Praxiskonzepte : So lernen Kinder, im Team zu arbeiten

Kooperatives Lernen ist gefragt – aber alles andere als ein Selbstläufer. Schülerinnen und Schüler sollten deshalb darauf vorbereitet werden. Das Schulportal stellt drei Praxiskonzepte von Schulen vor, in denen erfolgreich in Kleingruppen gelernt wird. Dabei liegt der Fokus auch darauf, wie die Schulen damit umgehen, wenn die Zusammenarbeit mal nicht reibungslos klappt.

Mit spielerischen Übungen lernen die Kinder an der IGS Franzsches Feld in Tischgruppen zu arbeiten.
©Lars Rettberg (Robert Bosch Stiftung)

Tischgruppentraining an der IGS Franzsches Feld in Braunschweig

Sechs Holzklötze sind in einem Kreis auf dem Boden aufgeteilt – auf je einem Klotz steht schwankend und kichernd eines der fünf Kinder. Jetzt sollen sie reihum von einem Klötzchen auf das nächste gehen, ohne runterzufallen. Die Übung nennt sich „Schwankender Boden“ und ist Teil des Tischgruppentrainings, das alle Schülerinnen und Schüler der Integrierten Gesamtschule (IGS) Franzsches Feld in Braunschweig in der fünften und sechsten Klasse durchlaufen.

In den ersten Runden passiert es schnell, dass ein Kind den Boden berührt – der eine ist zu zappelig, die andere zu schnell, der Nächste zieht den Vordermann mit runter, weil er sich festhalten möchte. Schnell merken die Schülerinnen und Schüler, dass sie so nicht zum Ziel kommen. Am Ende stützen sie sich alle gegenseitig und bewegen sich Schritt für Schritt im selben Tempo.

Das Tischgruppentraining hilft den Kindern, Teamkompetenzen zu erwerben, denn diese sind an der IGS Franzsches Feld essenziell, um erfolgreich zu lernen. „Kooperative Lernformen nehmen hier einen sehr großen Stellenwert ein“, sagt der Schulleiter Meisner. Doch die Voraussetzungen dafür müssten erst geschaffen werden, schließlich würden die Schülerinnen und Schüler von den Grundschulen ganz unterschiedliche Fähigkeiten mitbringen. Gemeint sind dabei nicht nur die fachlichen Fähigkeiten, sondern vor allem Kompetenzen, die nötig sind, um gewinnbringend zusammenzuarbeiten. „Es gibt Kinder, die reißen gern jede Aufgabe an sich, andere halten sich zurück und lassen lieber die anderen arbeiten“, sagt Meisner. Damit sich jede und jeder einbringen kann, braucht es Regeln.

Anfangs ist das Tischgruppentraining noch fest im Stundenplan verankert, später gehen die erlernten Fähigkeiten – etwa, unterschiedliche Rollen zu verteilen – ins alltägliche Handeln über. Die Tischgruppen werden bis zum Ende der Sekundarstufe I in der Klasse beibehalten, in jedem Fach und in jeder Stunde.

Und das funktioniert? Natürlich nicht immer reibungslos, so der Schulleiter. Die Metareflexion sei ein sehr wichtiges Instrument. Nicht nur die Gruppe selbst, sondern auch die Mentorinnen und Mentoren schauen nach jeder Aufgabe, was gut geklappt hat und was nicht. Jede Gruppe wird von zwei Lehrkräften und einer Sozialpädagogin oder einem Sozialpädagogen betreut. Die Schule hat im Laufe der Jahre dadurch das Konzept immer weiterentwickelt. „Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass eine Gruppe mit fünf Schülerinnen und Schüler besser funktioniert als mit vier, weil dann auch mal Mehrheiten zustande kommen können“, sagt Meisner. Zudem schmelze die Gruppe bei vier Kindern schnell zusammen, wenn mal jemand krank ist.

Die Tischgruppen sind auch nicht auf ihre Teilnehmerinnen und Teilnehmer festgelegt. Wenn die Dynamik nicht stimmt, können sie auch neu zusammengesetzt werden. Und dann gibt es natürlich neben der Gruppenarbeit auch andere Lernsettings, damit zum Beispiel auch mal beste Freunde aus zwei verschiedenen Gruppen eine gemeinsame Partnerarbeit machen können.

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Kleingruppen an der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen

Auch die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule setzt auf feste Kleingruppen für kooperatives Lernen. Die „Stammgruppen“, wie die Klassen hier genannt werden, sind in fünf Tischgruppen mit je sechs Schülerinnen und Schülern aufgeteilt. Und auch hier wird das gemeinsame Arbeiten zunächst systematisch trainiert. Wie arbeitet man zusammen? Welche Rollen sind zu besetzen, und wie werden diese verteilt? Wie lassen sich Konflikte lösen oder auch aushalten und Prozesse reflektieren, um daraus zu lernen? All das erfahren die Schülerinnen und Schülern in den Trainings.

An der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule ist Gruppenarbeit Routine, und dennoch steht die Schule auch beim kooperativen Lernen immer wieder vor neuen Herausforderungen. „Wir beschulen jetzt mehr Inklusionskinder als noch vor einigen Jahren und arbeiten somit deutlich heterogener. Gerade beim ,Förderbedarf geistige Entwicklung‘ müssen wir das Spektrum unserer Gruppenaufgaben erweitern. Wir wollen, dass sich jedes Kind als vollwertiges Gruppenmitglied fühlt und seinen wichtigen Beitrag als Teil der Gruppe und im Sinne des Gruppenergebnisses leisten kann“, sagt die Schulleiterin Tanja Laspe.

