Didaktik : Was macht guten Sportunterricht aus?

Zeitgemäßer Sportunterricht setzt nicht auf Bestleistungen, sondern auf verschiedene Perspektiven und Kriterien. „Schneller, höher, weiter“ darf nicht das einzige Kriterium im Sportunterricht sein. Sportdidaktikerin Julia Hapke erklärt im Interview mit dem Schulportal, wie Kreativität im Sportunterricht aussehen kann und wie auch weniger sportaffine Kinder sich für Bewegung begeistern lassen können.

Annette Kuhn 18. Mai 2021 Aktualisiert am 08. Juni 2021 2 Kommentare
Sportunterricht Jugendliche in einer Turnhalle
Kinder und Jugendliche sollten im Sportunterricht erleben, in welcher Weise Sport und Bewegung für ihr Leben sinnvoll ist.
©Michael Gottschalk/Photothek via Getty Images

Deutsches Schulportal: Brauchen wir eine Reform des Sportunterrichts?
Julia Hapke: Da sich die Sport- und Bewegungskultur permanent ändert, muss sich auch der Unterricht, der darauf vorbereitet, permanent weiterentwickeln. Die Idee, dass man einmal festlegt, wie Sportunterricht sein und wie er dann 20 Jahre bleiben soll, funktioniert nicht. Von daher brauchen wir ein ständiges Reformbestreben.

Wenn ich in die Curricula schaue, finde ich das, was heute für den Sportunterricht angedacht wird, auch recht zeitgemäß. Allerdings sieht es in der Praxis oft anders aus.

Da hört man ja auch heute noch Horrorgeschichten: Ball ins Gesicht bekommen, als letztes Kind ins Team gewählt, beim Aufschwung versagt. Müssen solche Erfahrungen heute noch sein?
Sicher gibt es auch heute Schülerinnen und Schüler, die solche beschämenden und verletzenden Erfahrungen immer noch machen. Das sollte natürlich nicht sein. Auch in anderen Fächern kommt das vor, aber im Sport ist da noch die Körperlichkeit als besondere Komponente. Die leibliche Exponiertheit und die Angst vor körperlicher Unversehrtheit spielen in anderen Fächern ja weniger eine Rolle.

Vieles hängt von den einzelnen Sportlehrerinnen und Sportlehrern ab. Sie bringen ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit. Angefangen vom Alter, über die Sportarten, von denen sie kommen, bis hin zur Ausbildung, die sie erlebt haben. Hinzu kommt, dass ihnen der Sportunterricht in ihrer Kindheit ja meist Spaß gemacht hat, sie beschämende Situationen kaum selbst erlebt haben.

Aktuell mache ich eine Studie mit Sportstudierenden im Lehramt und war in den Gruppendiskussionen überrascht, wie reflektiert die Studierenden mit diesem Thema umgehen. Sie haben immer wieder angesprochen, dass Schülerinnen und Schüler, die nicht so sportaffin sind, schlechte Erfahrungen im Sportunterricht machen können. Und sie haben viel darüber nachgedacht, wie sich das verhindern lässt.

Im Zentrum geht es heute nicht um „Sportarten“, sondern um „Bewegungsfelder“

Wie sieht denn ein guter und zeitgemäßer Sportunterricht heute aus?
Kinder sollen verstehen, dass und auf welche Weise Sport und Bewegung für ihr Leben sinnvoll sein können – zum Beispiel, indem sie Freude in sportlicher Betätigung erleben, aber auch, indem sie verstehen, dass die Sport- und Bewegungskultur von Menschen gemacht und somit veränderbar ist. Sie sollen in diesem vielgestaltigen und vieldeutigen Gesellschaftsbereich handlungsfähig werden, also ihr eigenes Sport- und Bewegungshandeln eigenständig und eigenverantwortlich gestalten.

Es geht nicht mehr darum, in sportlichen Disziplinen ganz bestimmte und genormte Fähigkeiten zu erwerben. Die Sport- und Bewegungskultur von heute lässt sich auch gar nicht mehr in einem bestimmten Kanon von Sportarten repräsentieren. Sie ist allein durch die Fitnesskultur und andere informelle Bewegungsangebote vielfältiger geworden.

Julia Hapke
Julia Hapke ist Juniorprofessorin für Fachdidaktik des Sports an der Universität Tübingen.
©Christoph Jäckle/Universität Tübingen

In vielen Bildungsplänen ist deswegen heute auch nicht mehr von „Sportarten“, sondern von „Bewegungsfeldern“ die Rede. Die sind deutlich breiter angelegt.

