Dieser Artikel erschien am 20.10.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Thomas Thiel

Leseforschung : Schulstunde im Pausenhof

Die Leseforschung hat herausgefunden, dass Texte auf Papier besser im Gedächtnis haften­bleiben und viele Schüler gern mit Büchern lernen. Die Bildungs­politik scheint das aber wenig zu interessieren.

Die Leseforschung, die mit dem digitalen Wandel aufgekommen ist, spricht sich heute klar dafür aus, das Medium von der Textgattung abhängig zu machen.
Die Leseforschung, die mit dem digitalen Wandel aufgekommen ist, spricht sich heute klar dafür aus, das Medium von der Textgattung abhängig zu machen.
©dpa

Die Leseforschung hat in den vergangenen Jahren so viele Vorzüge des Lesens entdeckt, dass man meinen müsste, die Bildungs­politik würde sich auf das Thema stürzen. Lesen, so ist zu erfahren, schult Konzentration, Einfühlung, Ausdruck, Vorstellungs­kraft, geistige Unabhängig­keit und perspektivisches Denken. Schüler, denen im Kindes­alter viel vor­gelesen wird, gehen lieber zur Schule und haben bessere Noten. Vielleicht reicht auch die eigene Erfahrung, um auf solche Gedanken zu kommen, aber jetzt ist es eben keine Privat­meinung mehr, sondern Erkenntnis der Wissen­schaft.

Diese Vorzüge werden offenbar zu wenig genutzt. Seit der Pisa-Studie 2001 ist die Lese­schwäche deutscher Schüler bekannt, besonders was konzentrierte Lektüre und das Verständnis längerer Texte betrifft. Das war noch vor Youtube und Smartphone. Das Internet mit seinen vielen Zerstreuungs­möglich­keiten hat das Medien­angebot für auf­merksames Lesen sicher nicht bereichert. Es wird zwar nicht unbedingt weniger gelesen, aber anderes und anders. Die Verlierer des Medien­wandels sind das Buch und die vertiefte Lektüre. Dem Buch­handel sind in den vergangenen fünf Jahren sechs Millionen Käufer ab­handen­gekommen, der Rückgang betrifft vor allem die junge Generation. Das heißt nicht, dass digital natives kein Interesse an Büchern hätten.

Im Gegenteil: Amerikanische Studenten, die von der Linguistin Naomi Baron nach ihrem bevorzugten Lern­medium befragt wurden, äußerten eine klare Präferenz für das Buch. Zu einem ähnliche Ergebnis gelangte eine Studie der Fach­hoch­schule Zürich unter Schweizer Schul­kindern. Am Willen fehlt es also nicht, aber an Konzentration und innerer Ruhe. Die Tech-Industrie will die ganze Auf­merk­sam­keit. Und schon ein Smart­phone im Neben­raum, fand eine Studie der Universität Austin von 2017 heraus, zieht Konzentration ab, schraubt die Kapazität des Arbeits­gedächtnisses deutlich herunter.

Sicher ist Lesen ein mühevoller Akt

Die Bildungspolitik hat in der Vergangenheit wenig getan, um das Lesen zu stärken. Im Gegen­teil: Schul­biblio­theken wurden abgebaut, der Deutsch­unter­richt herunter­geschraubt und das Schreiben nach Gehör nach Kräften gefördert, obwohl es den Schülern große Mühe macht, das fehler­haft Angelernte hinter­her zu korrigieren. Im gleichen Zug wurde die Schreib­schrift, die Buch­staben und Bedeutung leichter als Einheit erkennbar macht, zugunsten der Block­schrift bekämpft. Auch dem Lesen selbst hat man den Kampf angesagt. Parallel zur Abschaffung des Lektüre­kanons wurden Bücher und längere Passagen aus den Lehr­plänen gestrichen und durch kleine Text­aus­schnitte ersetzt. Statt um Sinn­verständnis geht es jetzt um Informations­entnahme­kompetenz. Im bayerischen Lehr­plan für Deutsch in der Gymnasial­stufe, sagte der ehemalige Präsident des Philologen­verbands Josef Kraus kürzlich auf einer Konferenz, komme auf siebzig Seiten drei­hundert­mal das Wort „Kompetenz“ vor – und ein einziger Dichter­name: Goethe. Die Lektüre des „Faust“ ist selbst­verständlich frei­gestellt. Man will die Schüler nicht über­fordern.

Sicher ist Lesen ein mühevoller Akt. Wenn man es aber einmal beherrscht, macht es den Geist geschmeidig und stärkt, wie die Neuro­wissen­schaft heraus­gefunden hat, die Vernetzung der Gehirn­regionen. Das Gehirn ist keine Lagerhalle mit begrenztem Platz­angebot, sondern ein plastisches Organ. Je mehr es gefordert wird, desto mehr passt hinein und desto mehr sieht man die Dinge im Zusammen­hang. Es gibt keinen Grund, Schülern so etwas vorzu­enthalten.

Die gestrige Sitzung der Kultusminister­konferenz hatte sich das Thema Demokratie­erziehung gestellt. Man könnte nun fragen: Wäre das Lesen mit seiner Distanz zum unmittelbaren Erleben nicht das ideale Medium für die Einübung der Vermittlungs­formen einer repräsentativen Demokratie? Und ist die Ad-Hoc-Welt der neuen Medien im Unter­schied zu ihrer Nutzung nicht auch eine hoch­gradig vermittelte – mit ihren Algo­rithmen, Manipulations­techniken und Geschäfts­interessen?

