Aufklärung : Sexualkunde ist mehr als Biologie und Verhütung

Sexualkunde muss an deutschen Schulen verpflichtend unterrichtet werden. Das kann heutzutage aufgrund der Vielfalt der Themen herausfordernd sein und ist deswegen nicht immer leicht zu bewältigen. Das Schulportal stellt verschiedene Ansätze vor und hat mit einem Sexualpädagogen gesprochen.

Britta Klar 01. November 2022
bunte Kondome Sexualkunde
Auch die verschiedenen Methoden der Verhütung gehören zum Aufklärungsunterricht in den Schulen dazu - aber eben auch noch wesentlich mehr Themen.
©iStock

Auf dem Schulhof wird geknutscht, gefummelt und gestöhnt, im stillgelegten Klohäuschen wird – zwar anonym und hinter verschlossenen Türen, aber doch ziemlich freizügig – über Penisgrößen, multiple Orgasmen oder Vagina-Cupcakes geredet. Die Erfolgsserie „Sex Education“, die vom Teenager-Leben auf der fiktiven südenglischen Moordale Secondary School erzählt, kann sich zumindest eins nicht vorwerfen lassen: nicht offen über Sex und Sexualität zu reden. Für den Hauptcharakter Otis manchmal sogar ein wenig zu offen – seine Mutter ist Sexualtherapeutin, und wenn sein Freund Eric neidisch meint: „Ich wünschte, meine Mom wär ein Sex-Guru!“, kann Otis nur erwidern: „Glaub mir: Das willst du nicht!“

Oder vielleicht doch? Denn in der Schule hierzulande kommt der von einigen gefürchtete und von manchen auch belächelte Sexualkundeunterricht mit Holzpenis und veralteten Schulbüchern meist viel zu kurz. Und nicht allein der Name ist sperrig – auch die Anforderungen, die der Unterricht mit sich bringt, und die Frage nach der richtigen Herangehensweise mögen für einige Lehrerinnen und Lehrer herausfordernd sein.

Viele Lehrkräfte fühlen sich nicht ausreichend vorbereitet

„Die Vielfalt an Themen kann schon erschlagend sein – da ist es nicht verwunderlich, wenn Lehrkräfte sich die Frage stellen, ob sie diese Themen jetzt aufgreifen sollen oder nicht“, sagt der Sexualpädagoge Marius A. Bueno von der Gesellschaft für Sexualpädagogik (gsp). Zudem sieht er das Problem, dass „verschiedenste sexualitätsbezogene Themen keinen Platz im Lehramtsstudium finden und Lehrerinnen und Lehrer sich dann allein mit diesen auseinandersetzen müssten“. Viele Lehrkräfte fühlen sich seiner Erfahrung nach durch ihr Studium hindurch „nicht ausreichend ausgebildet oder im schlimmsten Fall sogar unwohl damit, diese Themen aufzugreifen“.

 Ich würde zustimmen, dass verschiedenste sexualitätsbezogene Themen keinen Platz im Lehramtsstudium finden.

Marius A. Bueno Experte für Sexualkunde
Sexualpädagoge Marius A. Bueno
©privat

Natürlich sind für den Unterricht nach wie vor die „Basics“ wichtig: Körperwissen, Veränderungen in der Pubertät, Fortpflanzung, Verhütung. „Diese Themen werden meiner Erfahrung nach oftmals im Sachkundeunterricht in der Grundschule und dann im Biologieunterricht in den weiterführenden Schulen behandelt“, sagt Bueno. Allein diese Grundkenntnisse zu vermitteln reiche heute aber nicht mehr. Sexualkundeunterricht sei weit mehr als biologische Funktionen und Verhütungsmittel. „Anzumerken ist zudem, dass während der Homeschooling-Phase der Corona-Pandemie sexualitätsbezogene Themen wohl nicht immer behandelt wurden. Dies soll kein Vorwurf sein – sondern die Schulen lediglich darauf aufmerksam machen, dass es hier zusätzlich Nachholbedarf gibt“, sagt der Sexualpädagoge.

Sexualkundeunterricht ist verpflichtend

Doch welche Möglichkeiten gibt es, wenn sich eine Lehrkraft den Sexualkundeunterricht allein nicht zutraut oder gern ergänzende Unterstützung in Anspruch nehmen würde? Marius A. Bueno weiß Rat: „Hier kann man externe Expertinnen und Experten, also ausgebildete Sexualpädagoginnen und -pädagogen, hinzuziehen, die mit den Schülerinnen und Schülern in verschiedensten Settings arbeiten.“

Denn wenn sexuelle Aufklärung natürlich auch zu Hause stattfinden kann und – bestenfalls – sollte, ist sie im Schulalltag keine Frage, die zur Wahl steht: Sexualkundeunterricht muss in Deutschland verpflichtend stattfinden. In einer Stellungnahme des Bundesverbands pro familia zum Recht auf Sexualaufklärung heißt es: „Sexualaufklärung ist ein Aspekt des schulischen Bildungsauftrags und ein fester Bestandteil in den schulischen Curricula. Kinder und Jugendliche haben demnach das Recht auf eine altersgemäße Sexualaufklärung.“ Und ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Dezember 1977 zur Sexualerziehung in der Schule regelt die sexuelle Bildung in Schulen bis heute.

