Dieser Artikel erschien am 02.05.2019 auf ZEIT Online
Autor: Michael Felten

Benotung an Schulen : Sind mündliche Noten ungerecht?

Schlechte Noten für die mündliche Beteiligung, weil die Schülerin ein stiller Typ ist? Der Lehrer Michael Felten sagt: Es geht nicht immer um Gerechtigkeit.

Unterricht (Symbolbild)
Finger hoch: Die mündliche Beteiligung macht nur einen Teil der „sonstigen Mitarbeit“ aus.
©dpa

Die Elternfrage: Sind mündliche Noten nicht ziemlich ungerecht? Wer 30 oder gar 200 Schüler unterrichten muss, kann wohl kaum erfassen, wer sich wie gut im Unterricht ein­gebracht hat. Und was sagen Sie dazu, dass meine Tochter trotz guter Test­leistungen insgesamt immer wieder abgewertet wird, nur weil sie ein stiller Typ ist?

Es ist noch schlimmer, als Sie vermuten: Sogar die Noten unter den Klassen­arbeiten spiegeln die Leistungs­fähig­keit der Schülerinnen und Schüler keineswegs voll­kommen gerecht wider. Da spielt deren Tages­form eine Rolle, oder es sind Formulierungen und Lösungs­wege nur schwer vergleich­bar. Hinzu kommt, dass der Lern­zu­wachs eines Schwachen manchmal viel größer ist als der eines Über­fliegers.

Erst recht ist eine gerechte Beurteilung mündlicher Beiträge keine einfache Sache; und bei 5 bis 10 Klassen zu je 30 Schülern miss­lingt sie gewiss auch gelegentlich. Deshalb teilen viele Lehrer diese Noten den Schülern vorab mit – um Irr­tümer recht­zeitig korrigieren zu können. Zudem ist es in den meisten Bundes­ländern so, dass stille Schüler höchstens eine kleine Ein­buße bei der Gesamt­beurteilung hin­nehmen müssen. Denn das Mündliche wird lediglich als Teil­bereich der „sonstigen Mit­arbeit“ gesehen. Dazu zählen auch häusliche schriftliche Leistungen, ergänzende Referate, die Unter­stützung von Mit­schülern etc.

Grundsätzlich halte ich es trotzdem für sinnvoll, die mündliche Mitarbeit im Unterricht als wichtigen Teil des schulischen Leistungs­spektrums anzusehen: Die Schule soll ja nicht nur Wissen vermitteln und fachliche Kompetenzen anregen, sondern auch die kommunikative Auseinander­setzung mit dem Thema und in der Gruppe fördern. Und warum sollen Lehr­kräfte über die Qualität der mündlichen Mitarbeit den Lernenden nicht auch Echo geben? Vernünftig wäre es aller­dings, wenn Lehrer die Zeit bekämen, das wichtige Kurz­feed­back „Gesamt­note“ durch einen ausführlicheren Lern­entwicklungs­bericht zu ergänzen, und sei es nur per Ankreuzbogen.

Ermuntern Sie Ihre Tochter, sich einfach ab und zu im Unterricht zu melden – mit einer Frage, einer Idee, einem Haus­auf­gaben­ergebnis. Meines Erachtens spricht nichts dagegen, wenn ein stiller Mensch auch dazu angehalten wird, sich an Debatten zu beteiligen. Irgend­wann ist sie eine junge Erwachsene und dann sollte sie doch nicht nur viel wissen, sondern sich damit auch über­zeugend einbringen können.

Im Übrigen bin ich kein Freund einer festen 50/50-Aufteilung von Schriftlichem und Sonstigem. Absenkungen um eine ganze Note bei „Stillen“ habe ich tunlichst vermieden. Umgekehrt habe ich eine Gesamt­note auch schon mal deutlich auf­gewertet, wenn die schriftliche Leistung erkennbar durch Prüfungs­angst beeinträchtigt, die sonstige Mit­arbeit aber qualifiziert war.

Hier klingt auch eine allgemeinere Dimension Ihrer Frage an. Im Pädagogischen stößt der Gedanke formaler Gerechtig­keit nämlich an Grenzen. In Familie wie Schule geht es eben nicht primär um Gleich­behandlung, sondern darum, die Entwicklung jedes jungen Menschen zu fördern: so, dass er seine Potenziale möglichst gut entfalten kann. So werden sich sensible Eltern dem­jenigen ihrer Kinder eine Zeit lang besonders zuwenden, das sich nach der Geburt eines Geschwisters zurück­gesetzt fühlt. Und ein fein­fühliger Lehrer wird einen ängstlichen Schüler besonders verlocken, eine schein­bar zu schwierige Aufgabe anzugehen.