Debatte : Schulnoten – Ja oder Nein?

Der Streit über das Für und Wider von Zensuren und Ziffernzeugnissen ist so alt wie das Schulnotensystem selbst. Befürworter argumentieren, dass Schulnoten Vergleichbarkeit schaffen und zu mehr Leistung motivieren. Viele Bildungsforscherinnen und -forscher sowie Praktikerinnen und Praktiker dagegen plädieren für alternative Formen der Leistungsbewertung, die individuell statt vergleichend sind und die die Lernentwicklung stärker berücksichtigen. Dass erfolgreiches Lernen auch ohne Noten möglich ist, zeigen zahlreiche Schulen in der täglichen Praxis. Dieser Beitrag bietet einen aktuellen Überblick über die Debatte und über Praxisbeispiele aus Schulen.
Florentine Anders 15. September 2021 3 Kommentare
Das Zeugnis einer Schülerin der dritten Klasse (Symbolbild)
Das Zeugnis einer Schülerin der dritten Klasse (Symbolbild)
©dpa
In der Bildungsforschung ist die Kritik an den Schulnoten schon lange unüberhörbar. Ziffernnoten, so heißt es häufig, würden dem Anspruch zeitgemäßer Leistungsbeurteilung nicht mehr gerecht. Die Rückmeldung in Form einer Note zwischen 1 und 6 sei wenig differenziert und könne den individuellen Lernprozess kaum abbilden. Trotzdem werden Schülerinnen und Schüler bis heute vorwiegend durch Noten bewertet. Es gibt allerdings auch immer mehr Schulen, die weitgehend auf Ziffernnoten

Ab wann gibt es Notenzeugnisse in der Grundschule?

Die Frage der Bewertung durch Schulnoten wird in den Bundesländern unterschiedlich geregelt. Meist beginnt die Notengebung in der zweiten oder dritten Klasse. Oft gibt es aber besondere Modelle an einzelnen Schulen, die es ermöglichen, auf Ziffernnoten bei der Leistungsbewertung zu verzichten.

So können beispielsweise in Hessen seit dem Schuljahr 2020/21 „Pädagogisch selbstständige Schulen“schriftliche Bewertungen statt Ziffernnoten geben. Pro Jahr haben 30 Schulen die Möglichkeit, einen Antrag auf „pädagogische Selbstständigkeit“ zu stellen. In Berlin können Gemeinschaftsschulen bis zur achten Jahrgangsstufe auf Noten verzichten. An den Gemeinschaftsschulen lernen die Kinder von der ersten bis mindestens zur zehnten Klasse. Ein Notenzeugnis für den Übergang an eine weiterführende Schule ist deshalb in der Regel nicht nötig.

Bayern hatte 2014/15 für Kinder der Klassen eins bis drei zum Halbjahr Lernentwicklungsgespräche eingeführt, die die Halbjahreszeugnisse ersetzen können. Jahreszeugnisse gibt es in Bayern ab dem Ende der zweiten Klasse.

Aber es gibt auch gegenläufige Tendenzen. Oft ist es eine politische Entscheidung, ab wann es Noten gibt. In Schleswig-Holstein etwa hat die Kultusministerin Karin Prien (CDU) im Schuljahr 2018/19 Notenzeugnisse ab der dritten Klasse per Schulgesetz wieder zum Regelfall gemacht. Vorher konnten die Schulen in den Schulkonferenzen selbst entscheiden, ob sie in der dritten Klasse lieber auf alternative Leistungsbewertungen setzen. Allerdings machten nur etwa ein Drittel der Schulen davon Gebrauch. Im Interview mit dem Schulportal sagte Prien dazu: „Viele Eltern wünschen sich Noten und wünschen sich klare Orientierung, Leistungsrückmeldung und Vergleichbarkeit. Notenzeugnisse liefern Beurteilungen nach klaren Kriterien, die den Lehrkräften durch die Fachanforderungen und die Bildungsstandards vorgegeben sind. In der neuen Grundschulverordnung werden daher Notenzeugnisse verpflichtend eingeführt, allerdings können sich die Grundschulen, die das wünschen, durch Schulkonferenzbeschluss dafür entscheiden, Berichtszeugnisse zu erstellen.“ Als wichtige Orientierungshilfe bezeichnet auch Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, die Schulnoten in seinem Gastbeitrag für das Schulportal.

