Bewertung : Ohne Unterricht keine Tests und Klausuren

Wann dürfen Lehrkräfte in der Corona-Krise Klassenarbeiten schreiben? Wie können Leistungen im Mix aus Präsenz- und Fernunterricht bewertet werden? Können Abiturientinnen und Abiturienten in diesem Jahr einen Bonus bekommen? Schulrechtsexperte Thomas Böhm beantwortet im Interview mit dem Schulportal die wichtigsten Fragen zur aktuellen Situation.

Annette Kuhn 02. Juni 2020 Aktualisiert am 09. Februar 2021
Gelber Kapuzenpulli mit Aufschrift Corona hAbi
Ein Schüler trägt während seiner Abiturprüfung einen Kapuzenpulli mit der Aufschrift „Corona hABI - zu Hause geblieben, trotzdem bekommen". Lange war unklar, ob die Abiturprüfungen wegen der Schulschließungen überhaupt geschrieben werden.
©Felix Kästle/dpa

Schulportal: Inwieweit können Lernleistungen, die die Schülerinnen und Schüler im Fernunterricht erbracht haben, bewertet werden? Welche Voraussetzungen müssen für eine Bewertung erfüllt sein?
Thomas Böhm: Einige Länder haben die Bewertung generell ausgesetzt oder auf bestimmte Jahrgangsstufen beschränkt. Meistens ist es in diesen Fällen dann so, dass in den Grundschulen und in den unteren Klassen der weiterführenden Schulen die Arbeiten aus dem Fernunterricht nicht benotet werden dürfen, in den höheren Klassen der Gymnasien aber schon. Voraussetzung dafür ist aber, dass die Lehrerinnen und Lehrer davon überzeugt sind, dass es sich wirklich um die Leistungen der Schülerinnen und Schüler handelt. Das Problem beim Fernunterricht ist ja, dass man nicht genau wissen kann, ob Eltern, Geschwister oder Nachhilfelehrer entscheidend mitgewirkt haben. Eine gewisse Unterstützung ist kein Problem, aber insgesamt muss es immer noch die Leistung der Schülerin oder des Schülers sein.

Wie lässt sich das denn feststellen?
Lehrkräfte haben meist eine ganz gute Vorstellung davon, wie die Schülerinnen und Schüler formulieren, was für ein Abstraktionsvermögen und welches Leistungsniveau sie haben. So können sie auch einschätzen, was von den Schülerinnen und Schülern zu erwarten ist und was völlig aus dem Rahmen fällt. Sicher kann man sich da zwar nie sein, aber es ist auch nicht so, dass es überhaupt keine Anhaltspunkte gäbe. Auch in anderen Situationen müssen Lehrkräfte eine solche Einschätzung vornehmen. Eine Facharbeit zum Beispiel entsteht ja außerhalb der Schule. Und theoretisch könnten sich die Schülerinnen und Schüler diese Arbeit von anderen schreiben lassen.

Allerdings ist die Chancengleichheit durch unterschiedliche Lernbedingungen zu Hause natürlich nicht gegeben.

Die Bedingungen beim Lernen zu Hause sind sehr unterschiedlich. Muss das bei den Bewertungen berücksichtigt werden?
Das darf nicht einfließen, weil Schulen das gar nicht feststellen können. Sie müssten sich selbst ein Bild davon machen, unter welchen Bedingungen jede einzelne Schülerin und jeder einzelne Schüler zu Hause lernt. Das ist nicht möglich. Und dann gibt es dafür auch keinen Kriterienkatalog mit Gewichtungen. Also: Was bedeutet die Größe der Wohnung, die Anzahl der Personen im Haus oder ob ein eigener Arbeitsplatz zur Verfügung steht? Und wie viel Gewicht gebe ich jedem dieser Punkte? Außerdem fehlt hier der direkte Leistungsbezug. Es ergibt sich ja nicht automatisch eine bessere oder schlechtere Leistung, wenn bestimmte Kriterien erfüllt oder gerade nicht erfüllt sind.

