Dieser Artikel erschien am 04.06.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Bernd Kramer

Neue Studie : So elitär ist Politikunterricht

Der Politikunterricht unterscheidet sich stark je nach Schulform. Gymnasiasten bekommen demnach häufiger Politik­unterricht und empfinden die Stunden auch als anregender als Schüler anderer Schultypen. Das zeigt eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Schon früherer Unter­suchungen zeigen, dass die Wahl­beteiligung stark vom Bildungs­abschluss und der sozialen Lage abhängt. Die Autorinnen der Studie kritisieren, dass die Schule diese Unter­schiede offenbar nicht kompensiert.

Politikunterricht (Symbolbild)
Politikunterricht (Symbolbild)
©dpa

Wofür die Parteien stehen? Wie Wahlen funktionieren? Was Regierungen machen und was die Parlamente? Benjamin Lemke aus Flensburg sagt, er habe zwei­ein­halb Jahre darauf warten müssen, bis solche Fragen im Unterricht behandelt wurden. „Unser Lehrer wollte in Gemeinschafts­kunde vor allem Geschichtliches machen.“ Französische Revolution, Vormärz, Weimarer Republik – alles zweifels­ohne wichtige Themen. „Aber zur Bundes­tags­wahl hätten wir uns doch gerne mal mit den Parteien und ihren Wahl­versprechen auseinander­gesetzt“, sagt der 19-Jährige, der nach der Real­schule gerade die Oberstufe an einem beruflichen Gymnasium abgeschlossen hat. „Viele von uns durften ja gerade zum ersten Mal wählen.“

Erst kurz vor dem Abi bekam der Kurs einen neuen Lehrer – der die Schülerinnen und Schüler jetzt zur Europawahl die Partei­programme durch­arbeiten und diskutieren ließ. „Am Ende wussten nur noch 2 von 15 Schüler in unserem Kurs nicht, wen sie wählen sollten“, sagt Lemke. „Davor waren es 9.“

Das Beispiel zeigt für Benjamin Lemke, bis vor kurzem noch aktiv in der Landes­schüler­vertretung Schleswig-Holsteins, wie entscheidend ein guter Politik­unterricht sein kann. Im vergangenen September appellierten er und andere Schüler­vertreter an die Landes­regierung, mehr für politische Bildung zu tun. Schülern, die vor der Ober­stufe mit einem mittleren Abschluss abgingen, könne es sogar passieren, dass sie „bis zum Ende ihrer Schul­karriere kaum beziehungs­weise gar keinen Wirtschaft- und Politik­unterricht erhalten haben“, heißt es in einem Forderungs­papier der Schüler­vertreter. Der Handlungs­bedarf sei dringend.

Am Gymnasium behandeln Lehrer eher aktuelle Fragen

Politische Bildung in Deutschland hängt von der Schulform ab – das zeigt nun auch eine Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Nicht alle bekommen ihn im gleichen Maß und in gleicher Qualität. Den meisten und den besten Politik­unterricht erhalten ausgerechnet die Schülerinnen und Schüler, die ohnehin in einer vergleichbar privilegierten Lage sind: die Gymnasiasten. Studien­autorin Sabine Achour, Politik­professorin an der Freien Universität Berlin, fasst den Befund drastisch zusammen: „Der Politik­unterricht ist etwas Elitäres.“

So sagten 55 Prozent der Gymnasiasten der Klassen 9 und 10, dass sie an ihrer Schule Politik in einem eigen­ständigen Fach lernen. An den übrigen allgemein­bildenden Schul­formen waren es nur 44 Prozent.

Die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten empfinden den Unterricht außerdem als interessanter und anregender: Sie berichten häufiger als die Altersgenossen anderer Schulformen, dass im Unterricht aktuelle Ereignisse thematisiert werden, Lehr­kräfte an konkreten Beispielen mit ihnen arbeiten und mit ihnen diskutieren und die verschiedenen Perspektiven auf politische Fragen erörtern. Die Jugendlichen an den anderen Schul­formen dagegen bezeichnen die Politik­stunden eher als langweilig, ober­flächlich und unzugänglich.

Gymnasiasten nehmen zum Teil auch häufiger an demokratie­bezogenen Projekten außer­halb des Unterrichts teil. 26 Prozent der Gymnasiasten der Klassen 9 und 10 gaben an, an politischen Plan­spielen teil­genommen zu haben – bei den anderen Schul­formen waren es nur 11 Prozent.