Wie gerecht sind Schulnoten?

Befürworterinnen und Befürworter von Schulnoten verweisen häufig auf die Vergleichbarkeit und weitgehende Objektivität. Zeugnisse entscheiden schließlich über die Aufnahme an einer weiterführenden Schule oder bei der Bewerbung für eine Ausbildung oder für ein Studium. Für welche Leistung es welche Note gibt, ist in den Verordnungen der Länder transparent geregelt. Bei der Notenbildung fließen sowohl schriftliche als auch mündliche Leistungen sowie sonstige Leistungen (z.B. praktische Leistungen in Sport oder musischen Fächern) in einer rechtlich vorgegebenen Gewichtung ein. Gleichzeitig gibt es in den Regelungen der Länder auch immer einen pädagogischen Beurteilungsspielraum. Eltern können Noten juristisch anfechten, wenn die Formalien nicht eingehalten wurden. Doch machen diese gesetzlichen Vorgaben die Ziffernzeugnisse wirklich gerecht und objektiv?

Die Forscher Franz Baeriswyl, Kai Maaz und Ulrich Trautwein belegen in ihrer 2012 publizierten Studie „Herkunft zensiert? Leistungsdiagnostik und soziale Ungleichheiten in der Schule“, dass die Wirklichkeit von diesen Idealvorstellungen abweicht. Das zentrale Ergebnis ihrer Untersuchung lautet: „Die Herkunft wird mitzensiert.“ Die Bildungswissenschaftler gehen davon aus, dass eine wirklich unabhängige Leistungsmessung ein „stets unerreichbares Leitziel“ bleibt.

Eine besondere Bedeutung bekommen die Noten, wenn es um die Übergänge von der Grundschule in eine weiterführende Schule geht. Für die sogenannten Bildungsgangempfehlungen der Lehrkräfte sind die Noten zwar nicht das einzige, aber ein zentrales Kriterium. Welchen Einfluss haben die soziale und ethnische Herkunft der Kinder, wenn es darum geht, ob sie am Gymnasium weiter lernen oder an einer anderen Schulform? „Lehrkräfte diskriminieren nicht ethnisch, sondern sozial“, sagte dazu der Soziologe Jörg Dollmann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung in einem Interview mit dem Schulportal.

Wie vergleichbar sind Abiturnoten?

Die Vergleichbarkeit der Abiturabschlüsse ist seit Jahren ein Thema. Grund dafür sind auch die NC-Regelungen bei den übernachgefragten Studienfächern. Auch die Einführung des zentralen Aufgabenpools im Jahr 2016 für einige Prüfungsfächer hat das Problem nicht gelöst.

Petra Stanat, Direktorin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), das für den Aufgabenpool verantwortlich ist, erklärte dazu im Interview vom 21. Juni 2019: „Jedes Bundesland entscheidet für sich, welche Aufgaben es aus dem jeweiligen Pool verwendet. Auch die Zusammenstellung von Aufgaben zu einer Abiturprüfung ist Sache der Länder. Bei Bedarf können an den Aufgaben derzeit noch Anpassungen vorgenommen werden, damit sie den landesspezifischen Rahmenbedingungen – zum Beispiel curriculare Vorgaben, unterrichtliche Schwerpunkte, Struktur der Abituraufgaben – gerecht werden.“

Hinzu kommt, dass sich die Abiturnote nicht nur aus den Prüfungsnoten zusammensetzen. In ihrer Ländervereinbarung vom Oktober 2020 haben sich die Kultusministerien der 16 Länder nun auf mehr Vergleichbarkeit beim Abitur geeinigt. Das ist auch ein Auftrag des Bundesverfassungsgerichtes. Der Numerus clausus im Studienfach Medizin sei mit dem Grundrecht auf freie Ausbildungswahl nur bedingt vereinbar, entschied das Bundesverfassungsgericht 2017 und gab damit der Klage zweier Studienbewerber teilweise recht (AZ: 1 BvL 3/14 und 1 BvL 4/14). In dem Urteil aus Karlsruhe heißt es, grundsätzlich sei die Vergabe nach den besten Abiturnoten, nach Wartezeit und nach einer Auswahl durch die Universitäten mit dem Grundgesetz zu vereinbaren. Allerdings müsse die Zahl der Wartesemester enger begrenzt, die Abiturnote nicht das einzige Kriterium und zugleich über Ländergrenzen hinweg vergleichbar sein.