Allerdings ist die Chancengleichheit durch unterschiedliche Lernbedingungen zu Hause natürlich nicht gegeben. Und das ist einer der wichtigsten Gründe, warum die Länder durchweg gesagt haben, eine Benotung soll nicht oder nur in sehr zurückhaltender Weise erfolgen.

In den meisten Ländern wurden die Lernaufgaben für zu Hause als freiwillig angesehen. Da kann es natürlich passieren, dass manche Schülerinnen und Schüler gar nichts gemacht haben, andere aber vielleicht eine umfangreiche Projektarbeit vorlegen. Wie können Lehrkräfte damit umgehen?
Wenn eine Schülerin oder ein Schüler eine umfangreiche Projektarbeit vorlegt, lässt sich das durchaus bewerten. Es ist ja auch sonst im Unterricht so, dass Schülerinnen und Schüler freiwillige Leistungen anbieten, die dann auch bewertet werden können. Das ist nichts Ungewöhnliches. Wenn ich aber sage, das Erledigen der Aufgaben ist freiwillig, dann kann ich umgekehrt nicht die Schülerinnen und Schüler sanktionieren, die diese Leistungen nicht erbringen. Es handelt sich hier nicht um eine Leistungsverweigerung. Voraussetzung dafür ist, dass es verpflichtend ist, diese Leistung zu erbringen.

Die Schülerinnen und Schüler eines Bundeslandes haben keinen Anspruch auf Gleichbehandlung mit den Schülerinnen und Schülern eines anderen Bundeslandes.

Ist es dann nicht ungerecht, wenn die Bundesländer bei der Bewertung unterschiedlich verfahren?
Unterschiede zwischen den Bundesländern gab es immer schon. Anforderungen und Leistungsbewertungen sind auch vorher nicht zwischen den Bundesländern abgestimmt gewesen. Die Schülerinnen und Schüler eines Bundeslandes haben keinen Anspruch auf Gleichbehandlung mit den Schülerinnen und Schülern eines anderen Bundeslandes. Nehmen wir zum Beispiel die Versetzungsordnung: Ich kann nicht gegen meine Nichtversetzung klagen mit dem Argument, ich wäre in einem anderen Bundesland mit meinem Notenbild versetzt worden, und es wäre für mich günstiger, die Regelungen des anderen Bundeslandes zu haben.

Manche Lehrkräfte haben den Schülerinnen und Schülern zu Beginn der Schulschließungen ein Paket mit Aufgaben geschickt, die sie selbstständig erledigen sollten. Dazu kam nicht selten der Hinweis, dass der Stoff bei Wiederöffnung der Schulen abgefragt werde. Ist dieses Vorgehen zulässig?
Das ist problematisch. Dazu müsste man wissen, um was für Aufgaben es sich handelt. Sind es Aufgaben, mit denen sich die Schülerinnen und Schüler den Stoff selbst aneignen sollen, oder sind es Aufgaben, die sich auf den bisher erteilten Unterricht beziehen und die der Vertiefung und Übung dienen? Nur im zweiten Fall kann der Stoff abgefragt werden.

Wann dürfen denn Klassenarbeiten geschrieben werden?
Durchweg alle Länder haben geregelt, dass während der Schulschließungen und unmittelbar danach keine Klassenarbeiten geschrieben werden. Eine Klassenarbeit muss immer einen direkten Bezug aufweisen zu dem, was im Unterricht vermittelt wurde. Und wenn gar kein Unterricht stattgefunden hat, kann ich auch keine Klassenarbeit schreiben. Machen das Lehrerinnen und Lehrer trotzdem, müsste diese Arbeit annulliert werden.

Aktuelle Ergänzung Februar 2021

Im Februar 2021 fragte eine Leserin des Schulportals, inwieweit die genannten Regelungen immer noch gelten und ob es zulässig ist, dass Lehrkräfte Kinder während der Schulschließungen in die Schule bestellen, um über den zu Hause gelernten Stoff Klassenarbeiten zu schreiben, die auch benotet werden. Den Lernstoff mussten sich die Kinder (4. Klasse in Baden-Württemberg) offenbar selbstständig über Arbeitsblätter aneignen, es gab keinen Online-Unterricht per Video.