Sexualkunde ist durchaus etwas, das fächerübergreifend unterrichtet werden kann – und sollte.
Carolin Strehmel, Mitgründerin der Sexualkunde-App "Knowbody"

Modern gestaltete Medien als Unterstützung für den Unterricht

Aber funktioniert das auch bis heute? „Wir haben eine eigene Umfrage unter 500 Lehrkräften gemacht“, sagt Carolin Strehmel, eine der Gründerinnen von „Knowbody“, einer App für sexuelle Bildung im Schulunterricht. „67 Prozent von ihnen haben einfach nicht gelernt, Sexualkunde-Themen zu vermitteln, obwohl es Teil ihres Lehrplans ist.“ Oft bleibt der Sexualkundeunterricht so an den Lehrkräften des Fachbereichs Biologie hängen – und kommt deswegen meist auch nicht übers rein Anatomische hinaus. „Dabei ist Sexualkunde durchaus etwas, das fächerübergreifend unterrichtet werden kann – und sollte“, so Strehmel. „Knowbody“ können Lehrerinnen und Lehrer unterstützend zu Rate ziehen, die Inhalte der App orientieren sich an den Richtlinien zur Sexualerziehung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Kultusministerien der Bundesländer. Noch ist die App erst in einer Betaversion verfügbar, derzeit wird aber mit einer Crowdfunding-Kampagne versucht, die Fertigstellung der App und die Entwicklung weiterer Lerneinheiten zu finanzieren.

In den vergangenen Jahren wurden immer mehr Möglichkeiten entwickelt, den Sexualkundeunterricht zu modernisieren und jugendfreundlicher zu gestalten. Bei der digitalen Unterrichtsplattform „Lernen.faqyou.de“ heißt es zum Beispiel: „Unser Ziel ist es, durch unsere digitalen Ergänzungen den Sexualkundeunterricht ganzheitlich zu gestalten, Ihre Schüler und Schülerinnen auf Augenhöhe abzuholen und die wichtigsten Fragen rund um die Themen Sex & Liebe zu beantworten.“ Das Angebot des in Hamburg ansässigen Vereins „ohhh! foundation“ wird vom Bundesgesundheitsministerium gefördert und bietet Lehrpläne und Unterrichtsentwürfe sowie Arbeitsblätter mit Musterlösungen und Erklärvideos an. Modern gestaltete Medien also für die Sexualaufklärung im Schulkontext – für Lehrende und Lernende.

„Wir verabschieden uns allmählich vom verstaubten Arbeitsblatt“

Sexualpädagoge Marius A. Bueno hält viel von den Apps und den digitalen Lernmitteln: „Sie können wunderbare ergänzende Werkzeuge sein, mit denen Lehrende und auch sexualpädagogische Fachkräfte arbeiten können. So findet eine gewisse Verlagerung statt – wir verabschieden uns allmählich vom verstaubten Arbeitsblatt und dem alten, nicht mehr aktuellen Lehrbuch“, so Bueno. Er betont: „Diese neuen Angebote sind keinesfalls die Lösung für einen modernen Sexualkundeunterricht – aber sie können dazu beitragen, dass sich Schülerinnen und Schüler aktiver und interaktiver mit verschiedenen Themen auseinandersetzen. Zudem sind Apps und andere digitale Lernmittel für Kinder und Jugendliche niedrigschwellig zugänglich.“ In den neuen Angeboten sieht er das Potenzial, dass Schülerinnen und Schüler sie auch außerhalb des institutionalisierten Sexualkundeunterrichts als Bildungsangebote nutzen und sich dementsprechend intensiver mit Sexualität auseinandersetzen.

Aufgeklärter – aber auch wissender?

