Sitzordnung : Wie der Sitzplatz im Klassenraum das Lernverhalten beeinflusst

Zu Beginn eines neuen Schuljahres ist oft auch die Sitzordnung im Klassenzimmer ein Thema. Wer sitzt neben wem? Wie sollen die Tische angeordnet werden? Welche Kriterien spielen dafür eine Rolle? Das Thema Sitzordnung beschäftigt auch die Wissenschaft. Das Schulportal hat sich zwei Studien angeschaut und zusammengefasst, was Lehrerinnen und Lehrer daraus ableiten können.

Annette Kuhn 06. September 2021
Sitzordnung Kinder und Lehrer in einem Klassenraum
Die Nähe zur Lehrerin oder zum Lehrer wirkt sich positiv auf das Lernverhalten aus. Eine Sitzordnung sollte daher so gewählt sein, dass die Lehrkraft alle Kinder gut erreichen kann.
©Johner Images/Getty

In Zeiten des Frontalunterrichts war die Sitzordnung kein großes Thema: Die Schülerinnen und Schüler saßen gewöhnlich in Reihen. Und wenn man sie wählen ließ, platzierten sich Mädchen und Jungen, zumindest bis zu einem bestimmten Alter, gern getrennt. Ebenso klassisch war, dass vorn die eher leistungsstarken Schülerinnen und Schüler saßen und hinten diejenigen, die sich im Unterricht auch schon mal für andere Dinge interessierten.

Doch zu einem modernen Unterricht passen Reihen und Frontalunterricht schon lange nicht mehr. Heute wird im „U“ oder „E“, an Einzel-, Zweier- oder Gruppentischen, im Stuhlkreis oder auch mal ganz ohne Stuhl und Formation auf dem Boden gesessen.

Doch in welcher Anordnung die Schülerinnen und Schüler auch sitzen – sie haben Sitznachbarn. Eine gerade veröffentlichte Studie unter Beteiligung der Universität Leipzig hat nun untersucht, inwieweit man durch die Platzierung von Schülerinnen und Schülern nebeneinander Freundschaften provozieren und dadurch möglicherweise auch Einfluss auf ihr Lernverhalten und ihre Leistung haben kann. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „PLOS ONE“ veröffentlicht.

Leistungsstarke und Leistungsschwächere bleiben häufig unter sich

Erst mal sei es normal, dass sich Kinder und Jugendliche mit ähnlichem Hintergrund miteinander anfreunden und auch zusammensitzen wollen, sagt die Psychologin Julia Rohrer von der Universität Leipzig. „Das Phänomen nennt sich ,Homophilie‘ – Gleich und Gleich gesellt sich gern.“

So normal, so problematisch – zumindest für einige. Ungleichheiten würden dadurch nämlich verstärkt, sagt Rohrer. Gemeint ist etwa: Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten landen auch im Klassenzimmer beieinander und können sich gegenseitig nicht helfen.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Leipzig, der University of Wisconsin-Madison, USA, und des Centre for Social Sciences in Budapest haben nun in ihrer Feldstudie mit rund 3.000 Schülerinnen und Schülern der 3. bis 8. Klassen in Ungarn beobachtet, welche Auswirkungen es hat, wenn man die Kinder und Jugendlichen ein halbes Jahr lang in einer zufällig ausgewählten Ordnung nebeneinander platziert. Am Ende des Halbjahres sollten sie angeben, wer ihre besten Freundinnen oder Freunde sind.

Über die Sitzordnung lassen sich Freundschaften beeinflussen

Das Ergebnis: Tatsächlich freundeten sich die jungen Probandinnen und Probanden häufiger miteinander an, wenn sie nebeneinandersaßen. Die Wahrscheinlichkeit stieg von 15 auf 22 Prozent. Das galt auch für Schülerinnen und Schüler, die eher unterschiedlich waren – wenn auch seltener.

Saßen etwa Mädchen und Jungen nebeneinander, verdoppelte sich die Wahrscheinlichkeit einer Freundschaft, allerdings auf sehr niedrigem Niveau, von 2 auf knapp 4 Prozent. Größer war der Effekt bei Schülerinnen und Schülern mit unterschiedlichen Schulnoten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich anfreundeten, stieg bei einer festgelegten Sitzordnung um 6 Prozentpunkte auf 17 Prozent.