Nun soll laut Ländervereinbarung einheitlich geregelt werden, welche Leistungen mit welcher Gewichtung in die Abiturnote einfließen. Zudem soll der zentrale Aufgabenpool für die Abschlussprüfungen verbindlicher werden. Beratung bei der Vereinheitlichung bekommen die Kultusministerien von der „Ständigen wissenschaftlichen Kommission“ der Kultusministerkonferenz (KMK).

Die Frage, ob ein Zentralabitur für mehr Gerechtigkeit sorgen würde, beleuchtete Bildungsexpertin Cornelia von Ilsemann in ihrem Gastbeitrag für das Schulportal.

Welche Konzepte gibt es für die Leistungsbewertung ohne Noten?

Wie Zeugnisse ohne Noten aussehen können, erklären Bildungsforscherin Silvia-Iris Beutel und Bildungsforscher Hans Anand Pant in ihrem Buch „Lernen ohne Noten. Alternative Konzepte der Leistungsbeurteilung“, das 2019 im Kohlhammer-Verlag erschienen ist. Darin heißt es: „Im Fokus der aktuellen pädagogischen Debatten in Wissenschaft und Praxis zur Leistungserbringung und Leistungsförderung in der Schule stehen verschiedene Fragestellungen. Das sind vor allem das Zusammenspiel der Qualität von Lehren und Lernen, die Individualisierung von Lernen und Bildung, die Inklusion, die Förderung von Resilienz und die gesellschaftlich funktionale Integration der Kinder und Jugendlichen in die Demokratie, die Berufswelt und den Markt in einer offenen Gesellschaft in Freiheit und Verantwortung. Vor diesem Hintergrund stellt der neuere Diskurs zu differenzierenden Formen der Leistungsbeurteilung die Lernenden als Akteure ihrer Bildungswege in den Mittelpunkt. „Lernen ohne Noten“ ist dann zwar das Stichwort, gemeint ist dabei jedoch nicht das prinzipielle Abschaffen von rationalisierten Formen der Leistungsbeurteilung, sondern eine besonders effiziente Form der Förderung des Lernens durch Verständigung und Mitverantwortung der Lernenden für ihren Erfolg und die hierfür notwendige Motivation und Kommunikation – die dann nach differenzierten Formen der Rückmeldung und Verständigung fragt und damit vorzugsweise über Sprache stattfinden soll.“

Das Schulportal hat ein Auszug aus dem Buch veröffentlicht. Zu den wichtigsten Fragen beziehen Beutel und Pant zudem in einem Video-Interview in für Teilen Position.

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Warum gibt es immer noch Ziffernnoten?

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Wie hängen Lernen und Leistungsbeurteilung zusammen?

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Wie können Zeugnisse ohne Noten aussehen?

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Was zeichnet eine alternative Lern- und Feedbackkultur aus?

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Warum ist Lernen ohne Noten die Zukunft?

Wo sind gute Praxisbeispiele für Zeugnisse ohne Noten zu finden?

Ausgezeichnete Schulen zeigen, dass das Lernen ohne Noten nicht nur möglich ist, sondern dass alternative Leistungsbeurteilungen sogar lernförderlich sein können.

An der Anne-Frank-Schule Bargteheide etwa basiert das Beurteilungssystem auf einer Kombination aus Portfolioarbeit und Lernentwicklungsgesprächen. Für die individuelle Lernentwicklung der Schülerinnen und Schüler bringt dieses Beurteilungssystem vielfältige Vorteile mit sich. Mehr zum Konzept finden Sie hier.

