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Deutsches Schulbarometer : Lehrer-Umfrage offenbart enorme Probleme infolge der Pandemie

Motivationsmangel, Unruhe, Schwänzen, Aggression: Die dritte Lehrer-Umfrage für das Deutsche Schulbarometer Spezial zur Corona-Krise zeigt, wie dramatisch die Auswirkungen der monatelangen Schulschließungen für Schülerinnen und Schüler sind. Die Längsschnittuntersuchung bietet verlässliche Daten zu Lernrückständen und psychischen Folgen, die Lehrkräfte am Beginn des Schuljahres beobachtet haben. Die repräsentative Umfrage zeigt aber auch, dass Schulen seit dem Beginn der Pandemie viel angestoßen und gelernt haben, insbesondere was die Nutzung digitaler Medien anbelangt. Das Schulportal präsentiert die wichtigsten Ergebnisse.

Annette Kuhn 27. Oktober 2021 Aktualisiert am 10. November 2021 10 Kommentare

Erste große Längsschnittuntersuchung seit Beginn der Corona-Krise

„Keine Schulschließungen in diesem Schuljahr.“ Das betonen die Kultusministerinnen und Kultusminister seit Wochen. Damit der Schulbetrieb verlässlich stattfinden kann und Lehrkräfte geschützt sind, wurde in vielen Bundesländern schon im vergangenen Winter mit den Impfungen des Lehrpersonals begonnen. Zur Zahl der tatsächlich geimpften Lehrerinnen und Lehrer gab es bislang allerdings nur Schätzungen. Mit der zweiten Folgebefragung zum Deutschen Schulbarometer Spezial zur Corona-Krise liegt nun zum ersten Mal eine belastbare Zahl vor, wie viele Lehrerinnen und Lehrer tatsächlich vollständig gegen Covid-19 geimpft sind: Es sind 95 Prozent. In Nordrhein-Westfalen liegt die Quote sogar bei 98 Prozent, in Ostdeutschland bei 90 Prozent.

Im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT hat Forsa Ende September zum dritten Mal Lehrerinnen und Lehrer an allgemeinbildenden Schulen zur Situation der Schulen in der Corona-Krise befragt. Die erste Befragung fand kurz nach Beginn der Schulschließungen im April 2020 statt, die zweite kurz vor dem zweiten Lockdown im Dezember 2020. Zum ersten Mal wurden im aktuellen Schulbarometer nicht nur Daten zu den verschiedenen Schularten erfasst, sondern auch zur sozialen Lage der Schulen.

Alle Daten zum Download

Alle Ergebnisse aus dem aktuellen Deutschen Schulbarometer Spezial zur Corona-Krise stehen hier als PDF zum Download bereit:

Gerade dieser Vergleich von Schulen mit einem hohen und einem geringen Anteil von armen Familien belegt: Die soziale Ungleichheit ist in der Pandemie deutlich größer geworden, und Schulen in sozial benachteiligter Lage stehen jetzt vor erheblich größeren Herausforderungen als andere Schulen.

Allein der Blick auf die konkreten Auswirkungen der psychosozialen Belastungen macht das sehr deutlich. So beobachten insgesamt 23 Prozent der befragten Lehrkräfte eine deutliche Zunahme aggressiven Verhaltens bei ihren Schülerinnen und Schülern. An Schulstandorten mit einem geringen Anteil von armen Familien bestätigen 14 Prozent der Befragten einen solchen Anstieg; an Schulen in sozial benachteiligter Lage aber sagen 44 Prozent der Lehrkräfte, das aggressive Verhalten habe zugenommen.

Die nächste Bundesregierung muss die dauerhafte und substanzielle Unterstützung von Schulen in benachteiligter Lage zur Top-Priorität machen.
Bernhard Straub, Geschäftsführer der Robert Bosch Stiftung

„Dass Schulen mit geballten sozialen Problemlagen im zweiten Jahr der Pandemie noch immer mit sehr großen Herausforderungen zu kämpfen haben, dürfen wir nicht länger hinnehmen“, sagt Bernhard Straub, Geschäftsführer der Robert Bosch Stiftung. „Die nächste Bundesregierung muss, wie im Sondierungspapier vorgesehen, die dauerhafte und substanzielle Unterstützung von Schulen in benachteiligter Lage zur Top-Priorität machen.“

Zusätzliche Unterstützungsmaßnahmen gibt es der Befragung zufolge in allen Schulen in ähnlich geringem Umfang. Im Schulbarometer gaben die Lehrkräfte an, nur 15 Prozent der Schulen hätten Angebote der Schulsozialarbeit seit der Pandemie neu eingeführt oder verstärkt. Die Unterstützung durch externe Partner – dazu zählen beispielsweise Beratungsangebote durch die Schulpsychologie – hat in 10 Prozent der Schulen zugenommen oder wird überhaupt jetzt erst genutzt.

