Übergang in die Grundschule : Umfassende Diagnostik vor der Einschulung

Wenn die 81 Schulanfängerinnen und Schulanfänger der niedersächsischen Grundschule auf dem Süsteresch in diesem August zum ersten Mal ihre Klassenzimmer betreten, dann wissen ihre neuen Lehrerinnen und Lehrer schon eine ganze Menge über sie. Einige Wochen vor den Sommerferien haben alle Kinder an einer ausführlichen Diagnostik in der Schulturnhalle teilgenommen. Das aufwendige Verfahren hilft der Schule, die Klassen gerecht zusammenzusetzen. Außerdem wissen die Lehrkräfte vom ersten Tag an, wie sie die einzelnen Kinder fördern können.

Alexandra Mankarios / 09. August 2019
Kinder sitzen im Morgenkreis
Mit Hilfe einer Diagnostik schon vor der Einschulung können die Kinder der Grundschule auf dem Süsteresch vom ersten Tag an individuell gefördert werden.
©Theodor Barth

Drei Tage lang verwandelt sich die Turnhalle der Grundschule auf dem Süsteresch im niedersächsischen Schüttorf jedes Jahr kurz vor den Sommerferien in einen gewaltigen Parcours mit insgesamt zwölf Teststationen. Die umliegenden Kitas sind dann eingeladen, mit den angehenden Erstklässlerinnen und Erstklässlern die „Reise durch den Zauberwald“ anzutreten. So nennt die Schule auf dem Süsteresch die drei Diagnosetage in Anlehnung an das Diagnostikmaterial „Mit Mirola durch den Zauberwald“ des Finken Verlags, das die Schule für ihre Zwecke umgearbeitet hat.

Spielerisch sollen die Kinder an allen Stationen Aufgaben lösen, zum Beispiel Ziffern nachspuren, sich den Zauberspruch der Hexe Mirola merken, hüpfen, Würfelbilder zuordnen, den eigenen Namen schreiben oder Laute unterscheiden. Vom kognitiven und motorischen Entwicklungsstand über das mathematische Grundverständnis bis hin zu lebenspraktischen und sprachlichen Kompetenzen umfasst die Diagnostik alle wichtigen Entwicklungsbereiche. Ergänzend zieht die Schule auch die Ergebnisse der schulärztlichen Untersuchung und der Kindergarten-Berichte hinzu, sofern die Eltern das erlaubt haben.

Klassen zusammensetzen per Farbstreifen

Nach den Diagnosetagen treffen sich die Lehrkräfte, um die Klassen zusammenzusetzen. Damit jedes der 81 neuen Kinder eine Klassengemeinschaft vorfindet, in der es sich möglichst gut entwickeln kann, soll die Mischung stimmen: Sowohl die Kinder mit unauffälliger Diagnose als auch diejenigen, bei denen sich größerer Förderbedarf abzeichnet, sollen zu möglichst gleichen Anteilen auf vier Klassen verteilt werden. Zu diesem Zweck verwendet die Schule farbige Pappstreifen. Für jedes Kind gibt es einen, darauf verdichten sich alle Testergebnisse. Grüne Abschnitte stehen für gute Ergebnisse. Testergebnisse knapp darunter sind in Gelb oder Orange wiedergegeben. Rote und lila Abschnitte signalisieren, dass ein Kind in bestimmten Bereichen voraussichtlich intensivere Förderung benötigt. Zusätzlich sind auf den Pappstreifen Beobachtungen vermerkt, etwa „Merkfähigkeit +“ oder „Frustrationstoleranz -“. Auch Vermerke zur Muttersprache sind dem Streifen zu entnehmen.

Zeigen die Diagnoseergebnisse bei einzelnen Kindern dringlichen Handlungsbedarf, nimmt die Schule bereits vor den Ferien Kontakt zu den Eltern auf und bespricht Handlungsoptionen

Sind alle Streifen erstellt, setzen sich die Lehrerinnen und Lehrer der zukünftigen ersten Klassen zusammen und schieben hin und her – so lange, bis sich die Farbmuster für alle neuen Klassen ähneln und alle Lehrkräfte mit der Verteilung zufrieden sind. Zeigen die Diagnoseergebnisse bei einzelnen Kindern dringlichen Handlungsbedarf, nimmt die Schule bereits vor den Ferien Kontakt zu den Eltern auf und bespricht Handlungsoptionen – etwa den Besuch bei spezialisierten Ärzten oder Therapeuten.

Frühzeitig Beziehungen zu den Kindern aufbauen

Bereits seit etwa sieben Jahren reisen Kinder vor der Einschulung an der 2016 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichneten Grundschule auf dem Süsteresch durch den Diagnose-Zauberwald. Trotz des großen Aufwands für diese Veranstaltung möchte niemand an der Schule mehr das Verfahren missen – nicht nur um die Klassen ausgewogen zusammenzusetzen, sondern auch um frühzeitig eine persönliche Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern aufzubauen. Dass das gelingt, sieht Schulleiter Heinrich Brinker als eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Grundschulzeit. Im Rahmen ihrer Schulentwicklung hat die Schule deshalb auch ein neues Verständnis der Lehrerrolle entwickelt – „hin zum Beobachter, Begleiter, Diagnostiker, aber auch zum Freund der Schülerinnen und Schüler“, erklärt Brinker. Zu dem neuen Lehrerbild gehört ebenfalls, dass die Schule versucht, konsequent stärkenorientiert zu arbeiten.

Dass die umfassende Diagnostik frühzeitig den Blick auf Probleme bei einzelnen Kindern lenkt, steht für Brinker nicht im Gegensatz zur Stärkenorientierung. Je früher eine Problematik erkannt sei, desto erfolgreicher könne man gezielt fördern, meint er. Zunächst mal das erste Schuljahr abzuwarten und zu beobachten hält Brinker für verlorene Zeit – Entwicklungschancen des Kindes würden auf diese Weise ungenutzt bleiben. Dank der Diagnostik hingegen könnten alle Kinder vom ersten Schultag an punktgenaue Förderung erhalten und ihre Stärken weiter ausbauen. „Wir können zwar aus einer Schildkröte kein Rennpferd machen“, sagt Brinker, „aber wir können dafür sorgen, dass Schildkröte und Rennpferd mit einem riesigen Rucksack voller Selbstvertrauen die Grundschule verlassen – und das ist uns wichtig.“

Auf einen Blick

  • Basis des Testverfahrens an der Grundschule auf dem Süsteresch liefert das Material „Mit Mirola durch den Zauberwald“ (Finken Verlag).
  • Die Tests finden zwei bis drei Wochen vor den Sommerferien statt.
  • Die Kinder kommen zu den Tests nicht mit ihren Eltern, sondern mit den Kita-Gruppen.
  • Die künftigen Erstklässler durchlaufen zwölf Diagnosestationen in der Schulturnhalle.
  • Diagnostiziert wird der körperliche, sprachliche und psychische Entwicklungsstand.
  • Insgesamt nehmen innerhalb von drei Tagen 80 Kinder an dem Testverfahren teil.