Grundschule : Sollten Kinder eine Schreibschrift lernen?

Schreibschrift oder Druckbuchstaben? Tippen auf der Tastatur oder per Hand schreiben? Wie die Kinder das Schreiben lernen, wird unterschiedlich gehandhabt und auch immer wieder diskutiert. Viele Schulen verzichten mittlerweile auf das Erlernen der verbundenen Ausgangsschrift – auch Schreibschrift genannt – und setzen stattdessen auf die Grundschrift, die auf den Druckbuchstaben basiert.

Florentine Anders 30. Juni 2021 Aktualisiert am 08. Juli 2021 3 Kommentare
Die verbundene Schreibschrift wird nicht mehr an allen Schulen gelehrt. Der Grundschulverband plädiert stattdessen für die Grundschrift.
©Patrick Pleul/dpa

Dass Kinder in der Grundschule Schreiben lernen sollen, ist unumstritten. Doch um das „Wie“ ist seit Jahren eine kontroverse Diskussion im Gange. Ein Grund für die Debatte sind die unterschiedlichen Vorgaben dazu in den Bundesländern. Viele Schulen verzichten mittlerweile auf das Erlernen der verbundenen Ausgangsschrift (Schreibschrift) und setzen stattdessen auf die Grundschrift, die auf den Druckbuchstaben basiert. Ohnehin lernen die Kinder in der Schule zuerst die Druckbuchstaben. Der zweite Schritt –  das Erlernen der Schreibschrift – ist mühsam, zeitaufwendig und bringt aus der Sicht der Wissenschaft wenig. Die Bildungsstandards der KMK geben vor, dass Schülerinnen und Schüler eine individuelle „gute lesbare Handschrift flüssig schreiben”.

Im Oktober 2020 verständigten sich die Kultusministerinnen und Kultusminister der Länder (KMK) auf einen Vertrag für eine bessere Zusammenarbeit im deutschen Bildungssystem mit einheitlicheren Linien. In Bezug auf die Grundschule wird darin ausdrücklich die Vermittlung der Schreibschrift betont, ebenso ein einheitlicher Rechtschreibrahmen. Die Ständige wissenschaftliche Kommission (Stäwiko) wird die KMK dabei beraten.

Welche Schreibschrift lernen Kinder in der Grundschule?

Je nach Bundesland und Lehrkraft erlernen die Kinder in der Grundschule die Lateinische Ausgangsschrift, die Vereinfachte Ausgangsschrift, die Schulausgangsschrift oder die Grundschrift.

Was ist die Lateinische Ausgangsschrift (LA)?
Die Lateinische Ausgangsschrift wurde 1953 in Deutschland eingeführt. Die verschnörkelte Schrift mit vielen Drehrichtungswechseln vor allem bei den Großbuchstaben ist für viele Kinder schwer zu erlernen. Bei der Lateinischen Ausgangsschrift wird eine maximale Verbundenheit angestrebt.

Was ist die Vereinfachte Ausgangsschrift (VA)?
Die Vereinfachte Ausgangsschrift wurde 1969 entwickelt. Grundlage bietet die Lateinische Ausgangsschrift. Ziel war es, auf unnötige Schnörkel zu verzichten, um die Schrift einfacher erlernbar zu machen.

Was ist die Schulausgangsschrift (SAS)?
Die Schulausgangsschrift wurde 1968 in der DDR eingeführt, sie wird aber heute auch in einigen westlichen Bundesländern erlernt. Auch die Schulausgangsschrift ist eine vereinfachte Schreibschrift. Die Großbuchstaben orientieren sich an den Druckbuchstaben. Ziel war es, ohne den Umweg über die Druckschrift von Anfang an eine Schreibschrift in der Grundschule zu erlernen.

Was ist die Grundschrift?
Die Grundschrift wurde im Auftrag des Grundschulverbandes entwickelt und 2010 als Konzept vorgestellt. Ziel ist es, dass die Kinder aus den Druckbuchstaben eine individuelle, lesbare und flüssige Handschrift entwickeln. Nicht alle Buchstaben müssen dabei verbunden sein. Der Zwischenschritt über das Erlernen einer verbundenen Ausgangsschrift entfällt. In einigen Bundesländern wie Hamburg oder Bremen können die Schulen auch die Grundschrift wählen.

Lateinische Ausgangsschrift 1953
Lateinische Ausgangsschrift 1953
©Wikimedia Commons/Vfol/CC BY-SA 4.0
Vereinfachte Ausgangsschrift
Vereinfachte Ausgangsschrift
©Wikimedia Commons/gemeinfrei_
Schulausgangsschrift 1968
Schulausgangsschrift 1968
©Wilkimedia Commons/Tost, Renate/CC BY-SA 4.0
Hamburger Druckschrift
Hamburger Druckschrift 2011
©Wikimedia Commons/gemeinfrei https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en

Sollten Kinder in der Grundschule zuerst mit der Tastatur schreiben oder eine Handschrift lernen?

