Schulbetrieb in der Pandemie : Sozialarbeiter und Psychologen entwickeln Corona-Notfallplan

Um komplette Schulschließungen in der Pandemie zu vermeiden, hat ein Team der Schulsozialarbeit und Schulpsychologie einen Notfallplan für den Unterrichtsbetrieb konzipiert, der auch bei einer dünnen Personaldecke umsetzbar sein soll. Oberstes Ziel ist, dass kein Kind durchs Raster fällt und Familien nicht überfordert werden. Erste Schulen arbeiten schon mit dem Konzept, das es hier auch als Download gibt. Bei der Schulverwaltung stieß der Plan zunächst auf Desinteresse. Doch das könnte sich jetzt ändern.

Annette Kuhn 19. Januar 2022 Aktualisiert am 29. Januar 2022 2 Kommentare
Klassenraum mit wenigen Schülern und Maske Notfallplan in der Pandemie
Um den Unterrichtsbetrieb in der Pandemie verlässlich zu sichern, hat eine Initiative einen Notfallplan entwickelt, der in allen Schulstufen umsetzbar sein soll.
©Friso Gentsch/dpa

Schule auf oder zu? Präsenzunterricht oder Wechsel- und Distanzunterricht? Die Länder halten derzeit am Präsenzunterricht fest. Doch die rasant steigenden Corona-Infektionszahlen haben schon Fakten geschaffen und zu einigen Schulschließungen geführt. Die zwei Lockdown-Phasen haben aber deutlich gemacht, welch schwerwiegende Folgen es für viele Kinder und Jugendliche hat, wenn sie nicht mehr zur Schule gehen können. Aber gibt es nur ein Entweder-Oder? Ist nicht auch eine andere Lösung zur Sicherstellung des Schulbetriebs denkbar?

Ja, sagt Julia Bork-Taut, die in Duisburg eine Einrichtung für Integrationshilfe leitet und mit verschiedenen Grundschulen zusammenarbeitet. Mit einer Gruppe aus heute insgesamt 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Schulpsychologie aus dem ganzen Bundesgebiet hat sie vor mehr als einem Jahr den Anstoß zu einem Notfallplan für Schulen gegeben. Ziel ist, dass kein Kind durchs Raster fällt und dass Schulen den Unterricht auch mit knappen personellen Ressourcen gewährleisten können.

Ausgangspunkt des Konzepts ist eine Abfrage bei den Eltern

Wichtigste Punkte des Konzepts sind, zu jeder Zeit Kontakt zu allen Kindern zu halten, ihnen verlässlich qualifizierten Unterricht zu bieten, und lernschwächere Kinder besonders zu fördern. Außerdem sollten die Hygieneregeln eingehalten und Familien gestärkt werden. Um all dies zu realisieren, lösen die Schulen die Klassenverbände auf, teilen die Unterrichtsstunden neu auf, nutzen die Räume der Schule für den Unterricht anders und führen eine 4-Tage-Unterrichtswoche ein.

Der Notfallplan

  • Das „Konzept zur Sicherstellung des Schulbetriebs unter Pandemiebedingungen“ wird hier ausführlich erläutert und steht zum Download bereit.
  • Wer noch Fragen zum Konzept hat, ist eingeladen, eine E-Mail an folgende Adresse zu schreiben: FragenSchulkonzept@web.de

Ausgangspunkt für den Notfallplan ist eine Erhebung in den Familien zu den häuslichen Bedingungen: Wo kann ein Kind gut zu Hause arbeiten? Wer verfügt über die entsprechende digitale Ausstattung? Wie viele Stunden Betreuung sind zu Hause gesichert? Auf Basis dieser Abfrage werden die Lerngruppen innerhalb eines Jahrgangs entsprechend ihrem Bedarf neu zusammengefügt: Die Kinder, die die Möglichkeit dazu haben, schalten sich online zum Unterricht dazu. In der Schule sind vor allem die Kinder, die dies nicht können oder die besonderen Förderbedarf haben. Wie sich die Kinder in einer Schule auf die Gruppen verteilen, hängt vom jeweiligen Bedarf ab, daher variieren die Gruppen von Schule zu Schule.

Ein Präsenztag pro Woche, damit die Lehrkräfte die Kinder regelmäßig sehen

Damit Lehrkräfte auch zu den Kindern im häuslichen Lernen regelmäßig direkten Kontakt haben und sich versichern können, dass es ihnen gutgeht, gibt es an dem unterrichtsfreien Tag in der Woche einen Präsenztag, an dem Klassenlehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler einzeln oder in Kleingruppen treffen. An diesem Tag können nach Bedarf aber auch Klassenarbeiten geschrieben werden.

