssen ihnen Raum und Zeit geben, anzukommen, sich wohlzufühlen“. Nicht nur die Fächer und die Klasse seien neu für sie, auch die weiterführende Schule sei viel größer als ihre Grundschule vorher. An der sechszügigen Gesamtschule Norf lernen fast 1.000 Schülerinnen und Schüler.

Es geht vor allem um Beziehungsaufbau

Die Gesamtschule startet daher nach den Sommerferien immer mit einer Orientierungswoche. Regulären Unterricht gibt es da noch nicht, es geht vor allem um Beziehungsaufbau. Die Orientierungswoche finde in allen Klassenstufen statt, aber für die fünften Klassen habe sie noch mal eine ganz besondere Bedeutung, betont Sandra Röhrbein-Kaske. Sie lege den Grundstein für die gemeinsame Arbeit im neuen Schuljahr. Daher sieht die didaktische Leiterin diese Zeit auch gut investiert: „Die Orientierungswoche ist so ein großer Gewinn, dass wir den Verlust, eine Woche weniger Zeit für den Fachunterricht zu haben, schnell wieder reinholen.“

Die Vivo-Materialien ließen sich gut in die Orientierungswochen integrieren, aber sie werden nicht nur dann, sondern das ganze Schuljahr hindurch in den wöchentlichen Klassenratsstunden oder auch mal nach Bedarf im Fachunterricht genutzt. Besonders die Materialien zu Lernstrategien seien für die Gesamtschule Norf eine Bereicherung. „So etwas hatten wir vorher noch nicht.“

Module zur Vermittlung von Lernstrategien

Und Sandra Röhrbein-Kaske gefällt auch, dass sich viele Module für den Digitalunterricht eignen. Das konnte die Schule selbst erproben, weil der Beginn der Testphase an der Schule mit dem Beginn der Corona-Pandemie zusammenfiel. „Da waren wir froh, dass wir auch in dieser Zeit gutes Material hatten.“

In den Modulen des Vivo-Programms geht es zum Beispiel darum, die Identifikation mit der neuen Schule zu entwickeln, die Klassengemeinschaft zu stärken, mit Stress umzugehen oder Lernstrategien zu vermitteln. Zu jedem der Unterrichtsbausteine gibt es ausführliche Anleitungen und Anregungen für die Reflexion in der Klasse.

Es gibt Kennenlernspiele, Übungen zum Trainieren von Kooperation oder Module dazu, wie sich Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Gefühle in der neuen Lernumgebung vergegenwärtigen und in Worte fassen können: Bei dem Rollenspiel „Gefühlstaxi“ werden vier Stühle in die Mitte des Raums gestellt, die das Taxi symbolisieren. Die Kinder, die in ein fiktives Taxi steigen, stellen über Pantomime ein bestimmtes Gefühl, eine Stimmung dar, die das Kind, das die Taxifahrerin oder den Taxifahrer spielt, übernehmen muss. Die anderen Kinder der Klasse erraten dann das Gefühl, dass im „Taxi“ vorgespielt wird. So können die Kinder zum einen lernen, eigene Gefühle auszudrücken, zugleich aber auch, die Gefühle anderer zu erkennen und sich in sie hineinzuversetzen.

Über solche Übungen könnte eine gute Gesprächskultur entstehen, und Kinder würden sich „eher trauen, auch sonst in der Klasse mal über ihre Gefühle zu sprechen“, hat Sandra Röhrbein-Kaske beobachtet.

Vivo-Arbeitsmaterial auf verschiedenen Niveaustufen

Um das Kollegium und gerade neue Lehrkräfte ins Boot zu holen, gibt es vor Beginn jedes Schuljahres an der Gesamtschule Norf einen Workshop, der in den Umgang mit dem Vivo-Baukasten einführt. „So sind alle refresht“, sagt die didaktische Leiterin. Aber aus ihrer Sicht könnten Lehrkräfte das Material auch ohne eine Einführung nutzen: „Die Unterrichtseinheiten sind selbsterklärend und sehr gut handhabbar für Lehrkräfte.“

Was ihr außerdem sehr gut gefällt, ist, dass es das Vivo-Material auf verschiedenen Niveaustufen gibt. So könne es in allen Schularten genutzt werden und Schülerinnen und Schüler da abholen, wo sie jeweils stehen.

Die Differenzierung des Materials schätzt auch Silvia Iris Beutel an dem Vivo-Programm: „Eine besondere Qualität liegt in der auf verschiedenen Wegen gesicherten Zugänglichkeit der Materialien – etwa durch visuelle und narrative Zugänge.“ Auch das könne Bildungsungleichheiten entgegenwirken: „Besonders ist zu verhindern, dass Differenzen in Entwicklung und Leistung der Kinder ignoriert, übersehen oder beim Ankommen in den weiterführenden Schulen gar verstärkt werden.“

Auf einen Blick

  • Im Vivo-Baukasten gibt es Materialien für die Grundschule, für die weiterführende Schule und für die Gestaltung des Übergangs mit Workshops und Praxis-Tipps für Lehrkräfte.
  • Die Unterrichtsmodule für die vierte und fünfte Klasse sind nach verschiedenen Themenblöcken sortiert und durch animierte Filme und interaktives Begleitmaterial für das Whiteboard ergänzt. Für die Grundschule gibt es 34 Unterrichtsbausteine, für die weiterführende Schule sind es 19 Bausteine.
  • Einen Überblick über das Vivo-Programm bieten dieser Flyer und eine Präsentation, die hier abgerufen werden kann.
  • Auf dieser Seite finden interessierte Lehrkräfte das Material aus dem „Vivo-Baukasten“. Die Nutzung ist kostenlos.
  • Wer weitere Fragen zum Vivo-Material oder Interesse an einer Fortbildung zum bildungsgerechten Übergang hat, kann sich an vivo@sdw.org wenden.