Große Herausforderungen für Schulen in sozial benachteiligter Lage

Auch bei den Lernrückständen zeigt sich eine Verschärfung der sozialen Ungleichheit. Insgesamt gaben die Lehrkräfte in der Befragung an, dass etwa jede dritte Schülerin und jeder dritte Schüler zu Beginn des Schuljahres 2021/22 deutliche Lernrückstände aufweist. In Schulen, in denen weniger als 25 Prozent der Familien Transferleistungen beziehen, hat ein Viertel der Schülerinnen und Schüler deutliche Lernlücken. In Schulen, in denen der Anteil von Leistungsempfängern über 50 Prozent liegt, lassen sich nach Einschätzung der Lehrkräfte dagegen bei knapp der Hälfte aller Schülerinnen und Schüler deutliche Lernrückstände feststellen.

Von den Schularten sind besonders Haupt-, Real- und Gesamtschulen (39 Prozent) sowie Förderschulen (42 Prozent) betroffen, an Grundschulen (28 Prozent) und Gymnasien (29 Prozent) beobachten Lehrerinnen und Lehrer zum Schuljahresbeginn etwas seltener deutliche Lernrückstände.

Auf die Frage, wie groß der Anteil der Schülerinnen und Schüler ist, die die Lernziele im Schuljahr 2020/21 im Vergleich zu den beiden Vorjahren erreicht haben, zeigen sich die Auswirkungen der pandemiebedingten Maßnahmen an allen Schulen. Insgesamt stellt ein Viertel der Lehrkräfte fest, dass deutlich weniger Schülerinnen und Schüler die Lernziele im vergangenen Schuljahr erreicht haben. In Schulen in sozial benachteiligter Lage, an denen die Herausforderungen schon vor der Pandemie größer waren als an anderen Schulstandorten, bestätigen dies sogar 35 Prozent der Lehrkräfte.

Um Lernrückstände auszugleichen, wird nur an rund der Hälfte der Schulen auf zusätzliches Personal zurückgegriffen. Meist sind es Lehramtsstudierende und pensionierte Lehrkräfte, die dann zum Einsatz kommen. Die Schulen kompensieren diese Lücken in erster Linie durch Differenzierung im regulären Unterricht. Darüber hinausgehende Unterstützung wie Angebote in der lernfreien Zeit gibt es immerhin an 47 Prozent der Schulen, zusätzliche Lernangebote für einzelne Schülerinnen und Schüler mit großen Lernrückständen an 40 Prozent. Eine temporäre Anpassung der Stundentafel zugunsten von Mathematik und Deutsch – wie es die Ständige wissenschaftliche Kommission im Juni geraten hat – wird in knapp jeder fünften Schule umgesetzt.

Schulbarometer zeigt regionale Unterschiede beim Einsatz von Luftfiltern

Insgesamt zeigen sich die Lehrkräfte heute deutlich zufriedener mit den Corona-Schutzmaßnahmen als noch bei der zweiten Befragung im Dezember 2020. Hielten damals nur 28 Prozent der Befragten die Corona-Schutzmaßnahmen an Schulen für ausreichend, sind es Ende September 63 Prozent. Allerdings gab es im Dezember 2020 weder Test- noch Impfmöglichkeiten. Da nun 95 Prozent der Lehrkräfte vollständig gegen Covid-19 geimpft sind und Ungeimpfte in den Schulen meist zweimal in der Woche getestet werden, ist das gesundheitliche Risiko für Lehrerinnen und Lehrer, zu erkranken, deutlich gesunken. 65 Prozent der Befragten sprechen sich auch für eine Impfpflicht für Lehrkräfte und weiteres schulisches Personal aus.

Einen großen Kritikpunkt gibt es bezüglich des Einsatzes von Luftfiltergeräten. Schon im Herbst des vorangegangenen Schuljahres wurden entsprechende Geräte von Lehrerinnen und Lehrern sowie Eltern angemahnt und von vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern empfohlen. Auch der Bund hat bereits vor einem Jahr ein Förderprogramm zur Installation stationärer Luftfilter aufgelegt und in diesem Sommer ein weiteres für mobile Luftfilter nachgelegt.

Angekommen ist in den Klassenräumen davon offenbar bislang wenig. Laut aktuellem Schulbarometer gibt es im Schnitt in 72 Prozent der Schulen keine Luftfiltergeräte. Hier zeigen sich allerdings deutliche regionale Unterschiede: Während in Bayern in 40 Prozent der Schulen Luftfilter bereits im Einsatz sind, haben in Nordrhein-Westfalen lediglich 15 Prozent der Schulen solche Geräte und in Ostdeutschland sogar nur 8 Prozent.

