Pro und Kontra : Schulnoten – Ja oder Nein?

Schulnoten motivieren zu besseren Leistungen und schaffen eine landesweite Vergleich­barkeit, sagen die einen. Das „System Note“ ist unfair und schaut nur auf die Schwächen, finden die anderen. Was denn nun? Schulnoten – Ja oder Nein? Zwei Schulleiter antworten.

Sandra Hermes / 26. April 2018
Sind Schulnoten sinnvoll oder längst überholt? In dieser Frage gehen die Meinungen auseinander.
Sind Schulnoten sinnvoll oder längst überholt? In dieser Frage gehen die Meinungen auseinander.
©fotolia

Kontra Schulnoten

Thilo Engelhardt ist Schulleiter der Waldparkschule in Heidelberg. Die Gemeinschaftsschule ermöglicht alle drei allgemeinbildenden Schulabschlüsse. Seit fünf Jahren arbeitet die Schule bis zur achten Klasse ohne Schulnoten.

„Würden wir mit Noten arbeiten, bräuchten wir die Skala von 1 bis 18. Denn anders kann man die unterschiedlichen Niveaustufen in einer integrierenden Schulform gar nicht abbilden. Jeder Schüler arbeitet in jedem Fach auf seinem Leistungsniveau. Wir haben für uns entschieden, dass wir den Schülern eine persönlichere Rückmeldung geben und ihnen nicht pauschal einfach eine wenig aussagekräftige Note hinknallen wollen. Besonders wichtig ist uns der wöchentliche Termin, den jeder Schüler mit einem Lehrer hat. In diesen Coaching-Gesprächen wird immer versucht, den positiven Blick zu schärfen. Wir sagen nicht ,Das ist eine Vier oder Fünf‘, sondern fragen: ,Was hat bisher schon gut geklappt, wo sind deine Stärken, und bei welchen Baustellen können wir dir helfen?‘ Denn nur wenn die Schüler ihre Stärken erleben können, sind sie auch bereit, sich ihren Schwächen zu stellen.

Würden wir mit Noten arbeiten, bräuchten wir die Skala von 1 bis 18.
Thilo Engelhardt, Schulleiter Waldparkschule, Heidelberg

Hat ein Kind dann in seinem Tempo sein Lernziel erreicht, entscheidet es sich selbst dafür, den entsprechenden Test zum Thema zu schreiben. Bei uns muss nicht jeder zur gleichen Zeit dasselbe Ergebnis erzielen – wir lassen den Menschen unterschiedliche Wege. Früher haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Kinder nur für den Tag des Tests gelernt haben. Ich nenne das gerne ,Bulimie-Lernen‘. Die Schüler lernen für die Arbeit, gehen ins Klassenzimmer, schreiben den Test, gehen raus und versuchen, möglichst schnell alles zu vergessen, was sie sich vorher ins Hirn gehauen haben. Der Test ist ja vorbei! Ein solches Verhalten beobachten wir heute nicht mehr.

Statt eines Notenzeugnisses gibt es in der Waldparkschule regelmäßig Lernbriefe. Zweimal im Jahr erhalten die Schüler ein ausführliches Kompetenzraster, in dem die erreichten Kompetenzen eingefärbt sind. Zudem gibt es zwei Lernentwicklungsgespräche mit den Eltern. Außerdem führt der Schüler selbstständig ein Lerntagebuch. Unser Rückmeldesystem bietet die Möglichkeit, viel näher an den tatsächlichen Fähigkeiten und Baustellen des Kindes zu sein. Kompetenzraster haben den großen Vorteil, dass man genauer sieht, wo sich die Problemlagen eines Kindes verstecken. Denn bei einer klassischen Vier in Deutsch wissen weder Kind noch Eltern, ob es an der Rechtschreibung, der Grammatik oder dem Lesen lag. In einem Kompetenzraster ist das deutlich ablesbar.

Thilo Engelhardt leitet die Waldparkschule Heidelberg. Erst ab der neunten Klasse erhalten die Schülerinnen und Schüler dort Noten.
Thilo Engelhardt leitet die Waldparkschule Heidelberg. Erst ab der neunten Klasse erhalten die Schülerinnen und Schüler dort Noten.
©Phillip Rothe

Die Eltern müssen sich in unser System erst mal reindenken. Denn eigentlich haben es ja alle anders erlebt und können sich deshalb nicht vorstellen, dass es funktioniert. Aber wenn sie einmal verstanden haben, dass es eine wesentlich transparentere und klarere Rückmeldung für die Eltern und auch für die Kinder gibt, wenn ihnen klar wird, dass es nicht nur um Notenverzicht, sondern um eine ganz andere Lernkultur geht, dann sind sehr viele dafür zu gewinnen. Dafür sprechen auch unsere Anmeldezahlen: Als wir angefangen haben, ohne Noten zu arbeiten, hatten wir 194 Schüler – jetzt haben wir 450.

Uns ist besonders wichtig, den Schülern ein Gefühl dafür zu geben, dass das Abi nicht der beste Schulabschluss ist. Ich glaube, der beste Abschluss ist immer der, der es dem Schüler ermöglicht, ins Leben entlassen zu werden, und mit dem er glücklich ist. Und da ist der Hauptschulabschluss genauso viel wert wie ein Realschulabschluss oder Abitur. Wir müssen nicht alle Gehirnchirurgen werden!