Im Bewegungsfeld „Bewegen im Wasser“ geht es zum Beispiel nicht nur ums Bahnenschwimmen unter Zeitdruck, sondern Kinder können sich auch ein Spiel für die Gruppe ausdenken, oder sie können sich überlegen, wie sie nicht möglichst schnell, sondern schön oder synchron von einer Seite zur anderen kommen. Schülerinnen und Schülern sollen angeregt werden, Neues auszuprobieren, auch neue Möglichkeiten eines Sportgeräts zu entdecken. Damit sie das können, müssen sie natürlich vorher gewisse Fertigkeiten, Fähigkeiten und Kenntnisse erlernen. Wenn ich nicht weiß, wie ich mich über Wasser halten kann, dann kann ich auch mit dem Element Wasser nichts anfangen, kann darin nicht gestalterisch werden und verschiedene Perspektiven einnehmen.

Zwischen dem, was in der Wissenschaft diskutiert wird, und dem, was davon in die Bildungspläne einfließt und dann von Sportlehrerinnen und Sportlehrern umgesetzt wird, bestehen jeweils Brüche.

Was meinen Sie mit „verschiedene Perspektiven“?
Ein zentrales Prinzip zur Anbahnung von Handlungsfähigkeit ist Mehrperspektivität. Je nachdem aus welchem Motiv heraus man sich mit Sport beschäftigt, entdeckt man auch verschiedene Seiten. Sport verfolgt ja erst einmal keinen bestimmten Zweck. Man wirft den Ball beim Basketball ja nicht in den Korb, damit er da drinbleibt, sondern weil man das Werfen selbst als sinnstiftend erlebt. Worin der Sinn gesehen wird, ist individuell sehr verschieden. Die einen machen Sport, weil es ihnen guttut oder weil es gesund ist. Andere, weil sie dort auf Gleichgesinnte treffen und mit ihnen interagieren können. Wieder andere suchen im Sport die Herausforderung, wollen sich waghalsigen Situationen stellen und mit ihrer Angst spielen. Und natürlich suchen einige auch den Leistungsvergleich. Ein zeitgemäßer Sportunterricht lässt Schülerinnen und Schüler ein Bewegungsfeld aus all diesen verschiedenen Perspektiven betrachten.

Die pädagogischen Freiheiten im Sportunterricht sind groß

Wird dieser Ansatz tatsächlich überall im Sportunterricht verfolgt?
Zwischen dem, was in der Wissenschaft diskutiert wird, und dem, was davon in die Bildungspläne einfließt und dann von Sportlehrerinnen und Sportlehrern umgesetzt wird, bestehen jeweils Brüche. Die pädagogischen Freiheiten der Lehrkräfte sind groß, es gibt ja im Sportunterricht keine Vergleichstests. Und die Ansichten dazu, welche Aufgabe der Sportunterricht hat, sind auch sehr unterschiedlich. Einige sehen die Hauptaufgabe des Sportunterrichts in einer Kompensation zu den anderen Fächern. Kinder sollen sich im Sportunterricht bewegen, weil sie dies in den anderen Fächern nicht können. Alles andere ist dann nicht mehr so wichtig. Das degradiert das Fach allerdings und reduziert es auf eine Art Bewegungspause, ohne eigenen Bildungsauftrag.

Und es gibt auch viele Lehrkräfte, die sich an älteren Bildungsplänen orientieren, in denen es um bestimmte Leistungen in bestimmten Sportarten ging.

Wie kann das denn überhaupt funktionieren, dass alle Kinder, trotz ihrer Unterschiedlichkeit, gleiche Leistungen erbringen sollen?
Diese Frage stellt sich auch in anderen Fächern. Allerdings kommt im Sportunterricht die körperliche Diversität dazu. Beim Hochsprung ist eine größere Person natürlich im Vorteil. Noch viel bedeutsamer ist aber, welche sportlichen Vorerfahrungen die Schülerinnen und Schüler mitbringen, ob sie zum Beispiel außerhalb der Schule noch in einem Sportverein aktiv sind. All das muss im Sportunterricht berücksichtigt werden. Gerade deshalb eignet sich das Prinzip der Mehrperspektivität sehr gut.

Man muss einen Wurf oder Sprung nicht nur danach bewerten, wie weit er ist. Es können ja auch weitere Kriterien dazukommen: Zum Beispiel könnte man darauf schauen, wie schön oder wie ungewöhnlich oder wie lustig ein Sprung ist.

