Selbstkonzept : „Jedes Kind kann Mathe lernen!“

Wie stark beeinflusst unser Selbstkonzept das Lernen? Warum glauben viele Menschen, für Mathematik einfach nicht gemacht zu sein, und wie lässt sich das ändern? Das Schulportal hat über diese Fragen mit der Bildungsforscherin Anke Heyder von der TU Dortmund gesprochen. Anke Heyder forscht auf dem Gebiet der pädagogischen Psychologie zum Thema Selbstkonzept, Lehrerüberzeugungen und Mathematik. Im Interview erklärt sie, wie Eltern und Lehrkräfte eine positive Selbsteinschätzung fördern können und warum sie von geschlechtergetrenntem Unterricht nicht viel hält.

Florentine Anders / 25. Februar 2020
Ein Mädchen und ein Junge sitzen über einer Matheaufgabe.
Jungen schätzen ihre Fähigkeiten in Mathematik besser ein als Mädchen. In den Leistungen spiegelt sich das allerdings nicht wieder.
©Getty Images

Schulportal: Viele Menschen behaupten von sich, dass sie Mathe einfach nicht können. Welchen Einfluss hat das Selbstkonzept – also die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten – auf den Lernerfolg?
Anke Heyder: Lernerfolg und Selbstkonzept stehen in einem wechselseitigen Zusammenhang. Gute oder schlechte Leistungen in der Schule beeinflussen natürlich die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten. Und umgekehrt wirkt sich das Selbstkonzept auch auf die Leistungen aus. Wer sich selbst mehr zutraut, also ein positives Selbstkonzept in Mathematik hat, gibt zum Beispiel nicht so schnell auf und sucht sich anspruchsvollere Aufgaben.

Ist die negative Einschätzung der eigenen Fähigkeiten in Mathematik stärker ausgeprägt als in anderen Fächern?
In Mathematik gibt es wie in allen anderen Fächern positive und negative Selbstkonzepte von Schülerinnen und Schülern. Allerdings wird das Fach Mathematik häufiger als andere Fächer als schwierig wahrgenommen. Auch die Angst, etwa in Klassenarbeiten nicht die gewünschte Leistung zu bringen, ist hier größer. Es besteht außerdem eher als in anderen Fächern die Annahme, dass man für Mathematik eine besondere Begabung benötigt. Das haben empirische Untersuchungen gezeigt.

Eltern sollten immer vermeiden, schwache Leistungen auf mangelnde Begabung zurückzuführen.

Welchen Einfluss haben die Eltern? Wird das eigene Selbstkonzept in Bezug auf Mathematik an das Kind weitergegeben? Und wie können Eltern einem negativen Selbstbild entgegenwirken?
Eltern gelten genauso wie Lehrkräfte als wichtige Sozialisationsagenten. Die Überzeugungen der Eltern können natürlich das Selbstkonzept des Kindes beeinflussen. Wenn sie ihr Kind in einem Fach als besonders gut einschätzen, dann findet sich das Kind in der Regel darin auch gut. Es gibt auch Hinweise darauf, dass die Ängste von Müttern oder Vätern auf das Kind übertragen werden. Sätze von Eltern, wie etwa ‚Es ist nicht schlimm, wenn du Mathe nicht kannst, ich konnte das auch nie‘, sind sicher nicht förderlich. Eltern sollten immer vermeiden, schwache Leistungen auf mangelnde Begabung zurückzuführen. Jedes Kind kann Mathe lernen!

Zur Person

©privat
  • Anke Heyder ist Psychologin und hat 2015 zum Thema „Geschlechterstereotype und Geschlechtsunterschiede im Schulerfolg“ an der FU Berlin promoviert.
  • Sie war Fellow im College for Interdisciplinary Educational Research und lehrt und forscht seit 2016 im Bereich Pädagogische Psychologie an der TU Dortmund.