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In der Waldparkschule Heidelberg zum Beispiel gibt es bis zur achten Klasse keine Zensuren. Die Schülerinnen und Schüler treffen sich jede Woche mit ihrem Lehrer oder ihrer Lehrerin zu einem persönlichen Coaching-Gespräch, regelmäßige Lernbriefe ersetzen herkömmliche Notenzeugnisse, und Lerntagebücher helfen den Kindern der Waldparkschule zu verstehen, wo sie aktuell stehen und welches Lernziel sie als Nächstes anpeilen. Das Konzept des individuellen Lerncoachings haben wir auf dem Schulportal ausführlich dargestellt.

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Das Zusammenspiel von verschiedenen Instrumenten der Lern- und Feedbackkultur soll an der IGS List in Hannover zur Entwicklung der Persönlichkeit und zu erfolgreichen Lernprozessen beitragen. Mehr zum Konzept „Lernen im Dialog gestalten“ erfahren Sie hier.

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Die Leistungsbeurteilung an der IGS Franzsches Feld in Braunschweig ist von einem Dialog zwischen den Lehrkräften und den Lernenden geprägt. Die Schülerinnen und Schüler erhalten Lernentwicklungsberichte in Form von Briefen mit einem individuellen und differenzierten Feedback zu ihrem Lern-, Arbeits- und Sozialverhalten. Die Kinder und Jugendlichen haben Gelegenheit, in einem eigenen Schreiben an ihre Lehrerinnen und Lehrer darauf zu reagieren. Sie können den Austausch aber auch nutzen, um Wünsche oder Kritik zu äußern. Hier geht es zum Konzept „Leistungsbewertung im Dialog“ der IGS Franzsches Feld, mit Materialien der Schule zum Download.

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Noch mehr Konzepte gibt es in unserem Dossier „Leistungsbewertung ohne Noten“.

Pro und Contra Schulnoten – eine Schulleiterin und ein Schulleiter beziehen Position

Das Schulportal hatte 2018 zwei Schulen gebeten, ihre Position zum Thema Schulnoten in einem Pro und Contra zu Protokoll zu geben. Die Grundschule Kaulsdorf ist eine Schule in freier Trägerschaft in Berlin, die schon ab der ersten Klasse auf Noten setzt. Die Waldparkschule Heidelberg dagegen verzichtet bis zur achten Klasse auf Noten. (aufgeschrieben von Sandra Hermes)

Pro Schulnoten

Elke Grammerstorf ist Schulleiterin der Grundschule Kaulsdorf. Noten gibt es in der Berliner Privatschule schon ab der ersten Klasse. Für viele Eltern ein Grund, ihr Kind gerade hier einzuschulen.

„Ich bin für Schulnoten. Schon in der Grundschule, aber auch gerade in den weiterführenden Schulformen. Für mich persönlich gehören Schule und Zensuren unmittelbar zusammen. Ein undifferenziertes Lob ist für mich nicht klar genug. Noten schaffen dagegen Orientierung. Ich denke, dass Noten anspornen können. Sie fordern Leistungswillen, Anstrengungsbereitschaft und die Fähigkeit, sich selbst zu disziplinieren. Ich finde, dass Kinder auch lernen müssen, mit Misserfolg umzugehen – wichtig ist, dass man wieder aufsteht.

Für Kinder ist ihre eigene Leistung durch den Maßstab Schulnote viel besser zu erfassen.
Elke Grammerstorf, Schulleiterin der Grundschule Kaulsdorf
Elke Grammerstorf ist Schulleiterin der Grundschule Kaulsdorf. Sie ist vom Konzept der Leistungsbewertung durch Noten überzeugt.
Elke Grammerstorf ist Schulleiterin der Grundschule Kaulsdorf. Sie ist vom Konzept der Leistungsbewertung durch Noten überzeugt.
©Grammerstorf

Für Kinder ist ihre eigene Leistung durch den Maßstab Schulnote viel besser zu erfassen. Sie können abschätzen, wie groß der Unterschied zwischen einer Zwei und einer Drei ist. Sie können sich freuen, wenn sie sich um eine Note verbessert haben oder bekommen bei einer Verschlechterung die Rückmeldung: ,Okay, ich muss was tun!‘