Ein weiterer Aspekt ist beim Umgang mit Sexualkundeunterricht wichtig: Oft scheint es heutzutage so, als seien die Kinder und Jugendlichen wesentlich aufgeklärter als frühere Generationen. Das stimme zwar, sei aber mit Einschränkungen zu betrachten, sagt Sexualpädagoge Bueno: „Im Vergleich zu früher sprechen wir heutzutage offener und häufiger über Sexualität. Doch so offen und aufgeklärt, wie man meinen würde, ist unsere Gesellschaft noch immer nicht.“ Zwar sei das Internet heutzutage ein ständiger Begleiter und somit hätten Kinder, Jugendliche und Erwachsene rund um die Uhr Zugriff auf sexuelle Online-Angebote, sexuelle Inhalte und Informationen – schwierig sei aber die Bildungstransferleistung, die damit von allen geleistet werden müsse. Unerlässlich seien eine ausreichende Medienkompetenz und sexuelle Bildungskompetenzen, die es allen ermöglichen, sich im Dschungel des Internets zu bewegen. Denn: „Selbstbestimmte und verantwortungsvolle Entscheidungen können nur dann getroffen werden“, so Bueno, „wenn Kinder und Jugendliche durch sexuelle Bildungsprozesse aus verschiedenen Handlungsoptionen wählen können.“

Bei sexualpädagogischen Veranstaltungen fällt dem Pädagogen immer wieder auf, dass bestimmte Themen mit großem Interesse seitens der Schülerinnen und Schüler aufgenommen werden. Oftmals stelle sich dann durch direkte Rückmeldung heraus, dass bestimmte Themen gar nicht, beziehungsweise nicht ausreichend behandelt werden: Dazu gehören ihm zufolge vor allem „Sexualität und Medien“ (Pornografie, Sexting, Cybergrooming), „Sexuelle Identität“ (sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität), „Grenzen und sexuelle Grenzüberschreitungen“, „Geschlechterrollen, Flirten/Dating und Beziehungen“, „Sexualität und Lust“, Gespräche über Normen und Werteaustausch zu verschiedensten Themen.

Apps & Co können auch ein wenig Druck nehmen

Sollten im Unterricht Themen und Fragen aufkommen, die überfordern, könnten, so empfiehlt Sexualpädagoge Bueno, eben Hilfsmittel wie Apps und Co zum Einsatz kommen. Das sieht auch Carolin Strehmel so: „Damit können die Lehrkräfte ein wenig zur Seite treten, das nimmt dann ja auch Druck raus. Gerade bei herausfordernden Themen oder Themen, die im Studium nicht behandelt wurden – oder die anzusprechen den Lehrkräften vielleicht auch schlichtweg unangenehm ist.“

Denn auch das eigene Schamgefühl und Tabuisierungen können mögliche Aspekte eines erschwerten Unterrichts sein. Wichtig sei aber immer, so Marius A. Bueno, dass Schülerinnen und Schüler nicht alleingelassen werden und Lehrkräfte bereit sind, Fragen und Irritationen aufzufangen und fachlich kompetent zu begleiten. „Und wenn das mithilfe von Apps passiert, die nahe an der Lebenswelt der Jugendlichen sind, ist doch allen geholfen“, so die Gründerin. Und dann ist es auch nicht weiter schlimm, wenn weder zu Hause noch in der Schule ein „Sex-Guru“ verfügbar ist.

Unterstützung für den Sexualkundeunterricht

  • Die Gesellschaft für Sexualpädagogik (gsp) ist ein bundesweiter Fachverband von wissenschaftlich und praktisch tätigen Sexualpädagoginnen und -pädagogen, die sich der Qualitätssicherung sexualpädagogischer Arbeit verpflichtet fühlen. Die gsp berät gesellschaftliche Institutionen, pädagogisch Tätige und Teams zum Thema Sexualität in pädagogischen Kontexten. Seit 2008 vergibt der Verband ein Qualitätssiegel, um die Professionalisierung sexualpädagogisch Tätiger voranzutreiben. gsp-ev.de
  • „Knowbody“ ist eine App für sexuelle Bildung ab der 6. Klasse. Die App enthält Lerneinheiten, die auf eine 45-minütige Schulstunde zugeschnitten sind. Sie soll Lehrkräfte dabei unterstützen, die komplexen Sexualkundethemen möglichst fächerübergreifend und vollständig zu behandeln. Die Jugendlichen können die App aber auch privat für verlässliche Informationen nutzen. knowbody.app
  • Tipps und Materialien rund um die Sexualerziehung an Schulen (auch für Eltern). bildungsserver.de/Sexualerziehung-Sexualkunde-790-de.html#vorschlaege
  • Beratung rund um Fragen zu Sexualität gibt es bei pro familia. Und unter anderem auch ein Quiz, in dem Jugendliche ihr Wissen zum Thema checken können: profamilia.de/fuer-jugendliche/quiz
  • Bei „Teach love“ bieten Psychologinnen und Psychologen, Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, Therapeutinnen und Therapeuten, Kommunikationsexpertinnen und -experten sowie Geburtshelferinnen und -helfer unter anderem Weiterbildungskurse für Lehrerinnen und Lehrer an, um sexuelle Bildung neu zu denken. teach-love.de