Dieser Artikel erschien am 14.09.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Larissa Holzki

Fehler in Schulbüchern : Sechs, setzen!

Udo Jürgens lebt noch? Der Berliner Flug­hafen ist fertig? Und wie war das noch mal mit der japanischen Atom­bombe über den USA? Immer wieder erscheinen Schul­bücher mit haar­sträubenden Fehlern. Ein Rüffel in fünf Kapiteln.

Ein Schüler sieht in ein Lehrbuch
Ein Achklässler liest in einem Schulbuch.
©dpa

Österreichische Medien schreiben von „Schul­buch-Gate“, und es ist ja auch wirklich ein Skandal: In dem Buch „Schatz­kiste – Sach­unter­richt Kärnten“ für die Volks­schule, heraus­gegeben von der Wester­mann-Gruppe, ist es zu einer Seen-Verwechslung gekommen.

„Der abgebildete See ist dem Anschein nach nicht der Wörther­see, wie es im Buch erklärt wird“, empörte sich dieser Tage der Lokal­politiker Gerhard Köfer im ORF. Außer­dem sei das Glantal auf einer geografischen Abbildung völlig ignoriert worden. Und weiter: Der Mund­art­dichter Wilhelm Rudnigger heiße in dem Buch „Willhelm Hrudnigger“, Udo Jürgens sei darin noch am Leben. Fazit: „Das Buch muss umgehend aus den Schulen verschwinden.“

Das Bildungsministerium hat inzwischen reagiert und einen Aus­tausch angekündigt. Der Verlag soll eine über­arbeitete Version vorlegen. Wie es dazu kommen konnte, ist noch nicht abschließend geklärt. Vor der Wester­mann-Gruppe sind solche Fehler aller­dings schon anderen passiert. Ein Verzeichnis der schönsten Schul­buch-Pannen.

Rhein-Fall

Jeder Schüler weiß, dass Abgucken keine Garantie für null Fehler ist. Selbst der Klassen­beste hat nicht immer alles richtig. Ganz ärgerlich ist natürlich, wenn man beim Abschreiben selbst einen Fehler macht. So oder ähnlich ist es aber wohl den Schul­buch­verlagen passiert. Und nicht nur denen.

Generationen von Schülern haben in Lexika nach­schlagen können, dass der Rhein von seiner Quelle in der Schweiz bis zur Mündung in den Nieder­landen 1.320 Kilo­meter lang ist. Auch die Bundes­anstalt für Gewässer­kunde, das Rhein-Museum in Koblenz und die nieder­ländische Behörde Rijks­water­staad nannten stets diese Länge. Bis schließlich vor einigen Jahren ein Kölner Biologe nach­rechnete und dabei auf fast 90 Kilometer weniger kam. Eine Differenz, die sich durch keine Begradigung oder Streitig­keit um die Rhein­quelle in jüngerer Vergangen­heit erklären lässt.

Eine mühselige Recherche durch verstaubte Lexika erhärtete schließlich den Verdacht: Anfang des 20. Jahrhunderts stand in den großen Konversations­lexika noch richtig 1.230 Kilo­meter. 1932 lag Knaurs Lexikon erstmals falsch. Vermutlich hat dort einfach jemand die beiden mittleren Ziffern verdreht. Der Brock­haus muss nach dieser Theorie im Jahr darauf abgeschrieben haben – und nach ihm alle anderen. (Anm. d. Red.: Leser haben uns mittler­weile darauf hin­gewiesen, dass auch Lexika aus den 1920er-Jahren die falsche Zahl enthalten).

