Pilotprojekt der TU München : „Schwimmen ist der einzig überlebenswichtige Sport”

Während der Corona-Pandemie ist an Grundschulen der Schwimmunterricht ausgefallen. Damit keine Generation von Nichtschwimmern heranwächst, kommen Studierende den Lehrkräften zu Hilfe.

Dieser Artikel erschien am 21.12.2021 in der Süddeutschen Zeitung
Joachim Mölter
Schüler*innen im Schwimmunterricht
Schüler*innen im Schwimmunterricht
©Fabian Sommer/dpa

Macht man denn so was? Darf man das überhaupt? Einem Kind Wasser ins Gesicht spritzen und ihm einen Becher Wasser über den Kopf gießen? Die Lehrerin Ulrike Arndt ist geradezu begeistert, wie spielerisch und doch sensibel ihre Helferin den Kindern die Angst vorm Wasser genommen hat, als diese neulich zum ersten Mal beim Schwimmunterricht dabei war. „Am Ende der Stunde”, erzählt Arndt, „haben die Kinder schon fröhlich im stehtiefen Wasser geplantscht.”

Wenn das so weitergeht, legen die Kinder, die sich vor wenigen Wochen gar nicht ins Becken trauten, bald die Prüfung zum Seepferdchen ab – das Abzeichen für die Schwimmfähigkeit. Das ist jedenfalls das Ziel, das sich die Rektorin Ulrike Arndt für die Grundschule an der Burmesterstraße in Freimann gesetzt hat: „Dass alle Kinder schwimmen können, wenn sie unsere Schule verlassen.”

Die DLRG fürchtet bereits eine Generation von Nichtschwimmern

Schwimmen zu lernen, ist nicht leicht in diesen Tagen. Wegen der Corona-Pandemie waren die Bäder lange zu, Kurse und Unterricht fielen aus. Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) fürchtet bereits eine Generation von Nichtschwimmern: Allein in Bayern, so die Schätzung, hätten mehr als 100 000 Grundschüler keinen Schwimmkurs besuchen können.

Denen gibt die TU München nun Nachhilfe: Die promovierte Sportwissenschaftlerin Christine Hoffmann hat dafür im Rahmen der Angewandten Sportwissenschaft ein Pilotprojekt initiiert – Studierende unterstützen Schwimmunterricht, kurz „SuSu”.

Mit nur einem Lehrer für zwanzig Kinder ist Schwimmunterricht fast nicht möglich

15 Studenten und Studentinnen fürs Lehramt Sport wurden im Sommer auf Kosten der TU zu Rettungsschwimmern ausgebildet, dazu gab’s eine Zusatzausbildung fürs Anfängerschwimmen. Nach den Herbstferien wurden sie dann in insgesamt 33 Grundschul-Klassen geschickt.

„Die Nachfrage seitens der Schulen nach dem Angebot war enorm”, sagt Hoffmann. „Wir sind glücklich über jede Unterstützung”, erklärt Arndt. Dank der studentischen Hilfskräfte sei es möglich, Gruppen zu bilden: „Während eine Studentin sechs Kinder ans Wasser gewöhnt, kann die Lehrerin mit den Fortgeschrittenen die Technik üben.”

„Meine Lehrkräfte sagen jede Woche, was für ein Geschenk es ist, dass ich da bin”, sagt eine Studentin

Mit zwanzig, dreißig Kindern pro Klasse und nur einem Lehrer sei Schwimmunterricht fast nicht zu leisten, findet die Studentin Hannah Jahner. Weil die Nichtschwimmer Priorität genießen, müssten Fortgeschrittene quasi die Anfänger-Übungen mitmachen.

„Meine Lehrkräfte sagen jede Woche, was für ein Geschenk es ist, dass ich da bin”, erzählt Jahner: „Weil die Schwimmerkinder so unzufrieden sind, wenn sie nicht auch gefördert werden.”

Hannah Jahner studiert fürs Lehramt Sport am Gymnasium, sie hat schon früher in ihrem Heimatverein in Berlin Anfängerkurse gegeben und sich nun für Extra-Schichten gemeldet. Statt in je zwei Klassen wie ihre Kommilitonen und Kommilitoninnen hilft sie in fünf Klassen von drei Grundschulen – in Allach, Bogenhausen und im Westend. „Schwimmen ist der einzige überlebenswichtige Sport”, sagt sie: „Wenn man es nicht kann, ist es lebensgefährlich, gerade im Urlaub.”

Trotzdem wird nicht an allen Schulen so viel Wert aufs Schwimmen gelegt wie an der von Ulrike Arndt. Als es am Ende des vorigen Schuljahrs darum ging, welche Defizite aus der Corona-Zeit noch aufgearbeitet werden sollten, „haben wir uns gefragt, ob’s wirklich so viel bringt, noch mal fünf Stunden Mathe zu machen”, berichtet die Rektorin. Ihr Kollegium hielt Schwimmen für wichtiger; durch einen Crashkurs kamen so noch zehn von 16 Kindern zum Seepferdchen.

In manchen Klassen könnten nur fünf Kinder schwimmen

Dass der Nachholbedarf groß ist, findet auch Hannah Jahner. In manchen Klassen könnten nur fünf Kinder schwimmen, zwanzig müssten es noch lernen, sagt sie. Die Anfänger gewöhnt sie erst mal ans Wasser, indem sie sie dazu bringt, das Gesicht unter die Oberfläche zu stecken, unter eine Schwimmnudel hindurch zu tauchen, Froschbeine zu üben. „Ich kenne das sonst nur von Drei- bis Vierjährigen und mache das jetzt in dritten Klassen”, sagt sie.

Im Grunde sollte „SuSu” gerade ausgewertet werden von einer Studentin für ihre Abschlussarbeit. Das Projekt war ursprünglich auf sechs Wochen angelegt, pro Woche eine Doppelstunde, also zwei zusammenhängende Schulstunden zu je 45 Minuten. Weil aber immer wieder Tage ausfielen, wenn es an einer Schule zu viele Corona-Fälle gab, zieht es sich noch bis in den Januar.

„Das ist kein Tropfen auf den heißen Stein”, sagt die Rektorin

Wegen der Rektorin Arndt könnte es sogar noch länger gehen: „Die Studenten sind wirklich großartig, die Motivation ist da auf allen Seiten. Wir wären froh, wenn das Projekt verlängert wird.” Auch die Studentin Jahner fände es schade, wenn es eine einmalige Sache bliebe: „Ich könnte mir das gut ins Studium integriert vorstellen.” Als Verbindung zwischen gelernter Theorie und geübter Praxis.

Tatsächlich gibt es entsprechende Bemühungen, sagt Christine Hoffmann: Die TU prüfe, die Ausbildung und den Praxiseinsatz der Studierenden als Wahlfach in den Lehrplan einzubauen. Die ersten Rückmeldungen aus dem Projekt seien jedenfalls eindeutig und positiv gewesen: Alle Kinder hätten enorme Fortschritte gemacht.

Das ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass von den 90 Unterrichtsminuten etliche für Hin- und Rückweg zum Schwimmbad sowie fürs Umziehen verloren gehen. Selbst wenn man ein Schwimmbad in der Schule hat wie Ulrike Arndt, kommt man nur auf rund 50 Minuten Zeit im Wasser; andernorts sind es mitunter nur 30, 35.

Trotzdem resümiert Arndt: „Die sechs Doppelstunden sind mega-gewinnbringend. Das ist nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sondern ein großer Schub.”