Grundschule : Sollten Kinder eine Schreibschrift lernen?

Schreibschrift oder Druckbuchstaben? Tippen auf der Tastatur oder per Hand schreiben? Wie die Kinder das Schreiben lernen, wird unterschiedlich gehandhabt und auch immer wieder diskutiert. Viele Schulen verzichten mittlerweile auf das Erlernen der verbundenen Ausgangsschrift – auch Schreibschrift genannt – und setzen stattdessen auf die Grundschrift, die auf den Druckbuchstaben basiert. Nun wollen sich die Länder auf eine verbundene Schreibschrift einigen. Das hatte die KMK in ihrer Ländervereinigung vom Oktober 2020 beschlossen.

Florentine Anders 30. Juni 2021 Aktualisiert am 30. September 2021 4 Kommentare
Die verbundene Schreibschrift wird nicht mehr an allen Schulen gelehrt. Der Grundschulverband plädiert stattdessen für die Grundschrift.
©Patrick Pleul/dpa

Dass Kinder in der Grundschule Schreiben lernen sollen, ist unumstritten. Doch um das „Wie“ ist seit Jahren eine kontroverse Diskussion im Gange. Ein Grund für die Debatte sind die unterschiedlichen Vorgaben dazu in den Bundesländern. Viele Schulen verzichten mittlerweile auf das Erlernen der verbundenen Ausgangsschrift (Schreibschrift) und setzen stattdessen auf die Grundschrift, die auf den Druckbuchstaben basiert. Ohnehin lernen die Kinder in der Schule zuerst die Druckbuchstaben. Der zweite Schritt –  das Erlernen der Schreibschrift – ist mühsam, zeitaufwendig und bringt aus der Sicht der Wissenschaft wenig. Die Bildungsstandards der KMK geben vor, dass Schülerinnen und Schüler eine individuelle „gute lesbare Handschrift flüssig schreiben”. Doch das soll sich ändern. In ihrer Ländervereinbarung vom 15. Oktober 2020 hatte sich die KMK darauf verständigt, dass die Kinder in der Grundschule einheitlich eine verbundene Schreibschrift nach einem normierten Konzept lernen sollen. Eine Arbeitsgruppe wurde gebildet, in der nun darüber entschieden werden soll, welches Konzept zur Anwendung kommen soll. In der Siegener Erklärung plädieren Deutschdidaktikerinnen und Deutschdidaktiker der Universität Siegen für die bundesweite Einführung der sogenannten Schulausgangangsschrift (SAS). Die Expertinnen und Experten haben dazu auch eine Petition an die Kultusministerinnen und Kultusminister gestartet.

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften haben am 29. September 2021 einen Sammelband zur Lage der deutschen Sprache in den Schulen vorgelegt. Mit Blick auf die Debatte, welche Schrift an den Grundschulen gelehrt werden sollte, plädiert Projektleiterin Ursula Bredel von der Stiftung Universität Hildesheim für eine verbundene Schrift (das heißt, für eine Schreibschrift, die nicht nach Druckbuchstaben aussieht). Bredel spricht sich dabei ebenfalls für die sogenannte Schulausgangsschrift aus (SAS).

 

Welche Schreibschrift lernen Kinder in der Grundschule?

Je nach Bundesland und Lehrkraft erlernen die Kinder in der Grundschule die Lateinische Ausgangsschrift, die Vereinfachte Ausgangsschrift, die Schulausgangsschrift oder die Grundschrift.

Was ist die Lateinische Ausgangsschrift (LA)?
Die Lateinische Ausgangsschrift wurde 1953 in Deutschland eingeführt. Die verschnörkelte Schrift mit vielen Drehrichtungswechseln vor allem bei den Großbuchstaben ist für viele Kinder schwer zu erlernen. Bei der Lateinischen Ausgangsschrift wird eine maximale Verbundenheit angestrebt. Etwa 20 Prozent der Grundschulen wird derzeit diese Schrift vermittelt. Das hatte die Studie „Grundschulkulturen: Pädagogik Didaktik Politik“ von Wolfgang Steinig ergeben, die 2017 erschienen ist.

Was ist die Vereinfachte Ausgangsschrift (VA)?
Die Vereinfachte Ausgangsschrift wurde 1969 entwickelt. Grundlage bietet die Lateinische Ausgangsschrift. Ziel war es, auf unnötige Schnörkel zu verzichten, um die Schrift einfacher erlernbar zu machen. Auf die Vereinfachte Ausgangsschrift setzen etwa 40 Prozent der Grundschulen.