Hier die Antwort von Thomas Böhm:

„Zu den Grundsätzen der Leistungsbewertung gehört der Bezug zum Unterricht. Vermutlich gibt es daher in Baden-Württemberg eine dem § 48 Abs. 2 SchulG NRW vergleichbare Regelung: „Die Leistungsbewertung bezieht sich auf die im Unterricht vermittelten Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten.“ Dieses Prinzip gilt aber auch  ohne ausdrückliche gesetzliche Grundlage oder Vorschrift, da Lehrer nicht Inhalte zum Gegenstand der Leistungsbewertung machen dürfen, die Schüler völlig selbstständig, ohne jede Beziehung zum Unterricht erwerben müssen. Von Schülern kann natürlich auch die selbständige Erarbeitung von Inhalten erwartet werden, diese muss aber einen Bezug zum Unterricht aufweisen.

Entscheidend ist daher, um welche Art von Arbeitsblättern es sich handelt und worin das Ziel der Leistungsbewertung besteht. Wiederholen und vertiefen die Arbeitsblätter bereits im Unterricht vermittelte Inhalte und Themen, dürfen sie zum Gegenstand einer Leistungsbewertung gemacht werden. Handelt es sich dagegen um neue Inhalte und Themen, die nie Unterrichtsgegenstand waren, ist das Verteilen von Arbeitsblättern zur häuslichen Bearbeitung kein Unterricht, und die Lernergebnisse können nicht Gegenstand einer benoteten Klassenarbeit sein.

Es ist bei neuen Inhalten nicht ausgeschlossen, die Kinder zur Schule kommen zu lassen, um im Rahmen einer schriftlichen Kontrolle des Lernerfolges Informationen über den Lernprozess und individuelle Hilfestellungen sowie die Wirksamkeit des Verteilens von Arbeitsblättern für Schüler, Eltern und Lehrer zu sammeln. Eine Note kann dann der Einschätzung im Hinblick auf die objektiven Anforderungen und den Lernerfolg der anderen Kinder der Lerngruppe dienen. Die Note dürfte aber nicht als normale Klassenarbeitsnote gewertet werden und als solche in die Gesamtnote eingehen.”

Es wird in Einzelfällen auch immer wieder Streit über die Frage geben, ob der Stoff im Präsenzunterricht behandelt wurde oder ob ihn sich die Schülerinnen und Schüler im Fernunterricht letztlich selbst beibringen mussten.

Jetzt läuft in den meisten Klassen ein Mix aus Präsenz- und Fernunterricht. Welche Möglichkeiten der Bewertung haben Lehrkräfte hier?
Das ist kompliziert. Und es wird in Einzelfällen auch immer wieder Streit über die Frage geben, ob der Stoff im Präsenzunterricht behandelt wurde oder ob ihn sich die Schülerinnen und Schüler im Fernunterricht letztlich selbst beibringen mussten. Das führt zu Abgrenzungsproblemen. Aus meiner Sicht können Lehrerinnen und Lehrer gut damit umgehen, wenn sie sich darauf konzentrieren, im Präsenzunterricht so viel wie möglich an Inhalten zu vermitteln und die Hausarbeitsphase auf das Vertiefen und Üben zu beschränken. Dort wo es konkrete Regelungen gibt, ist es auch so vorgesehen.

Wie können Lehrkräfte Zeugnisnoten in diesem Halbjahr ermitteln?
Die meisten Bundesländern haben die Regeln zur Versetzung in diesem Jahr ausgesetzt. Schülerinnen und Schüler können also nicht sitzen bleiben. Aber es gibt natürlich ein Problem in all den Fällen, bei denen mit der Versetzung Berechtigungen verbunden sind. Also beim Schulabschluss oder beim Übergang in eine andere Schulform. Eine Versetzung kann man aussetzen, aber man kann keine Berechtigung vergeben, wenn die Voraussetzungen nicht erfüllt sind. Zur Ermittlung von Noten sind in den Ländern daher drei Wege vorgesehen:

Die Noten des ersten Halbjahres bekommen, erstens, mehr Gewicht. Die Schülerinnen und Schüler haben, zweitens, die Möglichkeit, freiwillige Leistungen zu erbringen, die die Lehrkräfte akzeptieren müssen. Das ist anders als sonst, denn zu anderen Zeiten können die Lehrerinnen und Lehrer selbst entscheiden, ob sie freiwillige Leistungen akzeptieren oder nicht. Drittens hat man meist sehr großzügig Nachprüfungsmöglichkeiten eingeräumt. Normalerweise kann man eine Nachprüfung machen. Jetzt gibt es zum Teil die Möglichkeit zu einer Nachprüfung der Nachprüfung.