Denn wie an der IGS Franzsches Feld legt auch diese Schule besonderen Wert darauf, dass die Gruppen heterogen zusammengesetzt sind. Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen Leistungsniveaus lernen in der Gruppe zusammen. Aber auch in diesem Punkt hat die Schule ihr Konzept angepasst. In einigen wenigen Stunden kommen die Leistungsspitzen, die stärker gefordert werden müssen, in homogenen Gruppen zusammen, um gemeinsam an besonderen Forschungsaufgaben zu arbeiten.

Insgesamt wird die Gruppenzusammensetzung durch die Mentorinnen und Mentoren relativ flexibel gehandhabt. Die Teams bleiben nicht die gesamte Schulzeit zusammen, sondern werden alle drei bis sechs Monate neu gemischt. „Die Schülerinnen und Schüler brauchen Zeit, um sich die gemeinsamen Prozesse zu erarbeiten, aber dann ist es auch an der Zeit für eine neue Gruppenkonstellation. Dadurch entstehen immer wieder neue Herausforderungen, und bei den Schülerinnen und Schülern kommen dadurch auch verschiedene Fähigkeiten zum Tragen“, so die Schulleiterin. Als ungünstig habe es sich erwiesen, wenn beste Freunde in einer Gruppe zusammen lernen. Beim gemeinsamen Lernen gehe es um eine Arbeitsbeziehung, Freundschaften würden dem eher im Wege stehen.

Ein weiteres großes Entwicklungsthema ist der Einsatz digitaler Tools für das kooperative Lernen. „Wir haben eine Liste mit geeigneten Tools erarbeitet. Diese Tools mussten nicht nur pädagogischen und fachlich-didaktischen Anforderungen entsprechen, sondern ebenfalls technisch und hinsichtlich des Datenschutzes geprüft werden. Dadurch wird es möglich, auch in Distanz gemeinsam in der Gruppe zu arbeiten und unseren kooperativen Ansatz beizubehalten. Teilweise konnten so die Tischgruppen sogar während der Schulschließungen und in Quarantänezeiten weiter zusammenarbeiten.”

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Teamarbeit an der Green Gesamtschule

Die Green Schule in Duisburg ist seit ihrer Gründung 2015 eine „Teamschule“. Die Schule hat dafür das Konzept des Kanadiers Norm Green an die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler angepasst. Neben dem kooperativen Lernen im Unterricht in den Vierer-Tischgruppen gibt es jede Woche einen Projekttag und zudem interkulturelles Lernen in Musik- oder Theaterprojekten.

„Der Mensch ist darauf angelegt, zu kooperieren, und er lernt am besten über positive Emotionen. Wir brauchen also Räume, in denen wir einander begegnen und kennenlernen“, sagt die ehemalige Schulleiterin Martina Zilla Seifert, die gemeinsam mit dem Kollegium das Teamkonzept entwickelt hat. „Wenn wir ins Gespräch kommen wollen, ist es nicht sinnvoll, vier Wochen lang im Deutschunterricht Hauptsätze und Nebensätze zu bestimmen. Wir sollten uns auch dringend fragen, was in der Schule eigentlich passieren muss – auch um die Demokratie zu retten“, erklärt Seifert weiter. Das gelinge eben nicht, wenn man den Lehrplan wie eine Art Checkliste abarbeite.

An der Green Gesamtschule gehen die Schülerinnen und Schüler an dem wöchentlichen Projekttag von einem drängenden Thema aus, das sie bewegt. Um dieses Thema herum werden dann die Fächer gebaut. Dann wird geschaut, welche Fähigkeiten die Kinder brauchen, um dieses Thema gemeinsam zu bearbeiten. Und im Idealfall gehen die Kinder am Ende hinaus in die reale Welt und platzieren dort ihr Thema.

Dieses fächerübergreifende Lernen an den Projekttagen funktioniert natürlich nur, wenn auch die Lehrkräfte in gemeinsamen Teams arbeiten.

Geht das Konzept auch in sehr heterogenen Lerngruppen auf? „Natürlich!“, sagt Seifert. Die Herausforderung bestehe nicht in der Gruppenzusammensetzung, sondern in der passenden Aufgabenstellung. Auch an der Green Gesamtschule gebe es beispielsweise ein geistig beeinträchtigtes Kind, für das kreative Lösungen gefunden werden. Es sei an der Green Gesamtschule undenkbar, dieses Kind mit einer sonderpädagogischen Lehrkraft in einen anderen Raum abzusondern.

„Wenn mir in Fortbildungen an anderen Schulen eine Lehrerin oder ein Lehrer sagt, meine Schülerinnen und Schüler können nicht zusammen lernen, dann sage ich: ‚Genau das müssen sie lernen!‘“

Unterschätzt werde häufig die Dynamik in der Gruppe. Jedes Kind habe beispielsweise eine bestimmte Rolle, von der Materialbeschaffung bis zum Aufschreiben. Das könne auch schiefgehen. Es gebe eben nicht das eine gültige Modell – es müsse immer wieder der Gruppe angepasst werden. Was zu ändern ist, wird in den Teamsitzungen der Lehrkräfte immer wieder ausführlich besprochen. „Aber Aufgeben ist kein Thema!“, sagt Seifert.

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