Was ist die Schulausgangsschrift (SAS)?
Die Schulausgangsschrift wurde 1968 in der DDR eingeführt, sie wird aber heute auch in einigen westlichen Bundesländern erlernt. Auch die Schulausgangsschrift ist eine vereinfachte Schreibschrift. Die Großbuchstaben orientieren sich an den Druckbuchstaben. Ziel war es, ohne den Umweg über die Druckschrift von Anfang an eine Schreibschrift in der Grundschule zu erlernen. Die Schulausgangsschrift wird an 30 Prozent der Grundschulen unterrichtet.

Was ist die Grundschrift?
Die Grundschrift wurde im Auftrag des Grundschulverbandes entwickelt und 2010 als Konzept vorgestellt. Ziel ist es, dass die Kinder aus den Druckbuchstaben eine individuelle, lesbare und flüssige Handschrift entwickeln. Nicht alle Buchstaben müssen dabei verbunden sein. Der Zwischenschritt über das Erlernen einer verbundenen Ausgangsschrift entfällt. In einigen Bundesländern wie Hamburg oder Bremen können die Schulen auch die Grundschrift wählen. Insgesamt wird die Grundschrift an knapp 10 Prozent der Schulen vermittelt.

Lateinische Ausgangsschrift 1953
Lateinische Ausgangsschrift 1953
©Wikimedia Commons/Vfol/CC BY-SA 4.0
Vereinfachte Ausgangsschrift
Vereinfachte Ausgangsschrift
©Wikimedia Commons/gemeinfrei_
Schulausgangsschrift 1968
Schulausgangsschrift 1968
©Wilkimedia Commons/Tost, Renate/CC BY-SA 4.0
Hamburger Druckschrift
Hamburger Druckschrift 2011
©Wikimedia Commons/gemeinfrei https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en

Sollten Kinder in der Grundschule zuerst mit der Tastatur schreiben oder eine Handschrift lernen?

Als wäre es nicht schwierig genug, zwischen den vier Varianten zu unterscheiden, wird inzwischen auch diskutiert, ob es nicht sinnvoller wäre, in der Grundschule zunächst das Schreiben mit der Tastatur zu erlernen. Schließlich machen viele Kinder schon vor der Einschulung Erfahrungen mit der Tastatur. Gerade wenn die Feinmotorik noch nicht so ausgeprägt ist, ist dieser Zugang einfacher. Dort könnte man beim Schreibenlernen in der Grundschule ansetzen.

Der Grundschulverband plädiert dafür, dass Kinder in der Grundschule sowohl das Schreiben mit der Hand als auch das Tippen auf der Computertastatur lernen. Das gehöre zu einem zeitgemäßen Unterricht dazu, schrieb der Grundschulverband NRW in einer Stellungnahme für den Schulausschuss des Düsseldorfer Landtags am 19. August 2020.

Um die Debatte über den Stellenwert der Handschrift zu versachlichen, hat das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache nun einen Faktencheck „Handschrift in der digitalisierten Welt“ veröffentlicht, in dem vorhandene wissenschaftliche Studien zu dem Thema ausgewertet wurden.

In einem  Interview mit dem Schulportal plädiert der Direktor des Mercator-Instituts, Michael Becker-Mrotzek, für das Lernen einer Handschrift, gleichzeitig sollte früh in der Grundschule auch das Schreiben mit der Tastatur geübt werden. „Durch das Schreiben mit der Hand sieht man, wie der einzelne Buchstabe entsteht. Dadurch werden mehr neuronale Netze aktiviert als durch das Tippen auf einer Tastatur. Die Formen der Buchstaben prägen sich somit durch die Handschrift besser ein. Während das Schreiben mit der Tastatur einfacher funktioniert, weil der Schreibende nur eine Taste drücken muss, ist das Schreiben per Hand nachhaltiger für den Schrifterwerb.” Becker-Mrotzek fordert aber auch, die Grundschulen so auszustatten, dass Kinder auch das Schreiben auf der Tastatur lernen. „Dafür müssen die Schulen entsprechend ausgestattet sein. Gerade für die Inklusion, zum Beispiel von Kindern mit motorischen Schwierigkeiten, bietet das Schreiben mit der Tastatur enorme Vorteile.”

