Dieser Artikel erschien am 18.06.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autorin: Marina Blecher

Hochschulreife auf Prüfstand : Studierende wünschen sich mehr Vorbereitung

Hochschulen beklagen große Wissenslücken bei Abiturienten. Wir haben Studierende gefragt, wie sie die Vorbereitung auf das Studium finden. Die Meinungen gehen auseinander.

Studentin in der Bibliothek
Studierende wünschen sich, von der Schule besser auf das Studium vorbereitet zu werden.
©dpa

Das Abitur ist in Deutschland in aller Regel die Voraus­setzung für ein Studium. Laut dem Präsidenten der Hoch­schul­rektoren­konferenz (HRK), Peter-Andre Alt würden vielen Abiturienten aller­dings wichtige Grundlagen fehlen, um gut vorbereitet in die Uni-Zeit zu starten. Vor allem in Studien­gängen, in denen Mathematik die Grund­lage sei, fehlten häufig Kenntnisse. Somit seien vor allem die Studien­gänge im Bereich der Ingenieurs- und Natur­wissen­schaften, aber auch Volks- und Betriebs­wirtschafts­lehre voll von über­forderten Studien­anfängern.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung geht sogar noch einen Schritt weiter: Sie meint, dass drei von vier Abiturienten fürs Studium ungeeignet sind. Es gebe jedoch große Unter­schiede darin, wie schnell sich Studien­anfänger an der Universität ein­gewöhnen. Besonders schnell würden sich demzufolge Studierende einleben, die eine solide Schul­aus­bildung absolviert haben, mit einem gesunden Selbst­bewusst­sein auf­gewachsen sind und ihren Studien­gang im Hinblick auf ihre Stärken und Schwächen aus­gesucht haben. Jedoch gebe es auch einige Studierende, die nur wenig Neigungen zur Wissen­schaft hätten und sich an der Universität dementsprechend schnell fehl am Platz fühlten.

Doch was sagen die Studierenden eigentlich selbst zu dem Vorwurf der schlechten Vorbereitung? FAZ.NET hat mit einigen von ihnen gesprochen – und lässt sie zu Wort kommen:

Sarah Becher studiert Betriebs­wirtschafts­lehre an der Universität zu Köln: „Ich hatte in meinem Studium keine Wissens­lücken, weil der mathematische Teil nochmal sehr gut wieder­holt wurde und alle auf den gleichen Stand gebracht wurden“, sagt sie. Aus Sorge, zu wenige Kenntnisse in Mathematik zu haben, hat sie einen Vorkurs mit­gemacht. Der hätte ihr aber nicht viel gebracht und sei viel schwieriger als das Mathe-Modul selbst gewesen.

Vera Evers studiert Sports Engineering an der TU Chemnitz. Sie hatte kein Problem mit den Mathe-Vorkenntnissen. Jedoch sei dafür der Mathe-Leistungs­kurs verantwortlich gewesen: „Mit dem Mathe-Grund­kurs hätte mir einiges an Grund­wissen gefehlt.“

Milena Zampich studiert Stadt- und Regional­planung an der Universität Kassel: „Ich hätte in der Schule gerne mehr fach­über­greifendes Wissen und Allgemein­wissen gelernt.“ Ihr fehlte in den ersten Semestern Wissen im Bereich Kunst­geschichte und Politik, weil das in der Schule nicht behandelt wurde.

Anne Gritto studiert Statistik und Informatik an der Ludwig-Maximilian-Universität in München: „Das Wissen aus dem Abitur hat mir nicht viel gebracht, da in der Uni die Mathe­fächer viel schwieriger sind. Ohne meine Vor­kenntnisse aus der Schule würde ich jedoch garnichts verstehen.“ Sie hat das Gefühl, dass ihre Kommilitonen teilweise mehr Vorwissen aus der Schule mit­nehmen konnten.

Ellen Diener studiert Physio­therapie an der Hochschule Furtwangen. Sie hätte sich in der Schule mehr Biologie gewünscht. Doch auch in Sport hat ihr einiges an Vor­wissen gefehlt, da ihre Schule keinen Sport-Leistungs­kurs anbot. „Im Sport-Grund­kurs hatte ich leider sehr wenig Theorie und die hat mir im Studium gefehlt. Jedoch wurde an meiner Uni mit den Grund­lagen angefangen und ich konnte gut folgen.“

Jamila Groun studiert den Studiengang Online-Redakteur an der TH Köln. „Ich habe mir etwas aus­gesucht, wo ich wusste, dass ich kein Mathe oder Rechnungs­wesen benötige.“ In ihrem Studium sind Deutsch­kenntnisse wichtiger und dort waren auch Lücken zu finden: „Die Dozenten bemerkten, dass bei einigen Studierenden große Wissens­lücken im Bereich Recht­schreibung und Grammatik vorhanden sind.“

Lea Davidis studiert Rechts­wissen­schaften an der Philipps-Universität Marburg. Sie ist sehr froh über ihr großes Latinum. Sie höre oft, dass Latein für ein Jura­studium wichtig sei, aber man brauche es nicht unbedingt. „Trotzdem helfen mir die Schul­kenntnisse, weil es immer lateinische Beziehungen gibt. Mein Latinum ist beim Verständnis sehr nützlich und man kann sich die Begriffe dadurch leichter merken.“

Kein Zusammenhang zwischen Schule und Uni

Insgesamt bestätigen die Studierenden also das Urteil der Hochschulen. Auch selbst finden sie, dass Wissens­lücken vorhanden sind. Diese sind jedoch bei jedem Studien­gang unter­schiedlich ausgeprägt. Einige Studierende bemerkten, dass es zwischen ihren Schul­fächern und den Fächern in ihrem Studien­gang kaum Zusammen­hänge gibt. Somit starteten alle Abiturienten ohne Vorwissen und konnten gut folgen. Trotzdem fühlen sie sich insgesamt schlecht auf die Universität vorbereitet. Einige Studierende wünschten sich zudem von ihren Schulen die Selbst­ständig­keit und das selbst­organisierte Lernen früher zu fördern.