Der Effekt der Freundschaftsbildung ist zwar eher gering und wahrscheinlich nicht größer als bei anderen freundschaftsfördernden Maßnahmen. Interessant ist aber, zu sehen, inwieweit sich heterogene Freundschaften positiv auf die Schulleistungen auswirken und ob alle Kinder davon gleichermaßen profitieren. Das soll anhand der erhobenen Daten noch weiter untersucht werden, erklärt Julia Rohrer.

Ein Platz nahe der Lehrkraft wirkt sich positiv aufs Lernverhalten aus

Die Ergebnisse der vorliegenden Studie seien aber schon ermutigend: „Lehrer können in Schulklassen auf simple Art und Weise eingreifen und so ein diverseres Freundschaftsnetzwerk schaffen, von dem gerade benachteiligte Schüler profitieren könnten.“

Neben den Sitznachbarn spielt auch die Nähe zur Lehrerin oder zum Lehrer eine wichtige Rolle für das Lernverhalten. Eine 2019 veröffentlichte Studie aus Tübingen hat untersucht, wieweit ein Sitzplatz nahe der Lehrerin oder dem Lehrer Einfluss auf die Leistung und das Lernverhalten hat und welche Auswirkungen das wiederum auf die Sitzordnung haben kann.

Die Forscherinnen und Forscher der Graduiertenschule und des Forschungsnetzwerks LEAD an der Universität Tübingen nutzten ein für die Studie eigens programmiertes virtuelles Klassenzimmer. Die 81 Kinder aus 5. und 6. Klassen, die bei der Studie mitgemacht haben, erlebten darin mittels Virtual-Reality-Brillen die exakt gleiche Unterrichtssituation: entweder von einem Sitzplatz nahe bei der Lehrkraft oder in der letzten Reihe. Als Sitzordnung war eine „E“-Form gewählt.

Bei der Wahl der Sitzordnung ist entscheidend, dass die Anordnung der Tische zur jeweiligen Phase des Unterrichts passt.
Friederike Blume vom DIPF I Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation

Wer näher an der Lehrkraft sitzt, kann demnach besser lernen. Der Lernvorteil zeigte sich unabhängig von der Intensität von Selbstregulationsschwierigkeiten der Schülerinnen und Schüler. Es spielte also zum Beispiel keine Rolle, wie gut sie sich konzentrieren konnten. Um das Lernen von Schülerinnen und Schülern mit stärkeren Selbstregulationsschwierigkeiten besonders zu fördern, bräuchte es zusätzliche Unterstützungsmaßnahmen.

„Wichtig ist nun, zu überlegen, wie in einem Klassenzimmer alle Kinder gleichermaßen von der Nähe zur Lehrkraft profitieren können“, sagt die Erstautorin der Tübinger Studie, Friederike Blume, die im Bereich Bildungswissenschaften forscht und heute Habilitandin am DIPF I Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation ist.

Kinder sollten öfter mal den Platz wechseln

Dies könne beispielsweise erreicht werden, indem sich die Lehrkraft während des Unterrichts im Klassenraum bewegt. „Das setzt eine Anordnung der Tische voraus, die es der Lehrerin oder dem Lehrer überhaupt ermöglicht, zu jedem Kind zu gelangen.“ Klassische Reihen seien dafür eher ungeeignet. Da müsste es zumindest Durchgänge geben.

„Bei der Wahl der Sitzordnung ist auch entscheidend, dass die Anordnung der Tische zur jeweiligen Phase des Unterrichts passt“, so Blume. Die Sitzordnung sollte möglichst sowohl Einzel- als auch Gruppenarbeitsphasen ermöglichen oder ohne großen Aufwand zu ändern sein. „Wenn durch das Umstellen in jeder Stunde erst einmal große Unruhe entsteht, beeinträchtigt das die effiziente Nutzung der Unterrichtszeit und dadurch die Klassenführung.“

Alle Kinder müssen sich mit der Sitzordnung wohlfühlen

Nicht nur die Sitzordnung, sondern auch die Platzierung der Schülerinnen und Schüler im Klassenraum spielt eine wichtige Rolle für das Lernverhalten. Blume schlägt vor, die Schülerinnen und Schüler in regelmäßigen Abständen ihren Platz wechseln zu lassen. Neben der besseren Klassenführung können Lehrkräfte dabei auch der Heterogenität in einer Klasse so begegnen, dass Leistungsunterschiede nicht noch zusätzlich verstärkt werden.