Ursula Bredel von der Universität Hildesheim betont, beides sei wichtig, sowohl die Handschrift als auch das Schreiben auf der Tatstatur. Für den Spracherwerb spiele das Schreiben eine große Rolle, weil die motorischen Abläufe auch das Denken und die Wahrnehmung stabilisieren und unterstützen. In späteren Jahren werde dann das Tastaturschreiben interessanter, wenn es darum geht, größere Texte zu schreiben. Beide Techniken sollten gut und auch methodisch sorgfältig geübt werden. Künftig könnte bei den Älteren in der Schule auch das Diktieren und die Spracherkennungsprogramme eine größere Rolle spielen.

Sollten Kinder noch eine verbundene Schreibschrift lernen oder genügt die Grundschrift?

Die Bundesländer beantworten diese Frage unterschiedlich. In Hamburg oder Berlin beispielsweise können die Schulen selbst entscheiden, ob sie lieber die Grundschrift einführen oder eine verbundene Schreibschrift. Der hessische Kultusminister Alexander Lorz verkündete im Juni 2021 ein Programm zur Stärkung der Bildungssprache Deutsch. Ein Bestandteil des Programms lautet: Alle Kinder sollen in der Grundschule eine verbundene Schreibschrift lernen.

Auch zu dieser Frage hat das Mercator-Institut den aktuellen Forschungsstand ausgewertet. Im Interview mit dem Schulportal kommt Michael Becker-Mrotzek, der Direktor des Instituts, zu folgender Antwort: „Es gibt keine belastbaren Studien dazu, dass die Schreibschrift nötig wäre, um eine persönliche Handschrift zu entwickeln. Wichtig ist bei der Entwicklung der persönlichen Handschrift vor allem die Schreibflüssigkeit. Dafür ist es nötig, dass Schülerinnen und Schüler häufig die Gelegenheit haben, mit der Hand zu schreiben.”

Das gesamte Interview können Sie hier lesen.

Neues Training zur Förderung der Schreibflüssigkeit

Anspruchsvolle Texte planen und schreiben zu können ist eine Voraussetzung für Schulerfolg und die spätere Teilhabe am Berufs- sowie am gesellschaftlichen Leben. Bedingung für das Verfassen solcher Texte ist das flüssige Schreiben. Damit ist die Fähigkeit gemeint, Buchstaben, Wörter und Sätze schnell, mühelos und ohne Fehler aufzuschreiben. Nur wer dies beherrscht, ist in der Lage, schwierigere Texte zu schreiben. Bildungsstudien deuten jedoch immer wieder darauf hin, dass bis zu einem Fünftel der Schülerinnen und Schüler nicht über diese grundlegenden Kompetenzen im Schreiben verfügt. Das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache der Universität zu Köln entwickelt daher gemeinsam mit der Hamburger Schulbehörde und der Berliner Senatsbildungsverwaltung ein Schreibtraining für Grundschulen. Ziel ist, das flüssige Schreiben zu verbessern.

Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung, erklärt dazu: „Für Schreibflüssigkeit gibt es, anders als für Leseflüssigkeit, bislang kaum Förderkonzepte, die wissenschaftlich fundiert und erprobt sind. Mit diesem Projekt haben wir die Chance, ein solches Förderkonzept auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu entwickeln, seinen Einsatz in der Praxis zu erproben und die Wirksamkeit zu überprüfen.“

Das Fördermaterial „Die Schreibstarken. Schreibflüssigkeit trainieren in der Grundschule“ für die dritte und vierte Klasse wird zunächst an jeweils fünf Schulen in Berlin und Hamburg erprobt. An der Studie im Sommer und Herbst 2021 nehmen knapp 1.000 Schüler teil. Die Wissenschaftler erheben die Leistungen der Schüler vor und nach dem Einsatz. Im Anschluss überarbeitet das Forschungsteam das Training, damit es dann an weiteren Grundschulen in Hamburg und Berlin eingeführt werden kann.

Umfrage: Schreibschrift oder Grundschrift?

In einer Online-Umfrage hatten wir nach Ihrer Meinung gefragt. Verbundene Schreibschrift oder Grundschrift – was sollen Kinder in der Schule lernen? Das Ergebnis: 120 Leserinnen und Leser haben abgestimmt. Eine große Mehrheit spricht sich für eine Schreibschrift aus. Jeder dritte Nutzer findet das Erlernen einer verbundenen Schreibschrift dagegen überflüssig.

120 Personen haben an der Abstimmung teilgenommen.

Tutorials für die Praxis

Das europäische Forschungsprojekt Handschrifterwerb-Tutorials entwickelt und erprobt konkrete, didaktische Ansätze und Praxishilfen für Pädagoginnen und Pädagogen in Schulen und Kindergärten. Die sechs Projektpartner aus Deutschland, Österreich und Italien bündeln hierbei ihre Expertise.

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