Schüler nach der Pandemie : „Total bedürftig nach Anerkennung”

Viele Kinder und Jugendliche verhalten sich seit der Pandemie auffällig. Zwei Lehrerinnen erzählen von schreienden Schülern, weinenden Vätern und 4-Stunden-Nächten.

Dieser Artikel erschien am 11.07.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Franziska Pröll
Unterricht
Schülerinnen und Schüler einer fünften Klasse einer Realschule (Symbolbild)
©dpa

Wenn Alina Wagner freitags die Schule verlässt, ist sie fix und fertig. Wagner, deren Name für diesen Text geändert ist, unterrichtet Biologie und Ethik an einem Gymnasium. In diesem Schuljahr hat sie drei fünfte Klassen. Alle drei sieht sie freitags, kurz vor dem Wochenende. Ständig muss sie die Schüler ermahnen: „Hört jetzt zu.”

Sie hielten grundlegende Gesprächsregeln nicht ein, sagt Alina Wagner. In jeder fünften Klasse gebe es zwischen fünf und neun Personen, die reinriefen statt sich zu melden. Bitten, Mahnungen und Strafarbeiten änderten nichts daran. „Diese Schüler haben nicht gelernt, dass auch andere Menschen ein Anrecht haben, etwas beizutragen.” Bei 30 Personen pro Klasse sei das „eine Katastrophe”.

Hat das mit der Pandemie zu tun? Die vergangenen zweieinhalb Jahre sind an niemandem spurlos vorübergezogen, vor allem nicht an Kindern und Jugendlichen. Immer mehr Studien legen offen, mit welchen Folgen sie kämpfen. Psychische Probleme, aggressives Verhalten, Schwierigkeiten bei der Konzentration – in Schulen wird all das sichtbar.

Unruhiger, niedergeschlagener und aggressiver

Im Juni wurde das Schulbarometer veröffentlicht, eine repräsentative Umfrage, beauftragt von der Robert-Bosch-Stiftung. Vom 6. bis zum 18. April 2022 hat das Forsa-Institut bundesweit mehr als 1000 Lehrerinnen und Lehrer befragt. Auf Platz drei ihrer größten Sorgen stehen verhaltensauffällige Kinder. Mehr als die Hälfte der Befragten nehmen ihre Schülerinnen und Schüler als körperlich unruhiger wahr als vor der Pandemie. 42 Prozent beschreiben sie als niedergeschlagener und 39 Prozent als aggressiver. Deutlich größer ist der Anteil der Lehrkräfte, die sagen, dass sich Schülerinnen und Schüler schlechter konzentrieren und motivieren könnten. Beides äußern 80 Prozent.

Unruhig sind Wagners Schüler zum Beispiel, wenn sie Hausaufgaben besprechen. „Vielleicht schaffen es bei der ersten Person noch alle zuzuhören. Bei der zweiten spätestens quatscht der Erste rein, auch wenn sie nur drei Zeilen vorträgt.” Wagner fordert die Störer auf, leise zu sein und sich zu melden, ruft sie aber nicht sofort auf, um das Verhalten nicht zu bestärken. „Weil er nicht sofort drankommt, trägt der Schüler seinen Unmut voll nach außen.” Dann rufe er: „Voll gemein!” Oder: „Was soll das? Mein Beitrag ist viel besser.”

Selbstregulation ist ein Schlagwort, das Wagner im Gespräch häufig nutzt. Auch ihre Kollegin Katja Fuchs (auch ihr Name ist geändert), die Französisch und Musik an derselben Schule unterrichtet, beobachtet, dass es vielen daran mangelt. Fuchs unterrichtet eine fünfte Klasse in Musik. Für viele sei es nur ein „Spaßfach”, sie seien nicht bei der Sache und würden wegen jeder Kleinigkeit abschweifen. „Wenn hinten ein Stift runterfällt, wird es vorn kommentiert: Waaas, kannst du nicht mal einen Stift halten?” Daraufhin versuchten die Kinder, sich mit ihren Kommentaren gegenseitig zu überbieten. „Sie kämpfen die ganze Zeit darum, oben auf dem Podest zu stehen”, sagt Fuchs.

Mit 30 Einzelkämpfern im Klassenraum

Hat sich dieses Verhalten zuletzt verstärkt? Negative Verhaltensweisen hat das Schulbarometer im September 2021 erstmals abgefragt. Vergleicht man beide Messzeitpunkte, zeigt sich: Von Motivationsproblemen haben erst 68 Prozent der Lehrkräfte berichtet, dann 80 Prozent. Bei Konzentrationsproblemen stieg der Anteil von 67 auf 80 Prozent.

Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) stellt in einem gerade veröffentlichten Bericht fest, dass sich der Lernstand von Viertklässlern im Lesen und Zuhören gegenüber der ersten Erhebung im Jahr 2011 signifikant verschlechtert hat. 18,8 Prozent erreichen den Mindeststandard im Lesen nicht, beim Zuhören sind es 18,3 Prozent (gegenüber 12,4 bzw. 7,4 Prozent im Jahr 2011). Allerdings, so schreibt das IQB, lasse sich „nicht eindeutig feststellen”, inwieweit die Beobachtungen auf pandemiebedingte Schulschließungen und Distanzunterricht zurückzuführen sind.