Gerade das Fach Mathematik ist für Kinder und Jugendliche häufig mit der Angst verbunden, etwas falsch zu machen. Wie können Lehrkräfte dem entgegenwirken?
Hilfreich ist, wenn es der Lehrkraft gelingt, eine Atmosphäre zu schaffen, in der es auch in Ordnung ist, Fehler zu machen. Einen solchen förderlichen Umgang mit Fehlern kann man kultivieren. Wichtige Instrumente dafür sind die sogenannte Lernzielorientierung und die Verwendung einer individuellen Bezugsnorm bei der Leistungsbeurteilung. „Lernzielorientierung“ heißt: Entscheidend ist nicht die erbrachte Leistung, sondern der Lernfortschritt. Bei der Verwendung einer individuellen Bezugsnorm geht es nicht in erster Linie darum, ob der Schüler oder die Schülerin die Aufgabe richtig gerechnet hat oder besser oder schlechter gelöst hat als die Klassenkameradinnen und Klassenkameraden, sondern ob er oder sie im Vergleich zum letzten Ausgangspunkt etwas dazugelernt hat. Soziale Vergleiche in der Klasse sollte die Lehrkraft möglichst verhindern. In der Mathematik müssen wir außerdem davon wegkommen, dass es immer nur den einen richtigen Weg gibt. Vermeintliche Fehler können auch im Ansatz einen neuen Lösungsweg beinhalten und fürs Lernen sehr wertvoll sein. Und bei komplexeren Aufgaben sind sogar verschiedene Ergebnisse möglich.

Wie unterscheiden sich in diesen Fragen Jungen und Mädchen? Haben Jungen in Bezug auf Mathematik ein anderes Selbstkonzept als Mädchen?
Viele Studien haben gezeigt, dass Jungen ihre Kompetenzen in Mathematik selbst positiver einschätzen als Mädchen. In den Leistungen spiegelt sich das im Durchschnitt allerdings kaum wider. Tests wie der IQB-Bildungstrend haben ergeben, dass es nur sehr geringe Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen bei den Kompetenzen in Mathematik gibt. In der Sekundarstufe bekommen Mädchen häufig sogar bessere Noten als Jungen im Fach Mathematik, obwohl sie in den Kompetenztests etwas schwächer abschneiden. Das zeigen auch internationale Studien.

Woher kommen diese Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen bei der Selbsteinschätzung?
Eine Erklärung dafür sind die Geschlechterstereotype in der Gesellschaft. Wenn Jungen eine schwächere Leistung in Mathematik bringen, dann wird das häufiger auf mangelnde Anstrengungsbereitschaft zurückgeführt. Bei Mädchen dagegen werden die Fehler eher mit mangelnder Begabung erklärt. Solche Muster können das Selbstkonzept der Kinder beeinflussen.

Wie können Lehrkräfte das Selbstkonzept bei Jungen und Mädchen stärken? Kann ein geschlechtergetrennter Unterricht helfen?
Der geschlechtergetrennte Unterricht ist aus meiner Sicht kein geeignetes Instrument. Mädchen und Jungen profitieren von den gleichen pädagogischen Ansätzen, was das Selbstkonzept betrifft: dem Fokus auf die individuelle Entwicklung und die Lernzielverfolgung. Wichtig ist, dass Lehrkräfte die Überzeugung vermitteln, dass sich Fähigkeiten ändern lassen und nicht angeboren sind. Ein phasenweise getrennter Unterricht in Mathematik birgt aus meiner Sicht die Gefahr, die vorhandenen Geschlechterstereotypen noch zu verstärken. Das würde ja bedeuten, dass Jungen und Mädchen einen unterschiedlichen Unterricht brauchen. In den USA gibt es diesbezüglich ziemlich radikale Initiativen, die sogar geschlechtergetrennte Schulen einrichten wollen, ohne dass es dafür überzeugende wissenschaftliche Belege gibt. Aus meiner Sicht würde es die Möglichkeiten der Kinder einschränken, wenn sie geschlechtergetrennt unterrichtet werden

Mehr zum Thema

Im Jahr 2020 veröffentlichte Anke Heyder gemeinsam mit Anne F. Weidinger, Andrei Cimpian und Ricarda Steinmayr eine Studie über den Zusammenhang von Lehrerüberzeugungen und der intrinisischen Motivation der Schülerinnen und Schüler im Fach Mathematik.

  • Untersucht wurde, ob die Motivation der Kinder geringer ist, wenn Lehrkräfte glauben, Mathe sei eine angeborene Begabung.
  • Befragt wurden 830 Viertklässler und ihre 56 Lehrkräfte in deutschen Grundschulen.
  • Das Ergebnis: Lehrkräfte an Grundschulen sind der Ansicht, dass angeborene Begabungen eines Kindes für den Erfolg im Fach Mathematik wichtiger sind als im Fach Deutsch.
  • Bei leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern war die intrinsische Motivation geringer, je stärker Lehrkräfte daran glaubten, dass eine angeborene Begabung wichtig für den Erfolg in Mathematik ist.
  • Bei leistungsstärkeren Schülerinnen und Schülern zeigte sich kein Zusammenhang zwischen den Lehrerüberzeugungen und der Motivation.