„Es ist aber nicht damit getan, dass man einen leistungsschwächeren neben einen leistungsstärkeren Schüler setzt“, sagt Blume. „So lernt er nicht automatisch besser, sondern es muss Lernaktivitäten geben, die sich diese Heterogenität auch wirklich zunutze machen.“ Zum Beispiel könnten das Lernstrategien sein, wie stärkere den schwächeren Kindern Dinge erklären. An diese Aufgabe müssten sie aber erst mal herangeführt werden.

Bei der Verteilung der Schülerinnen und Schüler auf die Plätze rät die Psychologin zudem dazu, auch die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen zu berücksichtigen. Wenn die Lehrkraft allein über die Sitzordnung und die Platzverteilung im Klassenzimmer bestimme, könne das Widerstand provozieren und die Stimmung der Kinder und damit auch ihr Lernverhalten beeinträchtigen. „Statt Top-down sollte man besser mit den Kindern, zum Beispiel im Klassenrat, über die Sitzordnung sprechen.“ Kinder sollten eine Sitzordnung nicht als Strafe empfinden. Das Ergebnis müsse sein, dass alle mit der Sitzordnung einverstanden sind und Vorteile von ihr haben.

Mit dpa

Mehr zum Thema

Bevor Lehrerinnen und Lehrer sich eine Sitzordnung für ihre Klasse überlegen, sollten sie sich einige Fragen stellen, rät Friederike Blume vom DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation:

  • Welche Ziele verfolge ich mit der Sitzordnung? Hier biete es sich an, eine Prioritätenliste zu erstellen. Soll durch die Sitzordnung vor allem eine bessere Klassenführung erreicht werden? Oder wie kann die Sitzordnung kooperative Lernsettings unterstützen? Lässt sich über die Sitzordnung die Sozialkompetenz der Schülerinnen und Schüler stärken?
  • Kann ich alle Schülerinnen und Schüler auf ihren Plätzen gut erreichen?
  • Hat jedes Kind einen Platz, der seinen Bedürfnissen entspricht? Diese Frage stellt sich insbesondere dann, wenn in einer Klasse Kinder mit Einschränkungen sind – wenn sie zum Beispiel im Rollstuhl sitzen, schlecht hören oder schlecht sehen oder Konzentrationsprobleme haben.
  • Fühlt sich jedes Kind auf seinem Platz wohl, und kann es gut zusammen mit seinem Sitznachbarn oder seiner Sitznachbarin arbeiten?
  • Stigmatisiere ich möglicherweise jemanden, wenn ich sie oder ihn auf einen bestimmten Platz setze? Hier ist es wichtig, die sozialen Strukturen in der Klasse zu berücksichtigen, insbesondere wenn es Mobbing-Vorfälle gab oder gibt.
  • Wichtig ist außerdem, ein paar Wochen später noch mal zu überprüfen: Habe ich meine Ziele erreicht? Diese Frage geht im Unterrichtsalltag oft unter.

Anregungen aus der Praxis

Anregungen zum Thema Sitzordnung und der damit verbundenen Lernmöglichkeiten geben auch die Konzeptfilme des Schulportals von Schulen.

Der folgende Film zeigt, wie die Schülerinnen und Schüler in der IGS Franzsches Feld in Braunschweig in Tischgruppen soziale Kompetenzen trainieren und kooperative Arbeitsmöglichkeiten erlernen:

YouTube

Mit Klick auf „Video laden“ stimmen Sie zu, dass Youtube Cookies setzt und Daten (z.B. IP-Adresse) erhebt, die auch der Analyse des Nutzungsverhaltens, zum Ausspielen individualisierter Werbung im Google Werbenetzwerk oder der Verknüpfung mit einem Google-Konto dienen und in Drittländer (z.B. USA) übertragen werden können. Die Einwilligung ist freiwillig und jederzeit widerrufbar. Details finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und bei Google.

Video laden


In der Montessori-Oberschule Potsdam kommen die Schülerinnen und Schüler erst einmal in leere Räume und entwickeln ihre Sitzordnung selbst. Wie das geht und welche neuen Lernstrukturen sich daraus ergeben, zeigt dieses Video:

YouTube

Mit Klick auf „Video laden“ stimmen Sie zu, dass Youtube Cookies setzt und Daten (z.B. IP-Adresse) erhebt, die auch der Analyse des Nutzungsverhaltens, zum Ausspielen individualisierter Werbung im Google Werbenetzwerk oder der Verknüpfung mit einem Google-Konto dienen und in Drittländer (z.B. USA) übertragen werden können. Die Einwilligung ist freiwillig und jederzeit widerrufbar. Details finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und bei Google.

Video laden