Sommerschule : Unterricht, wenn andere Ferien machen

In vielen Bundesländern gibt es in diesem Jahr zusätzliche Unterrichtsangebote in den Ferien. Die Sommerschule soll helfen, Lernrückstände, die in der Corona-Zeit entstanden sind, aufzufangen. Das Schulportal hat sich vor Ort in der Oberschule Kitzscher in Sachsen angeschaut, wie so ein Programm abläuft, was es bringt, und gefragt, wieso die Kinder in der Ferienzeit freiwillig zum Unterricht kommen.

Annette Kuhn / 28. Juli 2020
Studentin Victoria Schulz mit Kindern in der Sommerschule
Victoria Schulz unterrichtet in der Sommerschule an der Oberschule Kitzscher Mathe. Die Lehramtsstudentin hat im März ein Praktikum an der Schule begonnen.
©Annette Kuhn

Das Schulgebäude ist eingerüstet. Überall wird gebohrt und gehämmert. Nichts deutet darauf hin, dass an der Oberschule Kitzscher in der ländlichen Region südlich von Leipzig noch Unterricht stattfindet. Es haben ja auch gerade die Sommerferien begonnen. Doch gegen 7.30 Uhr kommen ein paar Kinder und Jugendliche mit Schulrucksack aufs Gelände und gehen in das von Bauarbeiten verschonte Nebengebäude. Normalerweise ist das der Jugendtreff, in dem die Betreuung nach Unterrichtsschluss stattfindet. In der ersten Ferienwoche aber findet hier die Sommerschule statt.

Wie in anderen Bundesländern auch gibt es an vielen Schulen in Sachsen in diesen Ferien zusätzliche Unterrichts- oder Förderangebote. Ziel dieser Programme ist es,  mögliche Lerndefizite aufzufangen, die durch die Corona-Krise entstanden sind. Niemand soll dazu verpflichtet werden – die Teilnahme ist für Schulen, Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler freiwillig.

Die Sommerschule ist in Sachsen nur an den weiterführenden Schulen vorgesehen

In Sachsen ist das Angebot nur für Schülerinnen und Schüler der weiterführenden Schulen vorgesehen. Sie konnten wegen der Hygieneregeln bis zu den Sommerferien nur blockweise oder tageweise zum Präsenzunterricht kommen. Im Primarbereich hatte Sachsen hingegen einen Sonderweg eingeschlagen: Die Grundschulen waren bereits seit Mitte Mai für alle Kinder wieder geöffnet. Daher sind hier weniger große Lernrückstände zu befürchten.

„Die Sommerschule kann helfen, die Schülerinnen und Schüler wieder an das sonst übliche Leistungsniveau und an das Lernen heranzuführen“, sagte Kultusminister Christian Piwarz (CDU) bei der Vorstellung des Programms im Juni. Das sächsische Kultusministerium hält für das Förderprogramm bis zu elf Millionen Euro bereit. Mit diesem Geld können Schulen zum Beispiel mit Lehramtsstudierenden, Senior-Lehrkräften oder Sozialpädagogen kurzfristig Verträge abschließen.

In Sachsen ist die Sommerschule in der ersten und fünften Ferienwoche vorgesehen. Die Oberschule in der 5.000-Einwohner-Stadt Kitzscher hat sich für die erste Woche entschieden, vor allem weil sich das mit den Bauarbeiten im Haus besser koordinieren lässt.

Alle haben für die Sommerschule Bedarf in Mathematik angemeldet

Rund 20 Schülerinnen und Schüler haben sich für das Programm an der Schule angemeldet – ein knappes Zehntel der insgesamt 237 Schülerinnen und Schüler. „Den Bedarf haben wir bei den Eltern abgefragt“, erklärt Schulleiterin Dagmar Schulz, „und dabei auch um die Angabe der Fächer und konkreter Themen gebeten, bei denen sie Lücken sehen.“ Sie hat eine große Tabelle angefertigt mit allen Namen und Lern-Wünschen. Was dabei sogleich auffällt: Alle haben Bedarf in Mathematik angemeldet.

Die Sommerschule in Kitzscher besteht aus zwei Lerngruppen – eine mit Kindern der fünften und sechsten Klassen, eine andere mit Jugendlichen der siebten bis neunten Klassen. An vier Tagen gibt es für jede Gruppe zwei Unterrichtsblöcke, in denen jeweils anderthalb Stunden Mathe, Deutsch und Englisch unterrichtet wird. Dazu kommt ein gemeinsamer Exkursionstag ins Mitmach-Museum Inspirata nach Leipzig, wo beide Gruppen jeweils unterschiedliche naturwissenschaftliche Experimente machen können.