Mir ist wichtig, dass Zensurengebung immer Ausdruck von Vertrauen ist. Die Kinder müssen uns Pädagogen vertrauen, dass wir sie nach bestem Wissen und Gewissen beurteilen. Eine schlechte Note bleibt nie für sich stehen. Im Gespräch erklären wir, warum es diesmal eine Vier wurde, und was man gemeinsam tun kann, damit es beim nächsten Mal besser wird. Oder wir loben ein Kind, das sich vorher am unteren Leistungsniveau befand, ausdrücklich für eine Drei. Auch den persönlichen Erfolg gilt es zu würdigen.

Letztlich wachsen unsere Kinder in einer Wettbewerbsgesellschaft auf. Auch in Zukunft wird man sie ständig bewerten. Setzt die Notengebung erst in der weiterführenden Schule oder später ein, kommt dann das böse Erwachen.

Und das schätzen offenbar auch unsere Eltern so ein. Denn sie melden ihre Kinder ja auch hier an, weil wir schon ab der ersten Klasse Zensuren geben. Es ist eine bewusste Entscheidung. Eltern von Quereinsteigern sind oft sogar froh, wenn sie die Defizite ihres Kindes einmal als Note vor sich haben. Denn dann wissen sie, woran sie sind, und können gemeinsam mit ihrem Kind etwas tun.

Wir sind auch in der Situation, dass das Kollegium geschlossen hinter der Zensurengebung steht. Denn auch Lehrer, die sich bei uns bewerben, wissen, dass das unser Weg ist. Und wenn sie hier anfangen, gehen sie ihn mit und vertreten ihn auch überzeugt nach außen.

Am Ende bleiben Schulnoten auch in der Arbeitswelt wichtig. Betriebe gucken verstärkt auf das Sozialverhalten. In unseren Zeugnissen gibt es auch Noten zu Betragen, Mitarbeit, Ordnung und Fleiß. Für einen Ausbilder ist es wichtig, dass er auf den ersten Blick sieht, ob sich ein künftiger Azubi benehmen kann und pünktlich ist. Das ist oft sogar wichtiger als andere Noten.“

Kontra Schulnoten

Thilo Engelhardt ist Schulleiter der Waldparkschule in Heidelberg. Die Gemeinschaftsschule ermöglicht alle drei allgemeinbildenden Schulabschlüsse. Seit fünf Jahren arbeitet die Schule bis zur achten Klasse ohne Schulnoten.

„Würden wir mit Noten arbeiten, bräuchten wir die Skala von 1 bis 18. Denn anders kann man die unterschiedlichen Niveaustufen in einer integrierenden Schulform gar nicht abbilden. Jeder Schüler arbeitet in jedem Fach auf seinem Leistungsniveau. Wir haben für uns entschieden, dass wir den Schülern eine persönlichere Rückmeldung geben und ihnen nicht pauschal einfach eine wenig aussagekräftige Note hinknallen wollen. Besonders wichtig ist uns der wöchentliche Termin, den jeder Schüler mit einem Lehrer hat. In diesen Coaching-Gesprächen wird immer versucht, den positiven Blick zu schärfen. Wir sagen nicht ,Das ist eine Vier oder Fünf‘, sondern fragen: ,Was hat bisher schon gut geklappt, wo sind deine Stärken, und bei welchen Baustellen können wir dir helfen?‘ Denn nur wenn die Schüler ihre Stärken erleben können, sind sie auch bereit, sich ihren Schwächen zu stellen.

Würden wir mit Noten arbeiten, bräuchten wir die Skala von 1 bis 18.
Thilo Engelhardt, Schulleiter Waldparkschule, Heidelberg

Hat ein Kind dann in seinem Tempo sein Lernziel erreicht, entscheidet es sich selbst dafür, den entsprechenden Test zum Thema zu schreiben. Bei uns muss nicht jeder zur gleichen Zeit dasselbe Ergebnis erzielen – wir lassen den Menschen unterschiedliche Wege. Früher haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Kinder nur für den Tag des Tests gelernt haben. Ich nenne das gerne ,Bulimie-Lernen‘. Die Schüler lernen für die Arbeit, gehen ins Klassenzimmer, schreiben den Test, gehen raus und versuchen, möglichst schnell alles zu vergessen, was sie sich vorher ins Hirn gehauen haben. Der Test ist ja vorbei! Ein solches Verhalten beobachten wir heute nicht mehr.