Inzwischen arbeiten 15 Schulen nach diesem Notfallplan – vor allem Grundschulen, aber auch weiterführende Schulen. Welche es sind, will Julia Bork-Taut nicht sagen, um die Schulen nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Zu präsent ist ihr noch, wie sich die weiterführenden Schulen in Solingen im Herbst 2020 zusammengetan und mit Rückendeckung der Stadtverwaltung gemeinsam einen Plan für Hybridunterricht entwickelt hatten. Kurz vor dem Start wurde dieser dann aber vom Schulministerium in Düsseldorf gekippt: Es müsse beim vollständigen Präsenzunterricht bleiben, hieß es damals von der obersten Schulbehörde in Nordrhein-Westfalen. Das Veto kam knapp sechs Wochen bevor die Schulen dann wieder bundesweit ganz geschlossen wurden.

Julia Bork-Taut
Sozialarbeiterin Julia Bork-Taut
©privat

Wichtig war uns, ein Worst-Case-Szenario zu entwickeln, also auch Schulen zu berücksichtigen, die wenig personelle Ressourcen und eine schwierige Ausgangslage haben.

Julia Bork-Taut hatte das damals empört. Sie wusste selbst aus ihrer Arbeit an verschiedenen Schulen in Duisburg, wie fragil die Situation war und dass durchgängiger Präsenzunterricht wegen der vielen Quarantänefälle ohnehin schon nicht mehr gewährleistet werden konnte. Für sie war klar: „Wir brauchen ein Konzept.“ Sie und eine Kollegin stellten also Berechnungen an, spielten verschiedene Modelle durch. „Wichtig war uns, ein Worst-Case-Szenario zu entwickeln, also auch Schulen zu berücksichtigen, die wenig personelle Ressourcen und eine schwierige Ausgangslage haben.“ Und wichtig war ihnen auch, dass sich der Notfallplan flexibel an die verschiedenen Bedürfnisse der Schulen anpassen lässt.

Ende 2020 hieß es bei den Bildungsministerien: „Kein Bedarf“

Ihren ersten Entwurf haben die beiden Sozialarbeiterinnen aus Duisburg im Herbst 2020 in einer Cloud hochgeladen und über soziale Kanäle geteilt. „Der Zuspruch war enorm“, erinnert sich Bork-Taut, „es kam viel Lob, aber auch Kritik.“ So geht der eine Präsenztag für alle zum Beispiel auf die Kritik einiger Schulpsychologinnen und Schulpsychologen zurück, die die Sicherstellung des Kindeswohls anmahnten. „Das hat uns überzeugt, und wir luden alle ein, die einen Input geben wollten, mitzuarbeiten.“ So wuchs das Team und mit ihm das Konzept für den Notfallplan.

Als es schließlich auch noch schulrechtlich geprüft war, hat es Julia Bork-Taut an alle Bildungsministerien in Deutschland verschickt. „Antworten habe ich nur aus vier Bundesländern bekommen“, erzählt sie, der Tenor sei überall ähnlich gewesen: „Vielen Dank, aber wir sind gut vorbereitet und haben keinen Bedarf.“ Die Schulen waren da schon wieder komplett geschlossen.

Aufgegeben hat das Team trotzdem nicht. Das Konzept für den Notfallplan haben die 80 Mitstreiterinnen und Mitstreiter über ihre Netzwerke verbreitet. Sie haben es mit den Rückmeldungen aus Schulen weiter nachgeschärft und um einen Anhang mit häufig gestellten Fragen und einen Leitfaden für Eltern zur Unterstützung des Lernens zu Hause ergänzt.

Anfang Januar 2022, als die Omikron-Welle die Corona-Infektionszahlen wieder rasant steigen ließ, hat Julia Bork-Taut den Notfallplan noch einmal an alle Bildungsministerien geschickt. Wenige Tage später hat sie nun schon mehr Antworten als Wochen nach dem ersten Versand. Auch der Tenor ist diesmal ein anderer: „Interessant, wir werden das Konzept an die zuständige Stelle zur Prüfung weiterleiten.“

Umfrage

Aufgrund steigender Infektionszahlen in der Omikron-Welle sind viele Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler als Kontaktpersonen in Quarantäne oder selbst erkrankt. Einige Schulen sind daher teilweise oder sogar komplett geschlossen. Manche Länder haben nun Modelle erarbeitet, mit der die Unterrichtsgestaltung lokal an die jeweilige Infektionslage unter Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern angepasst werden kann. Die Entscheidung zum Vorgehen und die konkrete Ausgestaltung soll letztlich bei der jeweiligen Schulleitung liegen. Wie ist Ihre Meinung dazu? Machen Sie mit bei unserer Umfrage!

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