Uns ist es besonders wichtig, den Schülern ein Gefühl dafür zu geben, dass das Abi nicht der beste Schulabschluss ist.
Thilo Engelhardt, Schulleiter Waldparkschule, Heidelberg

Aber ganz ohne Noten geht es auch bei uns nicht. Wenn es ab der neunten Klasse auf die ersten Abschlüsse zugeht, bekommen die Schüler auch in der Waldparkschule die klassischen Schulnoten. Dann ist aber auch die Entscheidung in einem Beratungsgespräch gefallen, welchen Abschluss sie anstreben, und sie können die Noten emotional anders einordnen. Die Schüler treten danach in eine Welt, die darauf ausgelegt ist, dass sie eine Notenrückmeldung mitbekommen – und wenn wir die völlig vorenthalten würden, dann entlassen wir die Schülerinnen und Schüler nicht ins Leben.

Wenn ich mal über die Schulmauern hinwegblicke, hat das ganze Notensystem auf jeden Fall auch eine gesellschaftliche Brisanz. Letztendlich entscheiden die Schulnoten über die Zukunftschancen von Menschen. Bei uns gibt es Schüler, die in Mathematik auf dem erweiterten Niveau arbeiten, die in Deutsch aber einfach Schwächen haben. Sie werden deswegen kein Abitur machen und folglich auch nicht Mathematik studieren. Ist das gerecht? Man muss sich fragen, wie wir mit unseren gesellschaftlichen Ressourcen umgehen, wenn wir Menschen, die eine besondere Fähigkeit haben, die Möglichkeit nehmen, sie auch auszubauen.“


Pro Schulnoten

Elke Grammerstorf ist Schulleiterin der Grundschule Kaulsdorf. Noten gibt es in der Berliner Privatschule schon ab der ersten Klasse. Für viele Eltern ein Grund, ihr Kind gerade hier einzuschulen.

„Ich bin für Schulnoten. Schon in der Grundschule, aber auch gerade in den weiterführenden Schulformen. Für mich persönlich gehören Schule und Zensuren unmittelbar zusammen. Ein undifferenziertes Lob ist für mich nicht klar genug. Noten schaffen dagegen Orientierung. Ich denke, dass Noten anspornen können. Sie fordern Leistungswillen, Anstrengungsbereitschaft und die Fähigkeit, sich selbst zu disziplinieren. Ich finde, dass Kinder auch lernen müssen, mit Misserfolg umzugehen – wichtig ist, dass man wieder aufsteht.

Für Kinder ist ihre eigene Leistung durch den Maßstab Schulnote viel besser zu erfassen.
Elke Grammerstorf, Schulleiterin Grundschule Kaulsdorf, Berlin
Elke Grammerstorf ist Schulleiterin der Grundschule Kaulsdorf. Sie ist vom Konzept der Leistungsbewertung durch Noten überzeugt.
Elke Grammerstorf ist Schulleiterin der Grundschule Kaulsdorf. Sie ist vom Konzept der Leistungsbewertung durch Noten überzeugt.
©Grammerstorf

Für Kinder ist ihre eigene Leistung durch den Maßstab Schulnote viel besser zu erfassen. Sie können abschätzen, wie groß der Unterschied zwischen einer Zwei und einer Drei ist. Sie können sich freuen, wenn sie sich um eine Note verbessert haben oder bekommen bei einer Verschlechterung die Rückmeldung: ,Okay, ich muss was tun!‘

Mir ist wichtig, dass Zensurengebung immer Ausdruck von Vertrauen ist. Die Kinder müssen uns Pädagogen vertrauen, dass wir sie nach bestem Wissen und Gewissen beurteilen. Eine schlechte Note bleibt nie für sich stehen. Im Gespräch erklären wir, warum es diesmal eine Vier wurde, und was man gemeinsam tun kann, damit es beim nächsten Mal besser wird. Oder wir loben ein Kind, das sich vorher am unteren Leistungsniveau befand, ausdrücklich für eine Drei. Auch den persönlichen Erfolg gilt es zu würdigen.

Letztlich wachsen unsere Kinder in einer Wettbewerbsgesellschaft auf. Auch in Zukunft wird man sie ständig bewerten. Setzt die Notengebung erst in der weiterführenden Schule oder später ein, kommt dann das böse Erwachen.

Und das schätzen offenbar auch unsere Eltern so ein. Denn sie melden ihre Kinder ja auch hier an, weil wir schon ab der ersten Klasse Zensuren geben. Es ist eine bewusste Entscheidung. Eltern von Quereinsteigern sind oft sogar froh, wenn sie die Defizite ihres Kindes einmal als Note vor sich haben. Denn dann wissen sie, woran sie sind, und können gemeinsam mit ihrem Kind etwas tun.

Wir sind auch in der Situation, dass das Kollegium geschlossen hinter der Zensurengebung steht. Denn auch Lehrer, die sich bei uns bewerben, wissen, dass das unser Weg ist. Und wenn sie hier anfangen, gehen sie ihn mit und vertreten ihn auch überzeugt nach außen.

Am Ende bleiben Schulnoten auch in der Arbeitswelt wichtig. Betriebe gucken verstärkt auf das Sozialverhalten. In unseren Zeugnissen gibt es auch Noten zu Betragen, Mitarbeit, Ordnung und Fleiß. Für einen Ausbilder ist es wichtig, dass er auf den ersten Blick sieht, ob sich ein künftiger Azubi benehmen kann und pünktlich ist. Das ist oft sogar wichtiger als andere Noten.“

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