Wie lassen sich vor dem Hintergrund Leistungen im Sportunterricht überhaupt beurteilen und miteinander vergleichen? Inwieweit ist Notengebung im Sportunterricht sinnvoll?
Die Mehrperspektivität muss sich natürlich auch in der Bewertung wiederfinden. Leistungstabellen, wie sie bei den Bundesjugendspielen genutzt werden, sollten nicht als einzige Norm dienen. Man muss einen Wurf oder Sprung nicht nur danach bewerten, wie weit er ist. Es können ja auch weitere Kriterien dazukommen: Zum Beispiel könnte man darauf schauen, wie schön oder wie ungewöhnlich oder wie lustig ein Sprung ist. Über diese Kriterien sollten die Schülerinnen und Schüler mitentscheiden. Diese Mitbestimmung ist im Sportunterricht ganz wichtig. Sie ist zentraler Bestandteil der Handlungsfähigkeit.

Außerdem muss es eine individuelle Norm geben. Hiermit kann man die körperlichen Voraussetzungen und die Leistungsentwicklung eines Kindes berücksichtigen.

Eine zeitgemäße Leistungsbeurteilung gestaltet sich im Sportunterricht somit recht komplex. Das stellt natürlich hohe Anforderungen an die Lehrkräfte. Aber es ist auch ein wichtiges Instrument der Rückmeldung. Und Rückmeldung ist zentral für erfolgreiche Lernprozesse.

Und es gibt auch noch ein politisches Argument: Ohne Noten besteht die Gefahr, dass das Fach weiter marginalisiert wird.

Kein Fach fällt so oft aus wie Sport

Bekommt der Sportunterricht in der Schule genug Raum?
Auch hier unterscheiden sich Theorie und Praxis. An sich hat Sport im Fächerkanon eine wichtige Rolle. Nach Deutsch und Mathe ist Sport das Fach, in dem Schülerinnen und Schüler über ihre Schulkarriere hinweg am meisten Unterricht haben. Das Fach gibt es die ganze Schulzeit hindurch. Aber tatsächlich fällt kein Fach so oft aus wie Sport. Und oft wird es statt wie geplant dreistündig doch nur zwei Stunden in der Woche unterrichtet.

Wie groß der Stellenwert ist, hat man ja auch während der Corona-Zeit gesehen. Klar, Sport lässt sich nicht so einfach digital unterrichten, aber es gibt schon Möglichkeiten. Tatsächlich aber fand Sportunterricht mit wenigen Ausnahmen zeitweise einfach überhaupt nicht statt. Es gab keine wirklichen Konzepte, ihn zu ersetzen.

Wie hätte man denn aus Ihrer Sicht den Sportunterricht während der Corona-Pandemie weiterführen können?
Es gibt sehr viele Sport- und Bewegungsangebote in den sozialen Medien. Das ist definitiv ein Thema für den Sportunterricht. Man sollte – auch über die Corona-Zeit hinaus – die digitalen Angebote zum Thema machen. Hier ist aber entscheidend, dass die Kinder und Jugendlichen von ihren Lehrkräften nicht einfach nur dazu angehalten werden, diese Programme im Netz mit- oder nachzumachen. Da diese Angebote sehr ungefiltert verfügbar sind, müssen Heranwachsende lernen, sinnvoll damit umzugehen. Sie müssen erkennen können, ob es Sinn macht, einer Person und deren Bewegungsprogrammen zu folgen.

In der Corona-Pandemie hätten Schülerinnen und Schüler zum Beispiel verschiedene Angebote ausprobieren und in anschließenden Online-Lernformaten gemeinsam mit den Lehrkräften Beurteilungskriterien entwickeln können. Über entsprechende Aufgaben und im gemeinsamen Austausch hätte die Klasse dann herausfinden können, welche Angebote sich eignen und welche eher nicht.

Zur Person

  • Julia Hapke ist seit 2017 Juniorprofessorin für Fachdidaktik des Sports an der Eberhard Karls Universität Tübingen.
  • Zuvor hat sie für das Lehramt am Gymnasium Sport und Deutsch studiert und war danach wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sportwissenschaft und Sport der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Dort hat sie zum Thema „Erziehender Sportunterricht zwischen Anspruch und Wirklichkeit – eine differenzanalytische Untersuchung zur Umsetzung pädagogischer Perspektiven“ promoviert.
  • Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem die Professionalisierung in der Sportlehrerbildung, die Evaluation mehrperspektivischen Sportunterrichts, Gesundheitsbildung in Sportunterricht und Sportlehrerbildung und digitale Bildung im Sport.