Am besten ausgestattet mit Luftfiltern sind Grundschulen, dort stehen sie im Durchschnitt in immerhin fast jedem fünften Klassenraum, in den anderen Schulformen liegt der Anteil der Unterrichtsräume, die mit Luftfiltergeräten ausgestattet sind, zwischen 8 und 10 Prozent. Diese Diskrepanz erklärt sich dadurch, dass Geräte insbesondere für Räume gefördert werden, in denen Kinder unter 12 Jahren lernen, weil es für sie noch keine Impfempfehlung gibt.

Digitale Tools werden wenig für kooperatives Lernen genutzt

Was die digitale Ausstattung anbelangt, zeigt das Deutsche Schulbarometer, dass viele Schulen große Entwicklungsschritte gemacht haben. Das wird insbesondere bei der Ausstattung mit digitalen Endgeräten für Lehrkräfte deutlich. Verfügten im Dezember 2020 nur 19 Prozent der Schulen über Tablets oder Laptops für fast alle Lehrkräfte, sind es jetzt 53 Prozent. Das heißt allerdings im Umkehrschluss, dass fast die Hälfte der Schulen noch immer keine Dienstgeräte für das ganze Kollegium zur Verfügung stellen kann.

Auch bei der Nutzung digitaler Medien ist es in den Schulen im Laufe der Pandemie vorangegangen, wie das Deutsche Schulbarometer zeigt. So gaben bei der Befragung Ende September 60 Prozent der Lehrkräfte an, digitale Tools nun häufiger auch im Präsenzunterricht zu nutzen als vor der Pandemie. Im Dezember 2020 sagten das 46 Prozent.

Am meisten werden digitale Tools für den Austausch und die Abstimmung im Kollegium genutzt. Und auch für den individuellen Austausch zwischen Lernenden und Lehrenden kommen digitale Formate häufiger zum Einsatz. Lag der Anteil der Lehrkräfte, die Schülerinnen und Schüler digital Feedback geben, vor März 2020 bei 16 Prozent, sind es heute 52 Prozent. Bisher wenig genutzt werden digitale Tools hingegen für kooperative Lernformen, und auch für die Leistungserhebung spielen sie noch kaum eine Rolle.

Pandemie hat in vielen Schulen Entwicklungsprozesse angestoßen

Die meisten Befragten sind davon überzeugt, dass sich gerade mit Blick auf die digitale Entwicklung in der Pandemie-Zeit viel getan hat. Heute sagen 86 Prozent der Befragten: „An meiner Schule wurde seit März 2020 einiges im Hinblick auf digitale Lernformate umgesetzt, was ohne die Schulschließungen vermutlich später oder gar nicht umgesetzt worden wäre.“

Unklar ist zum jetzigen Zeitpunkt noch, wie nachhaltig jene Veränderungen sind, die gezwungenermaßen an den Schulen umgesetzt wurden. Die befragten Lehrkräfte sind sich auch eineinhalb Jahre nach Beginn der Pandemie bei dieser Frage uneinig. 43 Prozent gehen davon aus, dass die Pandemie auch langfristig zu positiven Veränderungen an ihrer Schule führen wird. Knapp die Hälfte glaubt hingegen, dass ihre Schule nach der Pandemie schnell wieder zu alten Routinen und Lernformaten zurückkehren wird.

Gerade bei der Entwicklung verbindlicher Konzepte, die für einen möglichen Fern- und Hybridunterricht unerlässlich scheinen, haben die Schulen kaum nachgesteuert. Zwei Drittel der Lehrkräfte geben in der Befragung für das Deutsche Schulbarometer Ende September an, dass ihre Schule auch im neuen Schuljahr noch kein Konzept hat, wie Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten im Falle eines erneuten Hybrid- oder Fernunterrichts unterstützt werden. Und nur knapp jede zweite Schule hat demnach ein Konzept, um Schülerinnen und Schülern regelmäßiges individuelles Feedback zu geben.

Das Deutsche Schulbarometer

  • Im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa vom 23. bis 30. September 2021 eine Umfrage unter 1.001 Lehrerinnen und Lehrern an allgemeinbildenden Schulen durchgeführt.
  • Die ermittelten Ergebnisse sind unter Berücksichtigung der bei allen Stichprobenerhebungen möglichen Fehlertoleranzen (im vorliegenden Fall +/-3 Prozentpunkte) repräsentativ für die Gesamtheit der Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland.
  • Als „Schulen in sozial benachteiligter Lage“ werden diejenigen Schulen klassifiziert, für die befragte Lehrkräfte angegeben haben, dass dort mehr als 50 Prozent der Eltern staatliche Transferleistungen erhalten.
  • Das erste Schulbarometer Spezial erschien im April 2020.
  • Die zweite Befragung fand im Dezember 2020 unmittelbar vor dem zweiten Lockdown statt.
  • In der letzten Septemberwoche 2021 wurden Lehrkräfte ein drittes Mal für das Deutsche Schulbarometer Spezial zur Situation an den Schulen in der Corona-Krise befragt.