Fix und BER-tig

Alte Schülerweisheit: „Wenn du dir nicht sicher bist, schreib einfach irgend­was hin – vielleicht ist es ja richtig.“ So ähnlich agierten wohl auch die Macher von „Seydlitz Geografie Schüler­band 9/10“. In das Schul­buch für Neunt- und Zehnt­klässler schrieben sie Anfang 2012 zum Verkehrs­knoten­punkt Berlin: „Der rund drei Milliarden Euro teure Flug­hafen Berlin Branden­burg BER (auch BBI) bei Schöne­feld ist seit 2012 einziger Flug­hafen der Region.“

Sie glaubten offensichtlich, der Flug­hafen würde binnen Monaten eröffnen und das Schul­buch dann top­aktuell statt schon veraltet sein. Aller­dings wurde der Fehler bei Nach­drucken in den Jahren 2014 und 2015 nicht korrigiert. Das hätte viel Aufwand gekostet, hieß es vom Verlag.

Andererseits: Mit der falschen Jahres­zahl haben die Schul­buch-Autoren fast schon muster­gültig das Chaos um den Bau des BER zu Papier gebracht. Der Pannen­flug­hafen ist 2018 noch immer nicht eröffnet und hat mittler­weile mehr als sieben Milliarden Euro gekostet. Im Vergleich dazu war der Fehler gar nicht so schlimm.

Klimawissen auf Donald-Trump-Niveau | Irgendwas mit Atom­bomben

Anders war das in Indien, im Bundesstaat Gujarat. Für Entsetzen sorgte ein fehler­haftes Schul­buch, aus dem 50.000 Acht­klässler etwas hätten lernen sollen. Was dort verzapft wurde, war aber von höchst zweifel­hafter Natur. Unter anderem stand dort, Japan habe zum Ende des Zweiten Welt­krieges eine Atom­bombe über den USA abgeworfen.

Auch mit der nationalen Geschichte kannten sich die Autoren offenbar nicht gut aus. Das Attentat auf den Helden der Un­abhängig­keits­bewegung, Mahatma Gandhi, verlegten sie neun Monate nach hinten, vom 30. Januar 1948 auf den 30. Oktober. Außer­dem schrieben die Autoren, bei der Abholzung von Bäumen entstehe Kohlen­trioxid, also C03. Gemeint war aber Kohlen­dioxid, CO2. Vielleicht hat ja Donald Trump sein Klima-Wissen aus diesem Buch bezogen?

Paraguay? Uruguay?

In die Liste stümperhaft gemachter Schul­bücher reiht sich auch ein Erd­kunde­buch für brasilianische Schüler ein. Die Zeitung Folha de São Paulo berichtete im Jahr 2009, auf einer Karte sei Paraguay mit Uruguay verwechselt worden. Dafür tauche Paraguay noch mal auf, nämlich als südliche Hälfte von Bolivien. Ecuador ließen die Karto­grafen einfach weg. Genau wie einen Teil von Kolumbien.

Austauschen wollte das Bildungs­ministerium das kosten­lose Lehr­buch trotz­dem nicht. Die Lehrer sollten ihre Schüler über die falschen Grenzen informieren. Eine der falschen Karten trug übrigens ausgerechnet den Titel „Fronteiras Permeáveis“ – durch­lässige Grenzen.

Herr der Ringe wird zur echten Geschichte – und keiner merkt es | Heimliche Hobbits

Nicht schlampig, sondern spitzbübisch fantasierte dagegen ein Karto­graf kurz nach der Jahr­tausend­wende im „Putzger“-Geschichts­atlas herum. Er schummelte mehrere Orte aus J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“ in verschiedene Karten, zum Beispiel „Hobbingen“ in das „Mittel­europa im Zeit­alter der Reformation“. Der Voll­ständig­keit halber listete er auch wichtige Ereignisse aus den Fantasie­orten im Register auf. Für Hobbingen vermerkte er dort die „Ermordung Sarumans, des vormaligen Führers des Weißen Rates“ um 1521.

Verpetzt hat den Kartografen jahre­lang niemand. Wenn das Buch nur mal der Kärntner Lokal­politiker Gerhard Köfer in die Finger bekommen hätte. Dem wäre bestimmt sofort aufgefallen, dass es ein Hobbingen im heutigen kärntnerisch-slowenischen Grenz­gebiet nie gegeben hat.

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