Dabei zeichnet die Studie womöglich sogar noch ein eher optimistisches Bild der Lage. Die 3400 Jugendlichen, die die Forscherinnen befragt haben, wurden zu einem großen Teil über Schulen gewonnen, mit denen die Friedrich-Ebert-Stiftung bereits in Kontakt steht; die Unter­suchung ist daher nicht repräsentativ für alle Schulen in Deutschland. „An unserer Befragung dürften damit vor allem die Schulen teil­genommen haben, an denen besonders engagierte Lehr­kräfte unterrichten“, sagt Autorin Achour. „Wahr­scheinlich ist die Spreizung in Wirklichkeit noch größer.“

An der Realschule erklärt eher mal der Erd­kunde­lehrer Politik

Woher kommen die Unterschiede? Eine Erklärung, vermutet Achour, mag darin liegen, dass es gerade außerhalb der Gymnasien an Politik­lehrern mangelt. Zahlen dazu gibt es bislang zumindest für Nordrhein-Westfalen. Forscher der Uni Bielefeld ermittelten, dass im Schuljahr 2016/2017 an den Real­schulen 62,7 Prozent der Politik- und Wirtschafts­stunden von fachfremden Lehr­kräften erteilt wurden, ähnlich hoch war der Wert an den Gesamt­schulen. An den Gymnasien des Bundeslandes hingegen wurden nur 27,2 Prozent der Politik­stunden von Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet, die nicht speziell für das Fach aus­gebildet sind. Kurz gesagt: Wo nicht „Gymnasium“ über dem Schultor steht, ist es häufiger mal der Erd­kunde­lehrer, der den Unter­schied zwischen Erst- und Zweit­stimme erklärt.

Dabei ist Politik kein Fach, das man gut mal so nebenbei unterrichten könnte, betont Achour. „Die konkrete aktuelle Politik steht nie im Lehrplan und auch nicht in den Schul­büchern“, sagt sie. „Die in den Unterricht zu holen, erfordert extrem hohe Kompetenz.“ Gerade in Klassen, in denen ein großer Teil der Schüler nicht zu Hause am Küchen­tisch mit Mama und Papa über die Ergebnisse der letzten Wahl diskutiert, sei das eine besondere Heraus­forderung. Gerade jenseits des Gymnasiums also.

Die Schieflage im Politik­unterricht kann damit brisant sein für eine Demokratie. Menschen mit niedrigeren Bildungs­abschlüssen und kleinem Einkommen gehen deutlich seltener zur Wahl als Gutsituierte, die Unter­schiede zwischen Arm und Reich sind in den vergangenen Jahr­zehnten sogar größer geworden, wie der Politik­wissen­schaftler Armin Schäfer von der Uni Münster berechnet hat. Auch bei „Fridays for Future“ demonstrieren eher Gymnasiasten; Schülerinnen und Schüler, die auf einen mittleren Abschluss zusteuern, gehen seltener auf die Straße. In der Öffentlichkeit mag zwar das Bild einer neuen, politisch bewegten Jugend entstanden sein. In Wahrheit ist die Generation aber deutlich gespaltener.

Das unterstreichen auch die neuen Zahlen der Friedrich-Ebert-Stiftung. 22 Prozent der Ober­stufen­schüler am Gymnasium gaben an, schon einmal an einer Protest­versammlung oder Demonstration teil­genommen zu haben. An Berufs- und Gesamt­schulen waren es nur 13 Prozent. Die Gymnasiasten berichten zudem deutlich häufiger, dass sie Petitionen unter­zeichnet haben. Junge Menschen beteiligen sich höchst ungleich.

Wie die Schule Interesse wecken kann

Dabei könnte der Politikunterricht durchaus etwas an den Unter­schieden verändern. Zumindest legen das die Unter­suchungen zur Junior­wahl nahe, einem Projekt, bei dem Jugendliche an ihren Schulen parallel zu den Landtags- und Bundes­tags­wahlen Abstimmungen simulieren. Zuletzt gaben rund eine halbe Million Schülerinnen und Schulen ihre Stimme während der Junior-Europa­wahl ab. Unter­suchungen zeigten, dass in der Vergangen­heit vor allem jenseits der Gymnasien durch das Projekt das Politik­interesse anstieg. Wer eine Haupt-, Real- oder Sekundar­schule besuchte, profitierte also am meisten von dem Angebot.

Für Forscherin Achour ist es fatal, dass der Politik­unterricht gerade dort so sparsam eingesetzt wird, wo er besonders viel bewirken könnte. „Die politische Bildung macht aus jemandem mit einem gefestigten rechts­extremen Welt­bild nicht sofort einen Demokraten. Aber er ist eines der wenigen Instrumente, die uns als offener Gesellschaft zur Verfügung stehen“, sagt sie. „Da ist es ungünstig, dass es nicht stärker genutzt wird.“