Thilo Engelhardt leitet die Waldparkschule Heidelberg. Erst ab der neunten Klasse erhalten die Schülerinnen und Schüler dort Noten.
Thilo Engelhardt leitet die Waldparkschule Heidelberg. Erst ab der neunten Klasse erhalten die Schülerinnen und Schüler dort Noten.
©Phillip Rothe

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Statt eines Notenzeugnisses gibt es in der Waldparkschule regelmäßig Lernbriefe. Zweimal im Jahr erhalten die Schüler ein ausführliches Kompetenzraster, in dem die erreichten Kompetenzen eingefärbt sind. Zudem gibt es zwei Lernentwicklungsgespräche mit den Eltern. Außerdem führt der Schüler selbstständig ein Lerntagebuch. Unser Rückmeldesystem bietet die Möglichkeit, viel näher an den tatsächlichen Fähigkeiten und Baustellen des Kindes zu sein. Kompetenzraster haben den großen Vorteil, dass man genauer sieht, wo sich die Problemlagen eines Kindes verstecken. Denn bei einer klassischen Vier in Deutsch wissen weder Kind noch Eltern, ob es an der Rechtschreibung, der Grammatik oder dem Lesen lag. In einem Kompetenzraster ist das deutlich ablesbar.

Die Eltern müssen sich in unser System erst mal reindenken. Denn eigentlich haben es ja alle anders erlebt und können sich deshalb nicht vorstellen, dass es funktioniert. Aber wenn sie einmal verstanden haben, dass es eine wesentlich transparentere und klarere Rückmeldung für die Eltern und auch für die Kinder gibt, wenn ihnen klar wird, dass es nicht nur um Notenverzicht, sondern um eine ganz andere Lernkultur geht, dann sind sehr viele dafür zu gewinnen. Dafür sprechen auch unsere Anmeldezahlen: Als wir angefangen haben, ohne Noten zu arbeiten, hatten wir 194 Schüler – jetzt haben wir 450.

Uns ist besonders wichtig, den Schülern ein Gefühl dafür zu geben, dass das Abi nicht der beste Schulabschluss ist. Ich glaube, der beste Abschluss ist immer der, der es dem Schüler ermöglicht, ins Leben entlassen zu werden, und mit dem er glücklich ist. Und da ist der Hauptschulabschluss genauso viel wert wie ein Realschulabschluss oder Abitur. Wir müssen nicht alle Gehirnchirurgen werden!

Aber ganz ohne Noten geht es auch bei uns nicht. Wenn es ab der neunten Klasse auf die ersten Abschlüsse zugeht, bekommen die Schüler auch in der Waldparkschule die klassischen Schulnoten. Dann ist aber auch die Entscheidung in einem Beratungsgespräch gefallen, welchen Abschluss sie anstreben, und sie können die Noten emotional anders einordnen. Die Schüler treten danach in eine Welt, die darauf ausgelegt ist, dass sie eine Notenrückmeldung mitbekommen – und wenn wir die völlig vorenthalten würden, dann entlassen wir die Schülerinnen und Schüler nicht ins Leben.

Wenn ich mal über die Schulmauern hinwegblicke, hat das ganze Notensystem auf jeden Fall auch eine gesellschaftliche Brisanz. Letztendlich entscheiden die Schulnoten über die Zukunftschancen von Menschen. Bei uns gibt es Schüler, die in Mathematik auf dem erweiterten Niveau arbeiten, die in Deutsch aber einfach Schwächen haben. Sie werden deswegen kein Abitur machen und folglich auch nicht Mathematik studieren. Ist das gerecht? Man muss sich fragen, wie wir mit unseren gesellschaftlichen Ressourcen umgehen, wenn wir Menschen, die eine besondere Fähigkeit haben, die Möglichkeit nehmen, sie auch auszubauen.“

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