Das ist für mich eine gute Praxiserfahrung, die mir im März verlorengegangen ist.
Lehramtsstudentin Victoria Schulz

Beim Besuch des Schulportals in der Sommerschule Kitzscher stehen Mathe und Englisch auf dem Programm. Die zwei Schülerinnen und zwei Schüler der fünften und sechsten Klasse sitzen in einem Raum, der sonst als Küche und Essraum dient. Als Tafel wurde ein Flipchart in den Raum gestellt, an dem Victoria Schulz die Grundsätze des Bruchrechnens wiederholt. Ohne die Corona-Krise wäre die Studentin jetzt vielleicht in einer Vorlesung, aber in diesem Jahr ist alles anders – in der Schule wie an der Universität. Schulz studiert im achten Semester in Leipzig. In den Wintersemesterferien hatte sie an der Oberschule Kitzscher gerade ein Praktikum begonnen, als die Schule schließen musste. Dann hatte die Schulleitung sie gefragt, ob sie in der Sommerschule Mathematik unterrichten will. Sie hat gleich zugesagt, „denn das ist für mich eine gute Praxiserfahrung, die mir im März verloren gegangen ist“.

In Mathematik werden in der Sommerschule Grundrechenarten wiederholt

Victoria Schulz hatte am ersten Tag noch Unterstützung von einem Mathematiklehrer der Schule. Gemeinsam haben sie den Lernstand der Kinder abgefragt, und jetzt konzentriert sich die angehende Lehrerin vor allem auf das Wiederholen und Üben der Grundrechenarten. Am Flipchart geht es gerade um das Erweitern von Brüchen, und sie fragt in die Runde, ob jemand weiß, wie das funktioniert. Allgemeines Kopfschütteln, und Felix gesteht: „Das habe ich nie kapiert.“ Victoria Schulz erklärt das Prinzip mit verschiedenen Beispielen und Ansätzen. Schon zehn Minuten später ruft Felix: „Krass, jetzt hab ich’s!“ Es ist eines der Erfolgserlebnisse des Tages.

Im Raum schräg gegenüber – normalerweise der Tischtennisraum – sitzen an Einzeltischen die älteren Schülerinnen und Schüler. Pinkas Ruth macht mit den elf Jugendlichen Englisch. Seit einem Jahr ist der Lehrer für Ethik und Englisch an der Schule, es ist seine erste Station nach dem Referendariat. Als im Kollegium gefragt wurde, wer denn bei der Sommerschule mitarbeiten würde, hat er gleich zugesagt – auch wenn das Engagement der Lehrkräfte in Sachsen nicht zusätzlich bezahlt wird. Er findet die Initiative gut, und ihm gefällt auch das jahrgangsübergreifende Arbeiten.

In der Fachschaft wurden zuvor die Themen für die Sommerschule abgesprochen

Er will mit den Schülerinnen und Schülern ein Karteikartensystem zum Lernen von Vokabeln erarbeiten und schließt dabei gleich ein paar Übungen an, mit denen die Jugendlichen die Vokabeln anwenden und Sätze bilden können. „Wir haben in der Fachschaft zuvor abgesprochen, was sinnvoll wäre. Da die Kinder aus der siebten, achten oder neunten Klasse kommen, manche im Hauptschul- und andere im Realschulzweig sind, erschien es uns am besten, die Methodenkompetenz in Englisch zu stärken“, erklärt Ruth. Dabei spielten die großen Unterschiede im Niveau keine so große Rolle, weil alle Schülerinnen und Schüler nach ihren Möglichkeiten arbeiten könnten.

Die Sommerschule wird nicht ausreichen, die fachlichen Defizite vollständig auszugleichen. Das wird Aufgabe der Schulen im kommenden Schuljahr sein.
Christian Piwarz (CDU), Kultusminister in Sachsen

So unterschiedlich das Niveau der Schülerinnen und Schüler, so verschieden sind auch die Beweggründe, wieso sie die erste Ferienwoche noch in der Schule verbringen. Die 15-jährige Tabea kommt jetzt in die zehnte Klasse. „Noten sind bei mir kein Problem, aber im nächsten Jahr habe ich ja die Prüfungen. Jetzt weiß ich gar nicht, ob ich darauf richtig vorbereitet bin“, sagt sie. Gerade das Auffrischen in Mathe findet sie wichtig. Als ihre Eltern das Angebot der Sommerschule bekommen haben, hat sie von sich aus gesagt, dass sie teilnehmen will. Auch der elfjährige Lukas aus der fünften Klasse war gleich bereit: „Mir ist sonst langweilig, da passt das ganz gut. Außerdem sehe ich ein paar Freunde, und ich lerne in der Schule auch besser als zu Hause.“

Zur Sommerschule angemeldet sind nicht immer die Kinder, die wirklich Defizite haben