Konzentrierte Lernatmosphäre

Der Buchdruck hat es erstmals für breite Schichten möglich gemacht, sich aus hierarchischer Kommunikation zu lösen. Lektüre befreit vom Zwang zur unmittelbaren Reaktion, schafft Raum für Reflexion und Individualität. Niemand zwingt den Leser zur direkten Antwort oder kann dessen Gedanken an der Mimik ablesen. Die einsame Lektüre sichert einen Moment der Unabhängig­keit, auf dem die Demokratie – natürlich nicht allein und nicht zwangs­läufig – gewachsen ist. Das Gespräch ist nicht automatisch dümmer. Nur wäre es sehr unhöflich, sich mit der Antwort minuten­lang Zeit zu nehmen.

Im Prinzip können sich die Vorzüge des Lesens auch in digitalen Medien entfalten. Es ist dafür nur eine viel größere Selbst­disziplin nötig und eine komplett neue Internet­architektur, die von manipulativen Praktiken, Geschäfts­interessen und dem Druck zur spontanen Reaktion frei wäre. Der neueste schul­politische Streich, der Digital­pakt, der auf der Kultus­minister­konferenz-Sitzung beraten wurde, geht in eine ganz andere Richtung. Er soll Schulen mit Smart­phones und Laptops ausstatten und würde, wenn er denn kommt, die Schüler noch tiefer in die Fangarme der Auf­merk­samkeits­industrie locken. Für Lehrer ist der Unter­richt im chattenden Klassen­zimmer so attraktiv wie eine Schulstunde auf dem Pausen­hof. „Schule braucht in dieser Sache den Schutz vor dem Andringen der Außen­welt“, schrieb Adorno. Diese Ruhe­zone muss nicht erst erfunden werden, es gibt sie schon: das Klassen­zimmer.

Die Leseforschung, die mit dem digitalen Wandel aufgekommen ist, spricht sich heute klar dafür aus, das Medium nach der Text­gattung zu wählen: Kurze informative Texte könnten überall gelesen werden. Für lange vertiefte Lektüre seien Internet, Smartphone und Tablet­computer Gift. Medien­kompetenz müsste demnach heißen, den Schülern beizubringen, welches Medium wofür zu nutzen ist und welche Interessen sich dahinter verbergen. Medien­kompetente Schulen müssten für eine konzentrierte Lern­atmos­phäre sorgen und allein danach die Unterrichts­medien wählen.

Lesenlernen hört nie auf

Der Lehrplan ist kein Liveticker, der sich in jeder Minute einer gewandelten Wirklich­keit anpassen muss. Die Hypotenuse ist auch morgen noch die längste Seite eines rechtwinkligen Dreiecks, und Iller, Lech, Isar, Inn fließen auch nächstes Jahr noch rechts zur Donau hin. Selbst für das Erlernen einer Programmier­sprache ist das Internet entbehrlich. Während die Kultusminister die Glas­faser­kabel an die Schulen andocken, ist das Silicon Valley schon wieder einen Schritt weiter. Es ist kein Geheimnis, dass viele Firmengründer ihre Kinder dort auf Privat­schulen ohne Internet­anschluss schicken.

Die Wissenschaft würde das wohl eine weise Entscheidung nennen. Es ist in der Forschung Konsens, dass gedruckte Texte das Verständnis erleichtern und ihr Inhalt leichter behalten wird. Das Gedächtnis ist auf örtliche Anker angewiesen. Die Forschung streitet zwar noch darüber, ob man Texte auf Papier wirklich konzentrierter als auf einem E-Reader wahrnimmt. Erinnern aber wird man sich besser an das, was einen festen Ort im Regal hat.

Die zweite Erkenntnis der Forschung ist, dass Lesenlernen nie aufhört. Anders als das Sprechen ist die Lese­fähigkeit nicht angeboren, sondern das Ergebnis der Verknüpfung der sensomotorischen und mentalen Gehirn­areale. Die Parallel­führung der Augen, der Sakkaden­sprung, die Bildung von semantischen Einheiten – das alles muss trainiert werden wie das Rechnen oder das Klavier­spielen. Es dauere Jahre, sagt die Lese­forscherin Maryanne Wolf, das vertiefte lineare Lesen zu erlernen. In den Vereinigten Staaten hat es Eingang ins allgemeine Curriculum öffentlicher Schulen gefunden. In Deutschland hört das bewusste Lesen­lernen nach dem Grund­schulalter auf. Dann trennen sich die Wege zwischen Gebrauchs- und Viel­lesern. Die späteren Leistungs­unter­schiede sind enorm.

Gerade für die nicht buchsozialisierte Generation ist es heute wichtig, das Lesen neu zu lernen. Der Computer ist auch ein Unter­haltungs­medium. Am Bildschirm muss eine bestimmte Erkenntnis­haltung erst geformt werden, die beim Buch selbst­verständlich ist. Dass Lesen nicht jedermanns Sache ist, wird auch die beste Lese­förderung nicht ändern. Ein Stein­zeit­medium ist das Buch aber nicht. Leseclubs können sich über mangelndes Interesse von Kindern nicht beschweren. Der pensionierte Lehrer Friedrich Stephan, der sich an der Stadt­bücherei Mönchen­gladbach in einem Leseclub für Kinder engagiert, bestätigt das aus eigener Erfahrung. Wenn er als Leseopa an die Grund­schule gehe, sagt Stephan, bringe er den Schülern jeweils ein Buch mit. Meistens wecke das Interesse. Aber für viele sei es eben das erste Buch.