Als wäre es nicht schwierig genug, zwischen den vier Varianten zu unterscheiden, wird inzwischen auch diskutiert, ob es nicht sinnvoller wäre, in der Grundschule zunächst das Schreiben mit der Tastatur zu erlernen. Schließlich machen viele Kinder schon vor der Einschulung Erfahrungen mit der Tastatur. Gerade wenn die Feinmotorik noch nicht so ausgeprägt ist, ist dieser Zugang einfacher. Dort könnte man beim Schreibenlernen in der Grundschule ansetzen.

Der Grundschulverband plädiert dafür, dass Kinder in der Grundschule sowohl das Schreiben mit der Hand als auch das Tippen auf der Computertastatur lernen. Das gehöre zu einem zeitgemäßen Unterricht dazu, schrieb der Grundschulverband NRW in einer Stellungnahme für den Schulausschuss des Düsseldorfer Landtags am 19. August 2020.

Um die Debatte über den Stellenwert der Handschrift zu versachlichen, hat das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache nun einen Faktencheck „Handschrift in der digitalisierten Welt“ veröffentlicht, in dem vorhandene wissenschaftliche Studien zu dem Thema ausgewertet wurden.

In einem  Interview mit dem Schulportal plädiert der Direktor des Mercator-Instituts, Michael Becker-Mrotzek, für das Lernen einer Handschrift, gleichzeitig sollte früh in der Grundschule auch das Schreiben mit der Tastatur geübt werden. „Durch das Schreiben mit der Hand sieht man, wie der einzelne Buchstabe entsteht. Dadurch werden mehr neuronale Netze aktiviert als durch das Tippen auf einer Tastatur. Die Formen der Buchstaben prägen sich somit durch die Handschrift besser ein. Während das Schreiben mit der Tastatur einfacher funktioniert, weil der Schreibende nur eine Taste drücken muss, ist das Schreiben per Hand nachhaltiger für den Schrifterwerb.” Becker-Mrotzek fordert aber auch, die Grundschulen so auszustatten, dass Kinder auch das Schreiben auf der Tastatur lernen. „Dafür müssen die Schulen entsprechend ausgestattet sein. Gerade für die Inklusion, zum Beispiel von Kindern mit motorischen Schwierigkeiten, bietet das Schreiben mit der Tastatur enorme Vorteile.”

Sollten Kinder noch eine verbundene Schreibschrift lernen oder genügt die Grundschrift?

Die Bundesländer beantworten diese Frage unterschiedlich. In Hamburg oder Berlin beispielsweise können die Schulen selbst entscheiden, ob sie lieber die Grundschrift einführen oder eine verbundene Schreibschrift. Der hessische Kultusminister Alexander Lorz verkündete im Juni 2021 ein Programm zur Stärkung der Bildungssprache Deutsch. Ein Bestandteil des Programms lautet: Alle Kinder sollen in der Grundschule eine verbundene Schreibschrift lernen.

Auch zu dieser Frage hat das Mercator-Institut den aktuellen Forschungsstand ausgewertet. Im Interview mit dem Schulportal kommt Michael Becker-Mrotzek, der Direktor des Instituts, zu folgender Antwort: „Es gibt keine belastbaren Studien dazu, dass die Schreibschrift nötig wäre, um eine persönliche Handschrift zu entwickeln. Wichtig ist bei der Entwicklung der persönlichen Handschrift vor allem die Schreibflüssigkeit. Dafür ist es nötig, dass Schülerinnen und Schüler häufig die Gelegenheit haben, mit der Hand zu schreiben.”

Das gesamte Interview können Sie hier lesen.

In einer Online-Umfrage hatten wir nach Ihrer Meinung gefragt. Verbundene Schreibschrift oder Grundschrift – was sollen Kinder in der Schule lernen? Das Ergebnis: 120 Leserinnen und Leser haben abgestimmt. Eine große Mehrheit spricht sich für eine Schreibschrift aus. Immerhin jeder dritte Nutzer findet das Erlernen einer verbundenen Schreibschrift überflüssig.

120 Personen haben an der Abstimmung teilgenommen.

Tutorials für die Praxis

Das europäische Forschungsprojekt Handschrifterwerb-Tutorials entwickelt und erprobt konkrete, didaktische Ansätze und Praxishilfen für Pädagoginnen und Pädagogen in Schulen und Kindergärten. Die sechs Projektpartner aus Deutschland, Österreich und Italien bündeln hierbei ihre Expertise.

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