Bei den meisten anderen waren es aber die Eltern, die ihre Kinder geschickt haben. Allerdings sind es nicht unbedingt die lernschwächeren Kinder, die die Sommerschule besuchen. „Wir hätten uns gewünscht, dass mehr Kinder angemeldet werden, die tatsächlich große Lernrückstände haben“, erklärt die Schulleiterin, „jetzt sind einige dabei, die relativ gute Leistungen haben, aber die durch die Corona-Zeit verunsichert sind.“

Das Thema Lernrückstände wird daher sicher auch im neuen Schuljahr eine große Herausforderung bleiben. „Die Sommerschule wird nicht ausreichen, die fachlichen Defizite vollständig auszugleichen. Das wird Aufgabe der Schulen im kommenden Schuljahr sein“, hat auch Kultusminister Christian Piwarz (CDU) schon im Juni gesagt.

Viel Luft, um Lernrückstände aufzufangen, gebe es allerdings nicht im Lehrplan, weiß Schulleiterin Schulz. Sie hat eine Fachgruppe eingerichtet, die in der Vorbereitungswoche, bevor der Unterricht wieder beginnt, den Iststand analysieren und überlegen soll, wie an den Defiziten gearbeitet werden kann. „Das ist eine echte Herausforderung und bedarf einer guten Planung“, sagt Schulz. Um Raum zu schaffen und Synergien zu erzeugen, will sie nun an der Schule auch verstärkt fächerübergreifend arbeiten.

Online-Lernangebote können beim Üben und Wiederholen unterstützen

Und noch etwas ist ihr wichtig: „Die Kompetenz, die wir jetzt erwerben mussten, darf nicht wieder verloren gehen.“ So soll der Online-Unterricht weiter eine Rolle spielen. An ihrer Schule habe das mit Einführung der Plattform LernSax auch in den vergangenen Wochen gut geklappt. „Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass wir einen Online-Lerntag einrichten, an dem die Schülerinnen und Schüler zu Hause arbeiten und das Kollegium den Tag für Fortbildungen nutzen kann. Das würde auch wieder etwas Luft in dem herausfordernden Schuljahr schaffen. Außerdem könnten Online-Lernangebote auch eine gute Ergänzung für Schülerinnen und Schüler sein, Lernstoff zu Hause zu wiederholen und zu festigen.

Schüler und Lehrer im Klassenraum bei der Sommerschule
Englischlehrer Pinkas Ruth hat gleich seine Unterstützung zugesagt, als die Oberschule Kitzscher beschlossen hat, in der ersten Ferienwoche eine Sommerschule anzubieten.
©Annette Kuhn
Sommerschule Kinder beim Unterricht
Knapp jedes zehnte Kind der Oberschule Kitzscher ist bei der Sommerschule dabei. Viele wollen sich einfach verbessern, weil sie durch den fehlenden Präsenzunterricht unsicher sind, wo sie stehen.
©Annette Kuhn
Somerschule in Kitzscher Pause auf dem Sportplatz
Der Unterricht in der Sommerschule in Kitzscher ist in zwei Blöcke aufgeteilt. Dazwischen gibt es eine große Pause.
©Annette Kuhn

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  • Programme im Rahmen einer Sommerschule laufen bereits in den Bundesländern, die früh in die Ferien gestartet sind, zum Beispiel in Berlin, Hamburg, Schleswig-Holstein.
  • Entsprechende Förderprogramme sind auch in Baden-Württemberg, Bayern, Bremen, Hessen und Rheinland-Pfalz Meist in den letzten Ferienwochen. Oft werden dabei auch Studierende und vor allem Lehramtsanwärter eingesetzt. Rheinland-Pfalz hat zum Beispiel eine Kooperation mit dem Verein „Corona School“ beschlossen. Das ist eine Initiative von Studierenden, die sich gleich zu Beginn der Corona-Krise gegründet hat, um Kinder und Jugendliche in der Zeit des Fernunterrichts zu unterstützen.
  • Zum Teil findet die Förderung auch mit außerschulischen Partnern statt, zum Beispiel Volkshochschulen, Jugendeinrichtungen, Museen. Eher eine Mischung aus Förderprogramm und Freizeitangeboten ist zum Beispiel in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen oder Brandenburg
  • In Sachsen-Anhalt wurde bereits in den Pfingstferien das Projekt „Sommerschule“ getestet. Das Angebot fand zwar guten Zulauf, aber für die Sommerferien verzichtete das Kultusministerium darauf, das Programm weiterzuführen. Ein Grund dafür ist, dass gerade im ländlichen Raum während der Sommerferien viel weniger Transportmöglichkeiten für die Kinder zur Verfügung stehen.
  • Die Programme sind überall freiwillig. Die Teilnahme ist für die Kinder kostenlos. Empfehlungen sprechen meist die Lehrkräfte aus. Zum Teil gibt es aber auch über die Eltern Abfragen nach dem Bedarf.