Auch die beiden Lehrerinnen äußern sich vorsichtig. Sie verweisen darauf, dass sie erst ein paar Jahre im Beruf seien – und die Vergleichsmöglichkeiten vor Corona somit gering. Trotzdem beunruhige es sie, in welchem Maß sie mit Verhaltensauffälligkeiten konfrontiert werden. Wagner sagt, sie habe öfter das Gefühl, „mit 30 Einzelkämpfern” im Klassenraum zu sitzen.

Ein weinender Vater ruft an

Sie vermutet, dass viele Kinder in der vierten Klasse, mitten in der Pandemie, die volle Aufmerksamkeit mindestens eines Elternteils bekommen haben. „Alles wurde nachgefragt, es war sofort eine Antwort da.” Zudem hätten Lehrkräfte die Aufgaben im Digitalunterricht stark vereinfacht – so sehr, dass es vielen jetzt nicht mehr gelinge, mehr als zwei Sätze am Stück zu lesen. Kinder, deren Eltern in der Pandemie keine oder wenig Zeit hatten, versuchten jetzt, alles nachzuholen, mutmaßt Wagner. „Sie sind total bedürftig nach Anerkennung und permanenter Wahrnehmung der Individualität.”

84 Prozent der Befragten im Schulbarometer geben an, dass sie hoch oder sehr hoch belastet sind: müde, mental erschöpft, angespannt. Fuchs fühlt sich „am Anschlag”. Sie wolle gar nicht wissen, wie es wäre, wenn sie ein volles Deputat hätte, sagt sie. „Ich merke, dass es mich körperlich sehr anstrengt, in der Unterstufe ständig disziplinarisch tätig zu sein.” Hinzu kommen aufwendige Korrekturen in Französisch und die Leitung einer neunten Klasse.

„Eigentlich würde ich als Klassenlehrerin gern jeden Schüler fragen: Wie geht’s dir eigentlich? Aber das geht nicht, das kann ich nicht leisten”, sagt Fuchs. Zurzeit spricht sie regelmäßig mit zwei Schülerinnen und einem Schüler. Mit denen, die sie gerade am meisten brauchen. Der Schüler hat drei Monate in einer psychosomatischen Klinik verbracht. Nun muss er den verpassten Stoff aufholen. Sitzenbleiben will er auf keinen Fall. Die beiden Schülerinnen haben eine Depression entwickelt. Von ihnen will Fuchs wissen, was sie brauchen. Auch Eltern suchen Rat. „Vor ein paar Tagen rief mich ein Vater an, weinend. Er sagte, er sei völlig überfordert, weil sich seine Tochter so zurückzieht.” Bis vor Kurzem war sie eine der besten Schülerinnen der Klasse.

Das Hilfesystem war schon vor der Pandemie überlastet

Wie sich die Pandemie auf die Psyche auswirkt, zeigen einige Studien. Mehr Kinder und Jugendliche leiden an Depressionen und Angststörungen. Sie treffen auf ein Hilfesystem, das schon vor der Pandemie überlastet war. Die Wartezeiten für Therapien sind lang, in ländlichen Regionen bis zu zwei Jahre. Kliniken und Ambulanzen tun, was sie können. Auf Stationen haben sie zusätzliche Betten oder Sprechstunden eingerichtet, zum Beispiel in Landau. Andrea Kircher, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin sowie Geschäftsführerin der Psychotherapie-Ambulanz für Kinder und Jugendliche, hat gerade die wöchentliche Corona-Sprechstunde verlängert, weil sich immer mehr Schülerinnen und Schüler angemeldet hätten. „Sie erzählen uns, dass sie Angst haben zu versagen, den Schulstoff nicht zu beherrschen, sitzenzubleiben.”

Der Druck sei hoch, das sagt auch die Lehrerin Fuchs, und sie müsse ihn in irgendeiner Form weitergeben. Um niemanden zu verlieren, hält sie das Lerntempo so gering wie möglich. „Ich wäge ständig ab: Wie oft kann ich das gleiche Thema wiederholen? Wann muss ich mit neuen Inhalten beginnen?”

Schüler und Lehrer brauchten jetzt weniger Stoff und mehr Beziehungsarbeit, sagt Dagmar Wolf. Sie leitet den Bereich Bildung bei der Bosch-Stiftung und hat am Schulbarometer mitgearbeitet. „Wir müssen individuell hinschauen: Was braucht der oder die Einzelne?” Manche benötigen Nachhilfe, um Lerninhalte aufzuholen, andere brauchen jemanden zum Reden. Dabei seien Lehrkräfte auf Schulsozialarbeiterinnen und Psychologen angewiesen.

Im Schulbarometer geben fast drei Viertel der Lehrkräfte an, Zugang zur Schulsozialarbeit zu haben. Inwiefern sie den Bedarf decken, geht aus der Studie nicht hervor. Am Gymnasium von Fuchs und Wagner sind drei Schulsozialarbeiter mit jeweils weniger als einer halben Stelle beschäftigt. Alle drei pendeln zwischen verschiedenen Schulen. „Sie sind vollkommen überlastet”, sagt Wagner.

Wenn sie freitags das Schulgebäude verlässt, freut sie sich, am Wochenende immerhin einen halben oder einen ganzen Tag freimachen zu können. Im vergangenen Schuljahr war Wagner kurz vor den Sommerferien so beschäftigt, dass an Freizeit nicht zu denken gewesen sei. Nicht einmal an Schlaf. „Mehr als vier Stunden waren nicht drin.”