Auch bei den Abiturprüfungen muss ein Bezug zum erteilten Unterricht gegeben sein.

Wie ist es beim Abitur? Viele Abiturientinnen und Abiturienten fühlen sich verunsichert, weil sie lange nicht wussten, ob und wann die Prüfungen stattfinden. Können sie daraus Nachteile für sich ableiten?
Nein, die Abiturientinnen und Abiturienten mussten sich darauf einstellen, dass es Abiturprüfungen geben würde. Die bloße Möglichkeit, dass die Abiturprüfungen nicht stattfinden könnten, kann nicht rechtfertigen, dass ich sage: Ich habe mich aber nicht vorbereitet, weil ich dachte, es gebe keine Prüfungen. Damit bin ich ein Risiko eingegangen, das ich tragen muss.

Ein Problem wäre es nur, wenn ich beweisen könnte, dass in der Prüfung Stoff abgefragt wurde, der in der Schule aufgrund der Schulschließungen nicht mehr vermittelt werden konnte. Auch bei den Abiturprüfungen muss ein Bezug zum erteilten Unterricht gegeben sein. Aber um solche Probleme zu vermeiden, haben die Bundesländer gemeinsam beschlossen, dass die Schulen den zentralen Aufgabenpool nicht nutzen müssen, sondern die Prüfungsaufgaben für das Abitur dezentral stellen können.

Kann man den Abiturientinnen und Abiturienten dieses Jahr einen Bonus bei der Bewertung der Prüfungen geben, um die schwierigen Bedingungen zu berücksichtigen?
Das kann ich mir nicht vorstellen. Es gab ja auch klare Absprachen der Länder zum Abitur. Da kann nicht auf einmal ein Bundesland sagen: Wir geben jetzt mal unseren Abiturientinnen und Abiturienten einen Bonus. Im schlimmsten Fall würde man dann ja ein Bonus-Rennen zwischen den Bundesländern auslösen. Da sagt das eine Bundesland: Ich gebe jetzt mal einen Bonus von 0,1, und das nächste Bundesland sagt: Bei uns bekommen die Jugendlichen 0,2. Dann wären die Zeugnisse gar nicht mehr vergleichbar. Und die Noten hätten auch keine leistungsbezogene Grundlage. Auch jetzt schon sind die Abiturzeugnisse zwischen den Ländern nur bedingt vergleichbar, aber zumindest haben sie alle den Leistungsbezug.

Außerdem lässt sich ja auch hier nicht festmachen, wie nachteilig sich die Prüfungssituation für jeden einzelnen ausgewirkt hat. Sobald ich mich vom Leistungsbezug der Notengebung löse, wird das Ganze willkürlich und unkalkulierbar.

Zur Person

Porträt Thomas Böhm, Experte für Schulrecht
Experte für Schulrecht: Thomas Böhm
©privat
  • Thomas Böhm hat Rechtswissenschaft, Anglistik und Pädagogik in Bonn und Bochum studiert.
  • Er ist Dozent für Schulrecht und Rechtskunde am Institut für Lehrerfortbildung in Essen-Werden und führt bundesweite Seminare für Lehrkräfte und Schulleitungen durch.
  • Thomas Böhm ist Gründungsherausgeber der Zeitschrift „SchulRecht“.
  • Er ist auch Autor u. a. der Bücher „,Diese Note akzeptieren wir nicht‘. Welche Rechte Eltern in der Schule haben. Die beste Hilfe bei heiklen Schulrechtsfragen“ und „,Nein, du gehst jetzt nicht aufs Klo!‘ Was Lehrer dürfen”, beide mvg Verlag.